Gotscheff-Premiere Schnitzler-Gemetzeltes

Gewalt, Demütigung, Sex: Regisseur Dimiter Gotscheff weiß, wie man die Unmenschlichkeit des Menschen entlarvt. Doch seine aktuelle Berliner Inszenierung "Pulverfass" ermüdet irgendwann mit ihrem Bloßstellungsfuror.

Von Christine Wahl


Der Ex-Polizist Dimitrije, der in irgendeiner Balkan-Kneipe unter Aufbietung seiner letzten Kräfte nach einem Bier fingert, sieht nicht gut aus. "27 Knochen gebrochen, Schädelfraktur, das linke Bein acht Zentimeter kürzer, rechte Hand futsch, Lähmung der ganzen linken Seite", informiert er den Saufkumpan Angel, der soeben die Spelunke betreten hat.

"Autounfall?", fragt Angel. "Nee", kontert Dimitrije im prolligen Trainingsanzug: "Brechstange und Acht-Kilo-Hammer!" An die "verfickten Arschlöcher", die ihn mit besagten Utensilien krankenhausreif geschlagen haben, kann er sich allerdings nicht erinnern. "Neun-Kilo-Hammer", korrigiert Angel im Oberlehrerton.

Er muss es wissen, outet er sich doch schließlich selbst als Schläger - und schafft damit die Basis für freundschaftlichen Co-Alkoholismus. Denn spätestens als sich herausstellt, dass man quitt ist - der Ex-Polizist hatte Angel vormals bei einer Verkehrskontrolle mit einem Gummiknüppel zwischen die Beine geschlagen -, kommt die männerbündlerische Welt wieder in Ordnung. Erwartungsgemäß macht das Bühnentraumpaar Samuel Finzi und Wolfram Koch daraus eine Auftaktszene von tragik-grotesken Gnaden.

Gleichzeitig ist damit im Grunde aber auch schon alles gesagt, was den Balkan-Reigen "Das Pulverfass" des mazedonischen Autors Dejan Dukovski ausmacht: Seilschafts-Machismo, eine Aggressionsschwelle, angesichts derer die Formel "hohe Gewaltbereitschaft" von drolliger Niedlichkeit ist, und ein ungebrochen naturalistisches Verständnis dessen, was die zeitgemäße Philosophie "Phallozentrismus" zu nennen pflegt.

Die wunde Runde

Die restlichen zehn Szenen des 1996 in Skopje uraufgeführten Stückes, das seinerzeit - auch bei nachfolgenden deutschsprachigen Inszenierungen - natürlich stark im konkreten Kriegskontext rezipiert wurde, sind nur Variationen dieser Motive. Denn Dukovskis Stück versteht sich als groteske Übermalung von Arthur Schnitzlers "Reigen", in dem sich nacheinander zehn Paare zum Sex treffen und nach jeder Szene ein Partner ausgetauscht wird, während der andere in ein neues Bett steigt, bis der Kreis sich am Ende wieder schließt.

Dukovski übernimmt dieses Partner-wechsel-dich-Prinzip mit dem schönen Unterschied, dass hier nicht einvernehmlicher Beischlaf, sondern psychische und physische Gewaltexzesse mit Todesfolge praktiziert werden.

Wer überlebt, geht in die nächste Szene, um dort seinerseits mit einer Bierflasche erschlagen, einem Schraubenschlüssel gemeuchelt oder kurzerhand im Wassergraben, in den die leere, schräg nach vorn zulaufende Bühne von Anri Kulev mündet, ertränkt zu werden. Diese Struktur verleiht dem Stück einen modellhaft-grotesken Antinaturalismus in bester "Pulp Fiction"-Manier.

Und um dieses strukturell Groteske - nicht um konkrete Klein- oder Großkriege - geht es auch dem aus Bulgarien stammenden Regisseur Dimiter Gotscheff: Er nimmt das Stück zum Anlass einer gründlichen Dekonstruktion des (Balkan-)Machos schlechthin, indem er die Vorlage noch eine Schraube weiterdreht.

Gotscheff hebt dabei im Sinne der Gleichzeitigkeit von Täter- und Opfersein auch klare Rollenzuordnungen auf. Dasselbe hat er schon einmal vor acht Jahren beim "steirischen herbst" in Graz - in größtenteils anderer Besetzung - getan: Tatsächlich handelt es sich bühnenbildtechnisch und konzeptionell quasi um ein Remake. Für eine finanziell potente Institution wie die spielzeit europa der Berliner Festspiele, die den Abend in Co-Produktion mit dem Deutschen Theater Berlin produziert hat, ist so ein Wiederaufnahme-Vorgang schon merkwürdig - zumal das Thema in der Zwischenzeit zwar keineswegs vom Tisch, aber eben auch nicht direkt brisanter geworden ist.

Spielend schockieren

Dennoch macht es Spaß, Gotscheffs Schauspielerfamilie bei der lustvollen Exekution machistischer Klischees zuzusehen - selbst, wenn dabei keine neuen analytischen Erkenntnisse zum Sujet abfallen. Denn Slapstick, Nuancen, Tragikomik und Differenzierung beherrschen sie natürlich alle bestens: Birgit Minichmayrs Balkan-Braut bleibt noch als Vergewaltigungsopfer eine pragmatische Erscheinung mit einer jeden Machismo widerborstig widerlegenden Brüllkraft.

Sebastian Blomberg kann hervorragend zwischen dem tumben Obermacker und dem ängstlichen Kahlfaktor changieren, Valery Tscheplanowa singt toll, und Margit Bendokat umgeht mit raumwandlerischer Sicherheit die drohende Sentimentalitätsfalle, wenn sie als altes Balkan-Mütterchen über die Szene streicht und die Äpfel der Unschuld, die immer wieder über die Bühne rollen, in folgerichtiger Vergeblichkeit einzusammeln versucht.

Und für Bilder wie in der Gefängnisszene muss man die Gotscheff-Familie einfach lieben: Der Zellen-Obermacker (Magne-Havard Brekke) sitzt auf dem Toiletteneimer und schnippt mit dem Finger, woraufhin der Rest der Belegschaft nach Leibeskräften zu pressen und zu stöhnen beginnt.

Spätestens in der Mitte des zweistündigen Abends sind - in Stück wie Inszenierung - die Varianten für die Macht- und Demütigungsstrukturen allerdings aufgebraucht und setzen sich nur noch als Wiederholungsschleife fort: Der Rest ist Reigen.


"Das Pulverfass" Haus der Berliner Festspiele, bis Samstag, 25.10.; Mittwoch, 29.10.; Freitag, 31.10.2008



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