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Nach Brand in St. Pauli: Des Pudels Kern

Von

Der "Pudel" vor dem Brand: Party und Widerstand Fotos
Katja Ruge

Warum weinen so viele, nachdem am Wochenende Flammen den Golden Pudel Club zerstörten? Die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung. Die Lücke wäre kaum zu füllen, die das Zentrum der alternativen Szene Hamburgs hinterlassen würde.

Die bestürzten Tweets und Facebook-Nachrichten kamen am Sonntagmorgen in schneller Frequenz; Newsmeldungen gab es nicht nur von der lokalen Presse, sondern mit besorgtem Unterton auch von Magazinen wie "Resident Advisor", "Mixmag" oder "Fact" - Autoritäten im Bereich der elektronischen Musik: Der "Pudel" hat gebrannt.

Das Feuer war kurz nach 3 Uhr morgens in einem Anbau des Golden Pudel Clubs am St.-Pauli-Fischmarkt ausgebrochen. Die Flammen griffen auf den Dachstuhl des Gebäudes über, in dessen Untergeschoss rund 150 Menschen feierten. Sie blieben unverletzt. Die Polizei geht von schwerer Brandstiftung aus, wie ein Sprecher am Montag bestätigte. Nun gilt, was das deutsche Klubkulturmagazin "Groove" auf den Satz brachte: "Hamburg weint - und die Welt weint mit".

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Brand in Kultclub: "Golden Pudel Club" schwer beschädigt
Warum so viel Anteilnahme an einem Klub, in den gar nicht so sehr viele Partygänger hineinpassten - und der manche sogar abschreckte mit seinen von Graffiti übersäten Wänden und fragwürdigen Toiletten? Sicher nicht nur, weil man auf der Hafentreppe davor in lauschigen Sommernächten so schön sitzen und auf die Elbe blicken kann.

Nein, der Golden Pudel Club ist ein Symbol dafür, was sich mit Eigensinn und Widerstandsgeist aufbauen und bewahren lässt.

Entstanden war der Pudel Club im Geiste des Fun-Punk, dem die Goldenen Zitronen zugerechnet wurden - auch wenn das Schorsch Kamerun schon damals nicht gerne hörte. Kamerun hatte den Klub in den späten Achtzigerjahren zusammen mit Rocko Schamoni gegründet.

Doch zu "Pudel"-Anfangszeiten war Schamoni damit beschäftigt, sich als Sänger deutsche Schlager der Siebzigerjahre anzueignen - Jahre vor den allfälligen Schlagerparaden. Seltsame Coolnesscodes waren das in der Schanzenstraße, die dem Autor dieser Zeilen als Musiker einer gastierenden Provinzband ganz schön fremd vorkamen - aber auch attraktiv.

Spielplatz der Hamburger Schule

Als einige Jahre später Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic dem Sammelbegriff "Hamburger Schule" zugeordnet wurden, da waren sicher andere Bars in St. Pauli wie der Sorgenbrecher oder das Heinz Karmers Tanzcafé die wichtigeren Treffpunkte - die Klassenräume, sozusagen. Der Golden Pudel Club, wie er seit seiner Wiedereröffnung 1994 in dem ehemaligen Schmugglerknast am Hafenrand hieß, war dafür so was wie der Spielplatz der Hamburger Schule.

Der "Pudel" bestach in jener Zeit durch seine Unberechenbarkeit. Dort konnten Konzerte stattfinden, bei denen nur zwei Bandmitglieder Platz auf der Bühne fanden und der Schlagzeuger im Fensterbrett saß. Dort trafen sich Bildende Künstler und ihre Freunde und riefen eine eigene Kunstakademie aus. Dort hatte der DJ anfangs nur einen Plattenspieler zur Verfügung, aber dafür auch ein Mikrofon: Kommentiertes Auflegen - getanzt wurde trotzdem, öfter mal wild und bis es hell wurde über der Elbe.

noooooooooo!!fire in my beloved livingroom...:-/

Posted by Move D on Sonntag, 14. Februar 2016

Dennoch ist es eine Kuriosität, dass die zweite Blüte, die der Golden Pudel Club nahm, mit der Musik von den Plattentellern zusammenhing. Ja, es gab dann zwei, und die Tanzfläche wurde auch vergrößert, doch es blieb eine Unmittelbarkeit und Nähe zwischen DJs und Tänzern, die selten ist. Heimische Größen wie DJ Koze, Lawrence und die Leute vom Minimal-House-Label Dial oder zuletzt auch Helena Hauff machten sich den "Pudel" zum Zuhause, zum Ort des Ausprobierens - das Ergebnis davon wird in den Klubs der Welt gehört.

Das inspirierte Booking von Leuten wie Ralf Köster führte dazu, dass DJs und Bands von weither den Weg in den "Pudel" fanden und nach kurzer Irritation ob der Örtlichkeiten schnell feststellten, dass hier auch Experimentelleres und Unbequemes sein Publikum fand. Wer der "Pudel"-Auswahl vertraute, hätte zum Beispiel die englischen Working-Class-Pöbler Sleaford Mods schon lange vor der Musikpresse entdecken können.

Solcher Wagemut und Trotz in der Programmgestaltung würde sicher fehlen in Hamburg, das sich zwar als Musikstadt brüstet, dessen Klub- und Livebandkultur übers Jahr längst nicht so vielfältig ist, wie das Reeperbahn Festival für drei Tage im Spätsommer suggeriert.

Bei dem von der Stadt unterstützten Festival machte der Golden Pudel Club nie mit, denn unbequem ist der "Pudel" auch für sein direktes Umfeld stets gewesen. Das St. Pauli, in dem Ende der Achtzigerjahre reihenweise Rotlichtbars schlossen und es sich günstig leben und feiern ließ, veränderte sich um den Golden Pudel Club herum rasant. Die Gentrifizierung vertrieb die Alteingesessenen - und der "Pudel" war einer der Gründe, die das Viertel attraktiv machten.

Die Goldenen Zitronen, über Jahre so was wie die Hausband des Pudel Clubs, vertonten 1996 in dem Song "0:30 Gleiches Ambiente" voller Abscheu in der Stimme so ein Gespräch zwischen zwei Werbern, das eben so auch am Pudel-Tresen hätte geführt werden können. Die kaufkräftigeren Neuankömmlinge ließen die Mieten steigen und weckten weitere Begehrlichkeiten.

Den stadtplanerischen Visionen von der "Perlenkette" an der Elbe hätte auch der Golden Pudel Club zum Opfer fallen können, doch gemeinsam mit Aktivisten und Künstlern wurde ein Park oberhalb des Klubs erkämpft. Die Materialien zum Projekt Park Fiction kamen in das ausgebaute Obergeschoss des Häuschens an der Hafentreppe, das Rocko Schamoni 2008 zusammen mit Wolf Richter gekauft hatte.

Doch die beiden alten Freunde entzweiten sich wegen unterschiedlicher Vorstellungen über die zukünftige Nutzung des Gebäudes. Schamoni betrieb den Golden Pudel Club im Untergeschoss, sein alter Freund Richter das eher konventionelle Restaurant "Oberstübchen" im Stockwerk darüber.

Für den 20. April war die Versteigerung des Gebäudes mit einem Verkehrswert von 510.000 Euro angesetzt. Der Mitbesitzer Wolf Richter hatte die Teilungsversteigerung erwirkt, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtete. Dagegen positionierte sich der "Pudel Verein für Gegenkultur", der sich die "Erhaltung selbstbestimmter Urbanität insbesondere auf dem Gelände des Golden Pudel Clubs" zum Ziel gesetzt hat.

THE GOLDEN PUDEL CLUB IN HAMBURG BURNT DOWN LAST NIGHT... THIS BROKE MY HEART! FUCK FUCKING VALENTINES DAY!

Posted by MODESELEKTOR (OFFICIAL SITE) on Sonntag, 14. Februar 2016

Der Brand am Wochenende führte nun dazu, dass das mehr als 100 Jahre alte Gebäude am Hafen vorerst nicht genutzt werden kann. Der Dachstuhl ist nach Einschätzung der Experten teilweise einsturzgefährdet. Klub-Mitgründer Schorsch Kamerun bezeichnete den Brand vom Wochenende als "merkwürdigen Zufall". Er wolle aber nicht über die Ursache spekulieren, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

"Wie es weitergeht, weiß gerade niemand", sagt sein langjähriger Mitstreiter Rocko Schamoni am Montag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ralf Köster und sein MFOC-Klub wichen am Sonntagabend kurzfristig auf einen anderen Hamburger Klub aus. "Es gibt einige unter uns, die bereits wieder Mut haben", sagt Schamoni, fügt aber hinzu: "Ich persönlich gehöre nicht zu denen. Ich kann das alles nicht mehr fassen, was soll denn noch passieren?"

Mit Material von dpa

to be continued ¿¿ xx k. #goldenpudelclub #mfoc #thefreaksarealright #pudelforever #hamburg #14 #myphotographicprotest

Ein von katja ruge I photography (@katjaruge) gepostetes Foto am

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insgesamt 17 Beiträge
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1. jede Ära
franz von list 15.02.2016
hat ihr Ende, so in new York, Berlin, London nun auch in Hamburg. Trauern wir nicht den alten Geistern nach. Die Hamburger Schule ist Geschichte genau wie die Beatles.Es werden sich neue kulturelle Szenen und Zentren auch in Hamburg bilden. Schanze, Sankpauli, alles nur noch Leute der Generation immonet. Hipster die sich kult kaufen aber nicht aufbauen
2. warmer Abbruch?
keksguru 15.02.2016
kennt man doch von irgendwoher.... nach den jahrelangen Querelen der beiden Eigentümer untereinander und dieser sehr seltsamen Auflösung der GbR hätt ich ohnehin nicht erwartet daß der Betrieb dort einfach so weiterläuft als ob nichts gewesen wäre.
3. Mehr Schein als sein...
Meinungskacke 15.02.2016
... was war mit dem Gebäude in den letzten Wochen, Monaten, gar Jahren? Außer dem Club im Erdgeschoss? Rückzugsstätte für Obdachlose, zunehmend verdreckt und Treffpunkt der Drogenszene rund um die St. Pauli Hafenstraße. Die Zeiten wo Ausschank stattfand, man entspannt auf den Stufen sitzen konnte ohne in Glassplitter oder sonstigen Unrat zu greifen, sind schon lange vorbei. Ich habe nur darauf gewartet - "Warmsanierungen" gabs im Viertel in den letzten Jahren einige.
4. Es wird neue Orte geben
HARK 15.02.2016
Die Zeit des Pudels war schon länger vorbei - und das Ambiente doch arg in die Jahre gekommen
5. Warme Betriebsaufgabe
wi_hartmann@t-online.de 15.02.2016
Branchenüblich, als Auslaufmodell heiße Geschäfts- aufgabe.
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