Graphic Novel "Waltz with Bashir" Giftgrünes Gruselkabinett

Massaker und Schuldgefühle, inszeniert mit Stift und Farbe: Der Regisseur Ari Folman demonstrierte mit dem animierten Film "Waltz with Bashir" die Wucht gezeichneter Bilder. Jetzt erscheint das Buch zum Film - und lässt Betrachter schaudern.

Von Hannah Petersohn


Kläffende Hunde peitschen durch regennasse Straßen. Sie fletschen ihre Zähne, ihr Speichel verfängt sich in ihrem bläulich glänzenden Fell. Niemand wagt es, sich ihnen in den Weg zu stellen, sie kennen ihr Ziel genau: ein Wohnhaus, vor dem sie knurrend, hasserfüllt nach einem gewissen Boaz Rein verlangen.

Diese animalische Alptraumsequenz wählte der Autor, Regisseur und Produzent Ari Folman als Einstieg für seine animierte Dokumentation "Waltz with Bashir": Eine filmische Reise zurück ins Jahr 1982, als er als israelischer Soldat in den Libanonkrieg zog. Da er sich nicht an die entsetzlichen Ereignisse des Massakers von Sabra und Shatila erinnern konnte, interviewte er andere Kriegsteilnehmer. Zu ihnen gehörte sein Freund Boaz Rein, der ihm von seinem allnächtlichen Alptraum erzählt hatte: von den 26 Hunden, die ihn töten wollen.

"Waltz with Bashir" strich viel Kritikerlob ein und auch den einen oder anderen Preis: einen Golden Globe zum Beispiel und einen César. Nun ist der ausgezeichnete Film als Comic oder besser Graphic Novel erschienen: als grafischer Roman also, der sich in seiner erzählerischen Dichte und gemäldehaften Bebilderung von einem Heftcomic à la "Fix und Foxi" abhebt.

Versuche, Comics in Spielfilme umzusetzen, gibt es bereits seit Jahrzehnten - und häufig waren sie extrem erfolgreich: etwa bei Batman, Superman oder Asterix. Nun wird dieses Prinzip umgedreht: Statt dem Film zum Buch gibt es das Buch zum Film. Ob das wohl eine gute Idee ist?

Das Buch wirkt wie die zeichnerische Version eines Drehbuchs. Ausgewählte Szenen, die Film-Stills entsprechen, bebildern die Grausamkeit des Massakers und die Erinnerungen der Beteiligten. Würde es sich bei der Filmvorlage um einen Spielfilm handeln, müsste man das Genre wohl mit Foto-Roman betiteln.

Wer den Film "Waltz with Bashir" kennt, weiß um die rudimentäre Gestik, die verzögerten und ungelenken Bewegungen und die zurückhaltende Mimik der Darsteller. Der Unterschied zwischen Zeichnung und bewegtem Bild ist also kaum zu spüren. Trotzdem wird die Vorstellungskraft und das selbständige Denken im Buch stärker gefordert als im Film. Der Leser muss einen dynamischen Ablauf aus den statischen Bildern rekonstruieren. Dieses Kopfkino-Erlebnis bindet ihn noch stärker an die Geschichte.

Die Graphic Novel macht es möglich, bei bestimmten Ausschnitten zu verharren und die gequälten Gesichter genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Bildkompositionen kristallisieren sich so erst richtig heraus. Geschickt wechseln Nahaufnahmen und Vogelperspektiven, wobei immer auf ein harmonisches Bild-Gleichgewicht geachtet wurde. Der Betrachter blickt mal durch die Augen der Protagonisten selbst auf das Geschehen, dann befindet er sich hinter der Figur und läuft ihr hinterher, um letztlich eine Draufsicht als allwissender Zuschauer einzunehmen.

Folman und sein Chefillustrator David Polonsky beschränken sich auf gedämpfte Farben und zeigen selten sonnendurchflutete Momente. Je nach Intention tauchen sie den Hintergrund in Graublau (nächtlicher Militäreinsatz), Giftgrün (Massaker) oder Blutrot (Liebe). Gegenwärtigen Momenten verpassen sie lebendigere Farben, die sich von der surrealen Szenerie der Rückblicke abheben.

Ihre Bilder sind gespenstische Trips in die Grauzone zwischen realer Rekonstruktion und Halluzination. Flackernde Erinnerungsbilder, die auch ohne Text auskommen könnten, denn der Betrachter gerät in einen Sog der Farben und Montagen.

Den Abschluss des Buches bilden keine Zeichnungen, sondern Fotos. Sie zeigen übereinander liegende Tote, an deren Hemden Blut klebt - und konfrontieren den Leser so voller Wucht mit der Echtheit der Erzählung. Der fiktive Charakter der Graphic Novel zerbricht: All das ist wirklich geschehen.


Comic Ari Folman & David Polonsky: "Waltz with Bashir". Atrium, Zürich; 128 Seiten; 22 Euro.



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kunstdirektor 05.05.2009
1. Ein wunderbarer Film
Waltz with Bashire hat micht als Film sehr berührt, zeichnerisch und inhaltlich. Obwohl ich großer Comicliebhaber bin, glaube ich nicht, dass hier das Buch besser ist als der Film.
marlow_mcgraw 05.05.2009
2. Etwas enttaeuschend.
Hier in England sind sowohl DVD als auch Graphic Novel bereits seit einigen Wochen raus. Waehrend ich vom Film absolut begeistert war, hat mich die Graphic Novel ehrlich gesagt etwas enttaeuscht - es hat eher den Charakter einer Screenshot-Sammlung als eines eigenstaendigen Produkts. Es haette keinen grossen Unterschied gemacht, das Storyboard als DVD-Extra abzufotografieren... Einige Szenen verlieren drastisch an Dynamik und Zynismus, denke ich. Im Film gibt es eine mit israelischer Rockmusik unterlegte Sequenz, in der ein rotes Auto von israelischer Artillerie beharkt wird, die freilich zunaechst alles trifft, nur nicht ihr Ziel. Gerade diese Szene ohne besagte Musik wirkt im Comic doch wesentlich lascher. Insgesamt macht die Graphic Novel definitiv keinen schlechten Eindruck, sie wirkt nur einfach nicht wie ein vollwertiges Produkt. Sie funktioniert m.E. nur, indem sie die Erinnerung an den bereits gesehen Film hervorruft und dadurch die gedruckten Standbilder wieder lebendig werden laesst.
kunstdirektor 06.05.2009
3. Novel
Zitat von marlow_mcgrawHier in England sind sowohl DVD als auch Graphic Novel bereits seit einigen Wochen raus. Waehrend ich vom Film absolut begeistert war, hat mich die Graphic Novel ehrlich gesagt etwas enttaeuscht - es hat eher den Charakter einer Screenshot-Sammlung als eines eigenstaendigen Produkts. Es haette keinen grossen Unterschied gemacht, das Storyboard als DVD-Extra abzufotografieren... Einige Szenen verlieren drastisch an Dynamik und Zynismus, denke ich. Im Film gibt es eine mit israelischer Rockmusik unterlegte Sequenz, in der ein rotes Auto von israelischer Artillerie beharkt wird, die freilich zunaechst alles trifft, nur nicht ihr Ziel. Gerade diese Szene ohne besagte Musik wirkt im Comic doch wesentlich lascher. Insgesamt macht die Graphic Novel definitiv keinen schlechten Eindruck, sie wirkt nur einfach nicht wie ein vollwertiges Produkt. Sie funktioniert m.E. nur, indem sie die Erinnerung an den bereits gesehen Film hervorruft und dadurch die gedruckten Standbilder wieder lebendig werden laesst.
Gleichwohl werde ich mir die Novel kaufen, keine Frage. Ob Ihre Analyse zutrifft, darauf bin ich gespannt. Gruß.
marlow_mcgraw 07.05.2009
4. Viel Spaß!
Dann viel Spaß damit - was dagegen, nach der Lektüre hier kurz Ihre Meinung abzugeben? Falls das übrigens im obigen Beitrag etwas falsch rüberkam: Ich bin sehr großer Comic-Fan, kein Skeptiker. Und es gibt so viele Beispiele, bei denen eine Graphic Novel um Längen besser funktioniert als ein Film (man vergleiche einfach mal Alan Moores Werke mit ihren Hollywood-Gegenstücken, selbst Zack Snyders Watchmen-Variante war da nur eine winzige Ausnahme). Waltz with Bashir ist meiner Meinung nach unter anderem so prägend und überzeugend, weil er den radikalen Schritt vom Live-Action-Film zur Animation bei einem extrem sensiblen Thema erfolgreich vollzogen hat. Das ist allerdings beim Medienwechsel zum Comic, der höchstens in der Bravo-Foto-Love-Story aus Fotos und sonst dann ja doch in aller Regel aus Zeichnungen besteht, nicht mehr außergewöhnlich.
kunstdirektor 07.05.2009
5. Das werde ich gerne tun:
Zitat von marlow_mcgrawDann viel Spaß damit - was dagegen, nach der Lektüre hier kurz Ihre Meinung abzugeben? Falls das übrigens im obigen Beitrag etwas falsch rüberkam: Ich bin sehr großer Comic-Fan, kein Skeptiker. Und es gibt so viele Beispiele, bei denen eine Graphic Novel um Längen besser funktioniert als ein Film (man vergleiche einfach mal Alan Moores Werke mit ihren Hollywood-Gegenstücken, selbst Zack Snyders Watchmen-Variante war da nur eine winzige Ausnahme). Waltz with Bashir ist meiner Meinung nach unter anderem so prägend und überzeugend, weil er den radikalen Schritt vom Live-Action-Film zur Animation bei einem extrem sensiblen Thema erfolgreich vollzogen hat. Das ist allerdings beim Medienwechsel zum Comic, der höchstens in der Bravo-Foto-Love-Story aus Fotos und sonst dann ja doch in aller Regel aus Zeichnungen besteht, nicht mehr außergewöhnlich.
[QUOTE=marlow_mcgraw;3708257]Dann viel Spaß damit - was dagegen, nach der Lektüre hier kurz Ihre Meinung abzugeben? Den Comicband habe ich morgen.
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