Graffiti-Legende vor Gericht Sprühender Unsinn

Die New Yorker Säuberungs-Politik treibt absurde Blüten: Weil er mehrere U-Bahn-Waggons verschandelt haben soll, drohen einem Veteranen der Graffiti-Szene 42 Jahre Gefängnis. Ein bisschen spät - schließlich ist Alan Ket seit 20 Jahren anerkannter Künstler und Grafiker.

Von Sebastian Moll, New York


Alan Maridueña – oder kurz "Ket" wie der Star der New Yorker Graffiti-Szene auf der Straße heißt – wusste nicht, wie ihm geschah, als er kürzlich gleich drei Staatsanwälten verschiedener New Yorker Bezirke vorgeführt wurde. Fünf Tage lang saß er in Untersuchungshaft, 60.000 Dollar Kaution musste er aufbringen. Die Zeiten, in denen Ket gewohnheitsmäßig bei Nacht und Nebel ganze U-Bahn-Waggons mit seinen mittlerweile berühmt gewordenen "Graffs" überzog, liegen schließlich schon mehr als 20 Jahre zurück. "Ich bin doch heute ein ganz gewöhnlicher kommerzieller Künstler", sagte Ket konsterniert vor dem Vernehmungssaal des pompösen Manhattaner Amtsgerichts an der Centre Street.

Ket verkörpert wie kaum ein anderer der legendären Sprayer der frühen Jahre den Weg, den die Kunstform "Graffiti" aus der Subkultur in den angepassten Mainstream gegangen ist. Er stellt heute in Galerien und Museen aus, hält Vorträge an Universitäten und Schulen und kreiert Designs für Firmen wie Atari, MTV, das Mode-Label Ecko sowie für den Champagner-Abfüller Moët & Chandon. Der 36-Jährige ist ein etablierter Grafiker und kein zorniger Vandale mehr. Trotzdem behaupten die New Yorker Ankläger, Beweise dafür zu haben, dass Ket noch im vergangenen Jahr U-Bahn-Waggons verschandelt hat.

Die Anklage gegen Ket lautet "Herstellen von Graffiti" - in New York ein Straftatbestand seit Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani in den neunziger Jahren seine radikale Saubermann-Politik einführte. Hinzu kommen das unerlaubte Betreten städtischer Grundstücke sowie Sachbeschädigung. 14 Punkte umfasst die Anklageliste, und sollte Ket in allen Punkten schuldig gesprochen werden, drohen ihm bis zu 42 Jahre Gefängnis. Ein völlig absurdes Strafmaß, wie Kets Anwalt findet, selbst wenn sein Klient die Graffitis tatsächlich produziert haben sollte. "Es kostet höchstens 6000 Dollar, einen U-Bahn-Zug zu reinigen", wendet Daniel Perez ein. Vorausgesetzt, man wolle den Zug überhaupt reinigen, denn schließlich stelle ein Graffiti von Ket eine deutliche Wertsteigerung dar.

Von Agenturen umworben - von Behörden verteufelt

Dieser Argumentation wollen Kets Ankläger nicht folgen. Für die Stadtoberen ist die Sprayerkultur schlicht Sachbeschädigung. "Grafitti ist schlicht und einfach Zerstörung privaten Eigentums und wir werden das nicht tolerieren", sagt etwa der Stadtverordnete Peter Vallone, fanatischer Eiferer in Sachen Anti-Grafitti-Kampf und mutmaßlicher Initiator der Anklagen gegen Ket. "Mit Kunst hat das nichts zu tun", urteilt Vallone. "Diesen Kriminellen geht es doch nur darum, sich auf Kosten anderer zu profilieren."

Kenner und Liebhaber der Grafitti-Kunst sehen das freilich ganz anders. "Diejenigen, die Grafitti kriminalisieren, erkennen nicht den Unterschied zwischen Vandalismus und Kunst", sagt etwa der Kulturwissenschaftler Joe Austin, Autor eines Buches über die Geschichte der New Yorker Graffiti-Szene. An dieser Ignoranz, so Austin, habe sich im seit 30 Jahre währenden Kampf der Stadt New York gegen die Sprayer bis heute nichts geändert. Auch die Tatsache, dass Künstler wie Ket seit Jahren von der Kunstwelt anerkannt und von Werbeagenturen umworben werden, hat die Augen der Behörden nicht geöffnet. "Diese Firmen senden eine völlig falsche und verantwortungslose Botschaft", sagt der Stadtverordnete Vallone.

So hat sich der Frontalangriff der Stadt gegen jegliche Form von Graffiti in den vergangenen zehn Jahren sogar noch deutlich verschärft. Giuliani definierte Graffiti als Zeichen städtischen Verfalls und somit als Vorstufe zu Gewalt und Kriminalität, sein Nachfolger Michael Bloomberg folgt derselben Prämisse. Beide Bürgermeister schworen, dem Graffiti zusammen mit Müll, Obdachlosigkeit, Alkoholgenuss auf der Straße und Prostitution den Garaus zu machen, um die Stadt für die anständigen und zahlungskräftigen Bürger sauber und sicher zu machen. "Ich bin das Opfer dieser sogenannten 'quality of life'-Kampagne, mit der die Stadt immer steriler und unmenschlicher gemacht wird", klagt Maridueña gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Ich bin ein Symbol des alten New York, das verschwinden soll, genau wie die ganzen legendären Musikclubs wie das CBGB, das Tonic oder das Bottom Line, die jetzt alle schließen müssen."

"Bombs" zünden in der Bronx

Giuliani richtete sogar eine eigene Anti-Graffiti-Einheit ein, die allerdings ihre Ziele nur teilweise erreichte: Aus der U-Bahn, sowie aus dem Vorzeigestadtteil Manhattan ist das Graffiti zwar praktisch verschwunden. In Brooklyn oder in der Bronx ist die Sprayer-Kunst jedoch so lebendig wie eh und je. Zudem, berichtet Joe Austin, nähmen die sogenannten "bombs", die aggressiven, illegalen Sprühattacken wieder drastisch zu.

An dieser Wiederkehr des wilden, wütenden Graffiti könne man erkennen, dass die Kriminalisierung von Graffiti eindeutig der falsche Weg sei. "Ich habe damals als Jugendlicher ja nicht mit Graffiti angefangen, weil ich kriminell sein wollte, sondern weil ich als schwarzer Junge aus dem Ghetto nach Möglichkeiten und Orten gesucht habe, mich auszudrücken", sagt Ket. Graffiti sei zwar eine Form der Rebellion, aber es gehöre nicht zum Wesen dieser Kunstform, dass sie gegen das Gesetz verstoße. So glaubt auch Austin, dass der bessere Weg wäre, das Graffiti-Problem zu lösen und damit öffentliches wie privates Eigentum zu schützen, indem "den Jugendlichen legale Möglichkeiten" geboten würden, "sich auszudrücken".

Graffiti lassen sich in einer Stadt wie New York nicht einfach unterdrücken, weshalb sich bei der "Anti-Graffiti Task Force" mittlerweile ein gewisser Frust einstellt. Und der entlädt sich, wie Joe Austin beobachtet, in "symbolischen Festnahmen hochprofilierter Künstler wie Ket. Das Ganze hat mittlerweile eindeutig den Charakter eines Rachefeldzugs".

Provinzieller Schauprozess

Eine Behauptung, die sich am Fall Ket gut belegen lässt. Vor zwei Jahren musste nämlich die Stadt in Person von Peter Vallone eine bittere Schlappe gegen Ket und seinen Geschäftspartner, den Modedesigner Marc Ecko, hinnehmen. Vallone wollte ein Straßenfest verbieten, das Ket und Ecko veranstalteten, bei dem Kids U-Bahnwaggons aus Pappe besprühen durften. Anwalt Perez klagte im Namen von Ecko und Ket und gewann; das Fest durfte stattfinden. Nur Wochen später wurde Kets Wohnung durchsucht. Angeblich habe man außer dem Sprüh-Equipment auch noch eine Schusswaffe und Marihuana gefunden.

Dass Ket nun tatsächlich 42 Jahre ins Gefängnis wandern muss, ist dennoch unwahrscheinlich. Sein Anwalt rechnet damit, dass die Anklagen früher oder später fallen gelassen werden. Graffiti-Experte Austin glaubt aber, dass es Leuten wie Vallone ohnehin nicht in erster Linie um eine Verurteilung geht, sondern um das Medienspektakel: "Das ist ein Schauprozess." Doch damit schade sich die Stadt massiv selbst. "New York ist die Wiege der Graffiti-Kultur und hätte die Gelegenheit gehabt, diesen Reichtum an Talent und Energie zu ihren Gunsten zu nutzen. Wenn man das fördert und kanalisiert, kann man damit den Tourismus ankurbeln, man kann Graffiti gezielt gegen urbanen Verfall einsetzen, und man kann Kids im Ghetto damit eine Perspektive bieten."

Stattdessen, so Austin, lege die Stadt eine kleingeistige Provinzialität an den Tag und stelle sich im Vergleich mit anderen Metropolen ins kulturelle Abseits. "Es geht doch in New York heute nur noch um Geld und Besitz", klagt Ket. "Freiheit, Kunst, das Leben überhaupt sind nichts mehr wert."



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