Grand-Prix-Vorentscheid: Akropolis Adieu

Von Wiebke Brauer

Gestern Abend wurde im Hamburger Schauspielhaus der Vorentscheid zum 50. "Eurovision Song Contest" ausgetragen. Das Ergebnis: Olli Dittrichs Cowboy-Combo fährt nach Athen - und das überarbeitete Konzept der NDR-Sendung beweist, dass früher alles besser war.

Hamburg - Menschen schunkeln auf einem roten Sofa, vor ihnen dräuen zwei Käse-Igel und im Hintergrund singen Damen, auf deren Namen man bestimmt gleich kommt. Willkommen in der neuen Show des NDR. Sinn des heimeligen Spektakels unter den üppigen Ornamenten des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg: Die Findung des diesjährigen Teilnehmers für den 50. "Eurovision Song Contest" , der am 20. Mai in Athen stattfindet.

Schlimmer konnte es ja eigentlich nicht mehr werden. Im vergangenen Jahr rutschte die Einschaltquote des Vorentscheids auf 11,2 Prozent und Gracia Baur landete mit ihrem Titel "Run and Hide" beim Song Contest in Kiew auf dem letzten Platz. Dass ihr Produzent David Brandes die Platten seines Schützlings selbst aufgekauft hatte, um ihre Teilnahme zu sichern, machte die Episode auch nicht rühmlicher.

Nach dem Debakel löste Jan Schulte-Kellinghaus den rasch scheidenden NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier-Beer ab und versprach ein neues Konzept für die Auswahl-Show: Keine Experimente mehr, keine Skandale. Doch statt zu neuen Ufern aufzubrechen, steuerte man gestern Abend lieber wieder in seichte Gewässer zurück und versank prompt im Sumpf einer neuen deutschen Gemütlichkeit. Hier tut nichts weh, hier war ich schon, hier darf ich sein.

Darum traten auch nicht mehr zehn Ungewissheit verströmende Kandidaten an, sondern nur noch drei alte Bekannte: das Schlager-Urgestein Vicky Leandros, Thomas Anders, die dunkle Seite von Modern Talking, und die Country-Band Texas Lightning unter der Regie von Komiker Olli Dittrich. Die dazugehörige Sängerin Jane Comerford mag einigen wenigen bekannt sein als die Gesangslehrerin aus der Casting-Show "Fame Academy" auf ProSieben. Durch die Sendung führte Thomas Hermanns, ohne ihn ist der Deutsche Schlager im Fernsehen offenbar nicht mehr denkbar. Zu seinen Gästen zählten die unausweichlichen Verdächtigen Georg Uecker, Joy Fleming, Dirk Bach und Lucy, Ex-Mitglied der Mädchenband No Angels. Aber die hatte eh nichts zu sagen. Zumindest ließ Hermanns sie nicht zu Wort kommen.


Uecker, Fleming und Bach plauderten darüber, wie ein guter Song zu sein hat (Uecker: "Frisch, aber doch vertraut, modern und doch wieder nicht modern"), über modische Totalausfälle im Laufe der letzten 50 Jahre (Dirk Bach präsentierte sich in Joy Flemings förstergrüner Robe - von ihrem Grand-Prix-Auftritt im Jahre 1975), und darüber, wie ein guter Text zu sein hat. Es gab auch einen Ehrengast: In einer Loge über dem Geschehen thronte die Schweizerin Lys Assia, erste Gewinnerin des Grand Prix 1956. Sie freute sich, dass endlich wieder Profis zum Wettstreit antraten und stellte fest, die seien ja alle drei "auch nicht mehr ganz frisch". Aber man war stolz darauf, so viele ehemalige Schlager-Größen in der Show versammelt zu haben. Mary Roos, Ingrid Peters, Michelle, Corinna May und Lou sangen gemeinsam ein Medley ihrer eigenen Eurovisions-Titel, die Songs waren noch vage bekannt, die Gesichter vertraut.

Das neue Motto der Show lautete nicht umsonst "Retro", wie die NDR-Verantwortlichen selbst zugaben; man blieb sich treu: Die wettstreitenden Kehlen gaben zunächst einen ehemaligen Grand-Prix-Song ihrer Wahl zum Besten. Thomas Anders sang "Volare" , Texas Lightning countryfizierten "Waterloo" von Abba und Vicky Leandros coverte - natürlich - sich selbst. 1972 gewann sie mit dem Lied "Après toi". Das war zwar für Luxemburg, aber inzwischen ist sie ja eine von uns.

Dann war es endlich so weit, die Lieder für den Contest wurden vorgetragen. Beim Auftritt von Vicky Leandros freuten sich die Fans, ihr Schmachtfetzen "Don't Break My Heart" schien gute Chancen zu haben. Thomas Anders setzte mit seinem "Songs That Live Forever" gleich zweimal an, ohne dass die Musik vom Band abgespielt wurde. "Das liebt man ja so bei Live-Sendungen", kommentierte gewohnheitsgemäß Moderator Hermanns. Anders fragte enerviert, ob er den Song lieber gleich a cappella singen sollte, und das Publikum zollte ihm applaudierend Respekt. Für so viel Räson, die er an den Tag legte, hätte er sich eigentlich den Sieg verdient. Aber ein Kommentar einer Zuschauerin nach der Show machte alle Mühe zunichte: "Die Balladen waren ja nicht so hammermäßig." Dieter Bohlens Sprachschatz lässt grüßen.

Bevor er die Bühne betrat, zitierte Olli Dittrich in einem kleinen Einspielfilm den Bundestrainer Jürgen Klinsmann: "Man muss wieder stolz darauf sein, für ein Land anzutreten, wo Deutschland heißt." Das ließ nichts Gutes hoffen, doch als Texas Lightning mit ihrer beschwingten Country-Nummer "No, No Never" aufspielten, kam zum ersten Mal an diesem Abend Bewegung in das ehrwürdige Theater. Comerfords Rüschen schwangen, die Cowboy-Hüte wippten, der Boden im Zuschauerraum bebte. Dittrich trommelte, strahlte - und siegte.

Nach der Show wurde sogar noch eine Zugabe erklatscht, und die Band wiederholte ihren Song noch einmal ganz ohne verstärkende Technik. Die Zuschauer schnippten im Takt, leise schwebte das Lied durch das Theater. Ein schöner Augenblick. Aber Athen lag so weit in der Ferne wie die Realität globaler Fernsehereignisse des 21. Jahrhunderts. Denn beim Grand Prix hat das alte Europa schon längst nichts mehr zu melden, wenn sich am 20. Mai die osteuropäischen Kleinstaaten gegenseitig die Punkte zuschanzen. Ein heiterer Country-Song aus deutschen Landen wird dabei sicher untergehen. Aber zumindest scheinen Rüschenröcke und lachende Männer mit lustigen Western-Kostümen gerade das Bild zu sein, mit dem wir uns präsentieren möchten. Hier sind wir, mit unserer westlich orientierten, heilen Welt - gestrig wie nie.

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