Grafiker Mario Lombardo Großartiges Design klein präsentiert

Mario Lombardo ist einer der besten Print- und Magazindesigner der Gegenwart. Ein neues Buch bietet einen Überblick über Lombardos Schaffen der vergangenen zehn Jahre - gestaltet leider nicht von ihm persönlich.

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Auf der Website seines "Bureau Mario Lombardo" steht "Let's make it last forever" (in etwa: "Lasst uns Dinge für die Ewigkeit schaffen"). Keine leere Parole, denn bei dem Grafikdesigner und Art Director Lombardo ist mit Dauer und Erfolg seiner Arbeit fest zu rechnen. Er ist einer der besten zeitgenössischen Print- und Magazindesigner in Deutschland, der ganz genau weiß, was er will und kann. Er ist begehrt als Gastprofessor, als Redner auf Designkonferenzen und als Berater. 2008 wurde er für sein Gesamtwerk von der "Lead Academy" in Hamburg zum "Visual Leader Of The Year" gewählt. Mit gerade einmal 35 Jahren.

Gründe genug für den Gestalten Verlag, ein Buch über Lombardos Arbeiten der vergangenen zehn Jahre herauszubringen. "The Tender Spot: The Graphic Design of Mario Lombardo" heißt es, und die 256 Seiten hat Martin Lang gestaltet, leider nicht Lombardo. Von ihm ist nur der schöne, schlichte Leineneinband mit grüner Prägeschrift.

Mit einem Lombardo-Porträt von Marie-Sophie Müller und einem Lombardo-Interview von Gerrit Terstiege beginnt das Buch, bebildert mit abstrakten Schwarzweiß-Fotos. Sind das Lichtreflexionen auf Glas? Strukturen und Spuren? Und wer hat sie fotografiert? Der Urheber ist leider nicht zu finden, auch nicht im "Imprint" auf der letzten Seite.

Eine Biografie gibt es nicht, aber in Porträt und Interview steht genug: dass Lombardo in Aachen als Kind argentinischer Eltern aufwuchs, eigentlich Architekt werden wollte wie sein Vater, stattdessen Grafikdesign studierte, Peter Saville und Dieter Rams verehrte, "Tempo" und "The Face" las und anfangs bei Büro X arbeitete, bevor er Art Direktor wurde und ein eigenes Büro gründete.

Seine Vorbilder hießen Peter Saville und Dieter Rams

Dann kommen die Arbeiten, geordnet nach Kategorien: Magazine unter "The Elusive Issue", Bücher unter "The Bundled Beauty", Logos unter "The Charismatic Link", alles mögliche unter "The Multifaceted Appeal" und Plattencover unter "The Alluring Hymn". Alle Texte sind ausschließlich auf Englisch, weil das Buch international verkauft werden soll. Es sieht jedoch eher komisch aus, wenn die Titelseite des deutschen Magazins "Dummy" zum Thema "Mama" abgebildet ist und im kurzen Begleittext als "Dummy 25: Mummy" vorgestellt wird.

Mit seinem Job als Art Director bei der "Spex" (von 2001 bis Ende 2005) beginnt Lombardos Karriere. Das neue Design sollte "mehr Leute erreichen, aber keinen verschrecken", mit wenig Geld und wenig Zeit. Also hat Lombardo alles selbst gemacht und wurde mit erkennbarer Handschrift, einem eigenen intelligenten Look und nie langweiligen, unterschiedlichsten Ergebnissen bekannt.

Die erste "Zeitschriften"-Doppelseite zeigt viele Titelseiten nebeneinander. Dann werden einzelne Ausgaben vorgestellt. Und schon bei der ersten ärgert man sich über die Präsentation einer tollen Idee: Wie mit einem Schnittmusterrädchen sind Figuren einfach durch Punkte umrissen, aber: ein schön gestalteter Text auf einer abgebildeten Seite steht genau im Falz, vier andere Seiten werden so klein und angeschnitten gezeigt, dass man nur noch das Prinzip der Gestaltung erkennen kann. Begriffen hätte man dieses Prinzip auch schon nach zwei Abbildungen - größeren Abbildungen. Und so geht es weiter.

Zu klein und zu zaghaft will das Buch alles zeigen, was Lombardo mag und gemacht hat: eine klare, prägnante und trotzdem flexible Gestaltung, zeitgeistig, aber nicht modisch, eine schöne Typo, super Fotos, super Illustrationen und super Basteleien, eine Vorliebe für Versalien und dicke schwarze Linien.

Zeitgeistig aber nicht modisch

Lombardos Schwerpunkt sind Printmedien, aber er kann Logo- und Icon-Design genauso wie CD- und DVD-Cover-Gestaltung, dickste Kataloge ebenso wie ein kleines, faltbares Ausstellungsinfo. Alle Aufträge stehen im kulturellen Kontext. Er gestaltet für Künstler und Museen, für Labels und Nischenprodukte, aber auch für ein kommerzielles Blatt, das sich ein ganzes Jahr lang am Kiosk verkaufen soll. Und für den Musiksender Viva, dessen neues Corporate Design am 1. Januar 2011 On-Air-Premiere haben soll.

Leider zeigt das Buch vieles doppelt und winzig. Warum muss beim neuen Image-Design für den Musiker Max Herre acht Mal dasselbe Bildmotiv als Plakat, als CD, als Einladung, Werbung, Ankündigung und als briefmarkengroßer, aufgefächerter Haufen zu sehen sein? Ja, begriffen, eine neue Corporate Identity. Die käme auch in weniger, dafür größeren Beispielen rüber. Leider kein Einzelfall, auch die zwei Seiten mit der Gestaltung für die Lead Awards 2009 zeigen immer den gleichen Entwurf: im Stapel, gefächert, an der Wand und so weiter.

Ärgerlich ist auch, dass man Lombardos tolles "Zitty - Modebuch Berlin" von 2010 nur auf vier Seiten mit kleinen Fotos sieht - nicht nur, weil Lombardo dafür zum ersten Mal selbst fotografiert hat, sondern weil Bilder das Heft ausmachen. Nun aber erkennt man fast nichts, zum Beispiel auf drei 5 x 3 Zentimeter großen Abbildungen einer Doppelseite oder auf einer Abbildung, auf der der Falz wieder einmal mitten durchs Model geht.

Trotz aller Kritik: Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über Lombardos Arbeit. Und vielleicht übernimmt bei der nächsten Ausgabe ja Lombardo selbst die Gestaltung.

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insgesamt 4 Beiträge
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laborleiterin 09.11.2010
1. pr-falle
Liebe Kollegin, ich möchte Sie bitten doch etwas länger hinzuschauen was der von Ihnen so gelobte tatsächlich zustande gebracht hat. Für mich zählt er zu den Beispielen bei denen man mit gut klingendem Namen, niedlichem Aussehen und notorisch überzogener Selbstdarstellung irgendwann im Kulturgeschäft nach oben gespült wird. Wie ist es um jemanden bestellt der über sich in der 3. Person auf der hauseigenen www schreiben lässt? Defacto fehlen ihm unter anderem elementare Kenntnisse zum Umgang und Varianz von Typografie. Die von Ihnen benannte Popzeitschrift "Spex" war zu seinen Zeiten eine unlesbare Textwüste mit ein paar banalen Schmuckelementen und schlecht produzierten Modestrecken. Alle mir bekannten Illustrationen und Buchtitel könnten so auch von Studenten im Grafik-Grundstudium stammen. Meiner Meinung nach reicht es nicht naive Förmchen zu produzieren, Grossbuchstaben auf diagonale Linie zu kleben und immer zu betonen wie lange man schon überall unterwegs ist. Das es nun einen Titel im Gestalten-Verlag gibt hat aufgrund der vielen anderen halbgaren bis sinnfreien Titeln dieses Verlages geringe Relevanz. Wahrscheinlich steckt einer der vielen kostengünstigen "deals" dahinter die zu einem solchen Titel führen - unter Inanspruchnahme der unterbezahlten hauseigenen Grafik. Lösen Sie sich bitte einmal vom Eindruck des putzigen Mario Lombardo und bewerten Sie seine Leistungen auf der Basis von weniger luftigen Kriterien. Sie schreiben hier über Grafik-Design und nicht über Kunst.
zenhour 06.12.2010
2. "Inspiriertes" Design
Ich schließe mich der Vorrednerrin an und ergänze den Bericht um die Information, dass nicht mal der Umschlag von Herrn Lombardo ist. Der Großmeister hat sich hier nämlich bis ins Detail "inspirieren lassen": http://www.schaden.com/covers/012/01215.jpg Großartiges Design!
timgordon 02.12.2011
3. Mario Lombardo
Mario Lombardo beim Future of the City Award.. http://www.smart-urban-stage.com/blog/future-of-the-city/the-surface-of-a-city-2/
Typografia28 04.05.2012
4. möglichst dilletantisch
Zwar ist der Artikel über M. Lombardo schon etwas älter aber ich schließe mich ebenfalls dem ersten Beitrag an. Diese Lombardo-Design hat großen - leider schlechten- Einfluss auf die Studenten der gesamten Kunsthochschulen. Seinem Stil ist es zu verdanken, dass es neurdings schön ist, möglichst dilletantisch, "naiv" und ungekonnt zu designen. Schön gesetzte Flatter- oder Blocksätze sind natürlich anstrengend, ebenso tolle Fotos. Da macht man es sich lieber einfach und donnert eine Typewriter oder eine unleserliche Handschrfit aufs Papier oder eine Website und Dreiecke funktionieren auch immer. Geht schnell und erfordert wenig. Inzwischen mehren sich aber die Kommentare, die keine Dreiecke mehr sehen können. Immerhin hat Herr Lombardo einen Stil, während die Mehrheit der Studenten sich keinen eigenen mehr bildet oder sucht, sondern nur noch imitiert.
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