Grabscher Gottschalk Der Herrenwitzbold

Nächsten Samstag ist es soweit, dann grabscht er wieder bei "Wetten, dass …?". Aber wo endet eigentlich die Narrenfreiheit für Thomas Gottschalk?, fragt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".


Schon mal von einer "Google Bomb" gehört? Eine "Google Bomb" ist eine Art Internetstreich, bei welchem die Mechanismen ausgetrickst werden, mit der die Suchmaschine die Ergebnisse anordnet. Die bekannteste "Google Bomb" war lange Zeit der Suchbegriff "miserable failure" ("erbärmlicher Versager"), der direkt zur offiziellen Biographie von George W. Bush führte. So ganz funktioniert das mit Thomas Gottschalk noch nicht. Aber immerhin: Wer nach dem Begriff "Fremdschämen" sucht, bekommt als zweiten und als dritten Treffer Seiten, die sich mit dem "Wetten, dass ...?"-Moderator beschäftigen. Der Witz ist nur: In diesem Fall steckt gar kein Streich dahinter.

Längst also gehört es zur offiziellen Rezeptionsgeschichte, das Wort, das das Gefühl auf den Punkt bringt, welches jeden Auftritt Gottschalks begleitet, was es nicht leichter macht, sich auf die Seite derjenigen Kritiker zu schlagen, die pflichtbewusst am Montag nach der Sendung ihre Häme über Garderobe und Benehmen des Showmasters ausschütten. Der erhobene Zeigefinger ist nicht die wirkungsvollste Geste gegen Gottschalks Grabschereien, weil man ihn leicht für die typische Handbewegung der Moralisten hält, die grundsätzlich jede Respektlosigkeit im Fernsehen mit einem Verfall der Sitten verwechseln. Es ist schon klar: Als Clown vom Dienst des deutschen Fernsehens genießt auch Gottschalk Narrenfreiheit. Und trotzdem muss man ihm endlich mal gewaltig auf die Finger klopfen, weil es nicht sein kann, dass man sich nur als Freak verkleiden muss, um das Betatschen schöner Frauen vor zwölf Millionen Zuschauern als gesellschaftsfähiges Verhalten zu etablieren. Es mag ja Frauen geben, die ab und zu ganz gerne ein Kompliment über ihren Körper hören; aber bei Gottschalk ist das anerkennende Stöhnen längst zur Grußformel geworden.

Chauvi mit Charme

Was soll die ganze Aufregung, könnte man einwenden, was bringt die Empörung, in Zeiten, in denen längst viel dreistere Rüpel das deutsche Fernsehen übernommen haben, Nachwuchsproleten wie Stefan Raab und Oliver Pocher, die die Verletzung des guten Geschmacks längst zum Prinzip erhoben haben; und wenn unwesentlich später und ein paar Kanäle weiter die Moderatorinnen oft komplett auf ihre Berufsbekleidung verzichten und dort nicht einmal mehr der Anschein jener Sitten gewahrt wird, die bei Gottschalk so galant verkommen. Genau das ist aber das Problem: Bei Raab und Pocher gehen die Witze unter die Gürtellinie, bei Gottschalk die Komplimente.

Noch die chauvinistischsten seiner Zoten gibt er als charmante Geste aus, was ihn nicht davon abhält, seine Körperkontakte mit abenteuerlichen Begründungen zu entschuldigen. In der Dezember-Sendung hatte Iris Berben das Pech, eine Manschette am rechten Knie tragen zu müssen, was es Gottschalk sehr einfach machte, seine Berührungen mit einem gewissen Forscherinteresse zu begründen; in der letzten Show aus Friedrichshafen wählte er für eine Wette manuell sechs aus dreißig gerade einmal volljährigen Abiturientinnen aus, die eine Mitschülerin durch Zahnputzgeräusche erraten wollte - wie überhaupt die Wetten einen ständigen Vorwand liefern, dass sich der Moderator persönlich vom ordnungsgemäßen Zustand irgendwelcher Körperteile überzeugen muss. Und mit besonderer Vorliebe fummelte er in letzter Zeit an den Füßen herum, als trainierte er selbst für eine spätere Wette, bei der er Schauspielerinnen an ihren Knöcheln erkennen muss.

In einem Interview für die Internetseite des ZDF erklärte er seine Neigung zur Nestelei kürzlich ganz ernsthaft mit einer "Art von Einrichtungsproblematik", die ihn dazu nötige, seine Gesprächspartnerinnen gelegentlich ins rechte Licht zu rücken, und nicht nur die Tatsache, dass er bei den männlichen Kollegen meist auf diese Hilfestellung verzichtet, lässt darauf schließen, dass die Einrichtungsproblematik ganz woanders liegt, nämlich bei den Tassen in Gottschalks Schrank. Da verwundert es kaum noch, wenn Besucher von den Proben berichten, dass Gottschalk schon bei den Lichtdoubles ganz gerne das Herumgezupfe übt.

Die Couch als Bühne

Es ist nicht einfach, zu erklären, was "Wetten, dass ...?" zur beliebtesten Unterhaltungsshow im deutschen Fernsehen macht. Im Allgemeinen gilt die konsensfähige Mischung aus internationalen Stars und amüsanten Wettspielchen als Erfolgsgeheimnis. Womöglich aber ist einfach Angst die integrative Kraft, die die Samstagabendgemeinde noch quer durch alle Sinusmilieus zusammenhält, die Angst, sich nach der Sendung persönlich bei ein paar Menschen entschuldigen zu müssen für die Erniedrigungen und Beleidigungen, die Gottschalk wieder nebenbei verteilt hat. Immerhin gelingt es dem Moderator, durch seine Peinlichkeiten gewissermaßen ex negativo ein Fernsehnationalbewusstsein zu konstruieren: Selbst Menschen, die ihren Patriotismus noch ganz altmodisch als verkrampft bezeichnen würden, spüren das Bedürfnis, den ausländischen Stargästen zu versichern, dass Gottschalks Verhalten nicht dem deutschen Ideal entspricht.

Schon möglich, dass die meisten "Damen", wie Gottschalk seine weiblichen Gäste gerne nennt, mittlerweile wissen, worauf sie sich einlassen, und vielleicht ist es sogar legitim, eine kleine Gegenleistung zu verlangen von denen, die die Couch von "Wetten, dass ...?" als Bühne nutzen, um ihre neuen Platten, Filme oder Bücher zu vergolden. Man muss sich dann nur auch fragen, ob sexuelle Belästigung ein akzeptabler Preis ist; und ob die Bedeutung, die "Wetten, dass ...?" mittlerweile als Werbeplattform hat, nicht streng genommen so etwas wie ein Abhängigkeitsverhältnis darstellt. Die Gäste aber, die das Glück haben, dort zu leben, wo Gottschalk, wie er so gerne erzählt, keiner erkennt, in seiner sogenannten Wahlheimat Amerika, die sollten zwar auch von ihren Agenten auf die Aufdringlichkeit des Moderators vorbereitet werden - aber was helfen schon ein paar freundliche Warnungen vor Handgreiflichkeiten, die sich im Land der political correctness kaum jemand vorzustellen wagt.

"It wasn't that bad, was it?", hörte man Gottschalk noch fragen, als im März vor zwei Jahren die australische Schauspielerin Cate Blanchett die Sendung überstanden hatte, und die Art, wie sie vorher genervt ihre Augen gerollt hatte, hatte diese Frage schon sehr deutlich beantwortet. "Du hast einen Mund, da geht locker ein Tennisball rein", hatte ihr Gottschalk zuvor attestiert, und das war wieder einmal eine jener Unverschämtheiten, die durch den Verzögerungseffekt, der durch die Übersetzung auftritt, an Boshaftigkeit noch gewinnen. Das Publikum lacht schon, was den Gast zur irrigen Erwartung eines harmlosen Witzes veranlasst, aber man kann die Worte nicht mehr stoppen, man kann ihnen nur hilflos zuschauen, wie sie ihr Opfer treffen und sich die Hoffnung zerschlägt, ihnen möge die Luft ausgehen auf dem Weg in die fremde Sprache.

Es sind diese Momente, die klar machen, dass Gottschalks Verfehlungen keine dumme Angewohnheit sind, die er sich abtrainieren könnte, sondern der Ausdruck eines Verständnisses vom Unterhaltungsfernsehen, das noch antiquierter ist als sein Musikgeschmack. Es ist das Idyll eines eskapistischen Fernsehabends, an dem Frauen schön und still sein müssen und Männer reich oder witzig, und das Problem dabei ist gar nicht so sehr, dass diese Welt eine Täuschung ist; das Problem ist eher, dass es diese Welt selbst im Fernsehen kaum noch gibt. Längst ist die Grenze zwischen Entertainment und Ernsthaftigkeit so porös, dass die Politik die Show genauso kontaminiert wie die Show die Politik.

Nur Gottschalk glaubt noch an die Macht der Grenzziehung zwischen der bösen Wirklichkeit, die irgendwo hinter dem Areal der Außenwette beginnt, und der guten Laune in der Mehrzweckhalle wie an die heilende Kraft eines Cat-Stevens-Songs. Die sogenannten harten Themen hat er, wie er bei jeder Gelegenheit betont, wie in einem faustischen Pakt an seinen Freund Günther Jauch abgegeben, als sich die Wege der beiden Radiokollegen trennten. Zu dumm, dass sie seine Gäste immer wieder mitbringen. Wenn auch nur ein Hauch von Wirklichkeit in die fröhliche Studiowelt dringt, wird die Rückständigkeit von Gottschalks Gute-Laune-Obsession besonders offensichtlich: wenn sich die Themen nicht ignorieren lassen, die mit den Mitteln des Small Talks und des Flirts nicht mehr verhandelt werden können. Gerne spielt Gottschalk dann den Roberto Benigni aus "Das Leben ist schön", der die düstere Realität mit ein paar harmlosen Sprüchen auflockert. Als vor kurzem Maria Furtwängler von den Dreharbeiten zum ARD-Zweiteiler "Flucht und Vertreibung" erzählte, wog Gottschalk das mit Anekdoten über seine schlesische Großmutter auf, bis Furtwängler klarstellte: "Es ist uns leider nicht gelungen, eine Komödie zu drehen."

Die Magie des Moments

Das alles wäre nicht so schlimm, wenn Gottschalk nicht auch sein Gespür für das Genre verlassen würde, für die großen Momente, die möglich sind, wenn alles zusammenkommt, die Leichtigkeit, das Pathos, die Stars und die Wettkönige, wenn die geballte Harmlosigkeit der Show selbst die größten Kritiker verführt, es sich in dieser Wattewelt gemütlich zu machen. Es war im November vergangenen Jahres, da hatten Stefan Bakker und Andreas Koch ihre 15 Minuten Ruhm, die beiden Männer, die als Brustmuskelzucker in die Geschichte eingehen sollten, und wie die beiden Bodybuilder da mit ihrem Pectoralis im Takt der Musik wippten, das war die lustigste Wette seit langem - und ausnahmsweise war es sogar einmal angebracht, dass Gottschalk jemandem an die Brust fasst. Selbst die Scissor Sisters waren so begeistert, dass sie die beiden Jungs am Ende auf die Bühne baten, als sie zum großen Finale Abbas "Super Trouper" spielten. Die Halle tobte, die Menschen, die sich zur Außenwette auf der Düsseldorfer Kö versammelt hatten, schunkelten mit, nur Gottschalk, der auch mitsingen musste, weil er seine Stadtwette verloren hatte, zertrampelte alles. Wie ein australischer Tourist auf dem Oktoberfest nach fünf Mass Bier grölte er "Supapa Trupapa" dorthin, wo eigentlich der Refrain sein sollte. "Die US-Regierung hat schon einen Mitschnitt bestellt, um das in Guantanamo Bay zu spielen", witzelte Stefan Raab am Montag danach, was ungefähr das Ausmaß des Grauens beschreibt, das die Performance erreichte, nicht aber die Größe, die dieser Moment ohne Gottschalk gehabt hätte.

Dass er am Ende der Sängerin Ana Matronic noch einen Gitarrenpick aus ihrem Bustier fingerte, war dann auch schon egal.

Harald Staun

Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung aus der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen.



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