"Gräfin gesucht" Wenn der Adel zum Rendezvous lädt

Vier adelige Singles, ein paar standesgemäße Gemäuer und Dutzende junge Frauen mit höchst erstaunlicher Begeisterungsfähigkeit: Bei "Gräfin gesucht" kuppelt Sat.1 mal wieder kräftig. Ein erkennbares dramaturgisches Konzept gibt es nicht - stattdessen wiegende Hüften in Zeitlupe.

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Graf Moritz, 38, wohnt in einem schönen alten Herrenhaus in Schleswig-Holstein. Er hat rote Wangen, ein breites Lächeln, eine Kutsche und ein paar Hektar Wald. Was er im Fernsehen verloren hat? Eigentlich gar nichts - wäre er nicht Single, ein wenig eitel und in die Fänge einer neuen "Dating-Show" des Senders Sat.1 geraten. Jetzt ist Graf Moritz auf einmal das Objekt der Begierde.

Erst der "Bachelor" dann "Bauer sucht Frau", nun geht also die Noblesse auf Brautschau: In "Gräfin gesucht" buhlen Hunderte von Frauen um die Gunst von Graf Moritz – oder um die seiner drei Standesgenossen Constantin, Benedikt und Michael. Sie sind vier Kleinadelige im besten Mannesalter, heiratswillig und ein bisschen begütert. Und daraus soll eine unterhaltsame TV-Show werden?

"Moritz, Post ist da", ruft Said - so heißt der gräfliche Diener eben im Zeitalter der Globalisierung. Waschekörbeweise treffen die Briefe und Videobotschaften der Kandidatinnen ein. Sie sorgen für gepflegte Hochstimmung auf den Landgütern und Stadtvillen der vier Hagestolze: "Ob die kochen kann?"; "Aber hat'n hübsches Dekolleté, nech?"; "Ganz schön scharf!"; "Das wird aber schwer!"; "Na, wir trinken erstmal einen." Wohlsein.

So recht kommt sie nicht in die Gänge, die Kuppelshow mit den Blaublütern. Das Leben auf den Herrenhäusern zwischen Düttebüll und Tüttendorf ist wohl ziemlich gemächlich - und das sieht man dann eben auch. Das Angebandel plänkelt so dahin, recht wohlerzogen, aber auch ganz schön vorhersehbar.

"Ein Auge ist bei dir ein bisschen kleiner"

Zum Speed-Dating trägt Graf Moritz einen Loden-Janker. Anett, 25, Bankangestellte, soll ihm erklären, warum sie hergekommen ist. "Was ich gut fand... ", sagt sie, "...ein Auge ist bei dir 'n bisschen kleiner." Der Graf reagiert mit hochwohlgeborener Nonchalance: "Ist mir nie aufgefallen, erst im Fernsehen."

Hin und wieder schwebt Moderatorin Marlene Lufen ins Bild und sagt Sätze wie: "Jetzt geht's um die Wurst für Constantin und Moritz." Das soll der Show anscheinend ein wenig Spannung einhauchen. Tut es aber nicht.

Eigentlich interessiert man sich schon nach zwanzig Minuten kaum noch für das öde adlige Sofa-Geflirte. Die Gedanken schweifen ab: "Moritz, die Post ist da", hatte der Diener gesagt - seit wann ist es in deutschen Herrenhäusern üblich, dass das Personal den Herrn duzt? Und was hat Sat.1 bloß der "Karrierefrau" aus Neuss in den Tee getan, die gerade von ihrem Speed-Date erzählt?

"Der Typ ist der Ober-Burner, der ist so der Hammer!", faselt die 31-jährige Blondine. Sie hat gerade mit Constantin, dem Hamburger Immobilienhändler gesprochen. Auch ihre Kollegin mit dem Halstuch und dem unmodischen Mittelscheitel muss irgendetwas genommen haben: "So eine tolle Ausstrahlung und so tolle Augen, ach!", quiekt sie nach dem Tête-à-Tête mit Moritz. Flavia, 23, Auszubildende aus Kerpen ist ebenso hin und weg: "Mein Herz rast wie lange nicht mehr."

Vier sanftmütige Männer mit fliehenden Haaransätzen

Rätselhafte Reaktionen. Was wir sehen, sind vier etwas wunderliche, sanftmütige Männer mit fliehenden Haaransätzen und guten Manieren. Was also ist es, das diese Frauen so wuschig macht? Der Titel? Das Gemäuer? Das Fernsehen?

Die adeligen Herrschaften scheinen ihrem onkeligen Sexappeal auch nicht so recht zu trauen. "Was hat dich bewogen, ausgerechnet mich auszuwählen?", fragt Constantin, Spross eines alten baltischen Geschlechts. "Mama hat mich draufgeschubst", sagt die Dame, die Handtasche artig auf den Schoß gezogen.

Vielleicht haben die Produzenten schon geahnt, dass "Gräfin gesucht" mit derlei Geplänkel kaum zwei Folgen überleben kann. Jedenfalls kreuzt bei allen drei Blaublütern eine gewisse Anna auf. Sie ist 25 Jahre alt, "Model" aus Bonn und von der Natur leidlich beschenkt: große Augen, voller Mund, dunkler Teint, schwarze Haare, die wiegenden Hüften zeigt Sat.1 in Zeitlupe.

"Was bedeutet Familie für dich?", fragt Constantin im Flöt-Ton. "Ja gut, man sagt ja nicht von heut' auf morgen: Ich möchte jetzt ein Kind in Arbeit geben", sagt Anna. Ob er nicht zu alt für sie sei? "Ja gut, ich mein, Alter ist relativ", sagt Anna. Anna beginnt fast jeden Satz mit "Ja gut, ich mein..." Macht aber nichts. Die Begehrlichkeit der Grafen ist geweckt. Sie finden die scharfe Anna wahlweise "schillernd" oder "pittoresk".

Das Geschehen schleppt sich müde dahin

Nach dem Speed-Dating sollen die Grafen jeweils zwei Frauen aus den Bewerberinnen auswählen. Anna ist bei allen dabei. "Adelige sind auch nur Männer!", sagt Moderatorin Lufen. Was sie sagen will: Hat eines der anderen Aschenputtels überhaupt eine Chance gegen diese Femme Fatale aus Bonn? Der Zuschauer fragt sich eher: Bringt dieser dramaturgische Kniff die Show irgendwie ins Laufen?

Vorerst schleppt sich das Geschehen mühsam dahin: Moderatorin Lufen überbringt der blonden Anke im Allgäu die frohe Botschaft: "Der Moritz würde dich gerne einladen!" Große Freude: "Es hat mich natürlich total umgehauen, dass er ausgerechnet mich genommen hat." Moritz holt Anke mit Blumenstrauß und Cabriolet vom Bahnhof ab: "Ich hab' Anke da zügig abgeholt", sagt er, "es ging darum, sie einfach nur mitzunehmen und herzubringen." Ach so.

Dann die Fahrt durch die Torhäuser, die riesige Hofanlage, das alte Herrenhaus. "Die Auffahrt zu dem Gutshof hat mich natürlich schon beeindruckt", sagt Anke aus dem Allgäu. "Ich glaube, sie war relativ beeindruckt", sagt der Graf.

So geht es rauf und runter in der ersten Folge von "Gräfin gesucht". Je weniger los ist, desto ausgiebiger wird die Ereignislosigkeit ventiliert. Dazwischen das Gewinnspiel: "Adeliges Blut ist sprichwörtlich a) blau? b) grün?" Na?

Immobilienhändler Constantin darf noch verraten, dass er sich für ein "Alphatier" hält. Die Neusser Karrierefrau preist ihre "guten Gene", auch Herrenwitze gibt's zuhauf: "Die ist zwar nicht blond", mäkelt Graf Moritz beim Sichten der Bewerbungsvideos - "aber man kann sie ja blond machen."

Ja, sie riecht schon nach Fäulnis, die "Luft der großen weiten Adelswelt" auf Sat.1.


"Gräfin gesucht", 19.05 Uhr, Sat.1



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