Von Stefan Kuzmany
32.000 Kilometer ist er gefahren, hat vor 60.000 Menschen gesprochen, hat sich gestritten mit Rechten und Katholiken, am Wahltag konnte die SPD dann zulegen, war zwar zweitstärkste Kraft, aber mit den Liberalen reichte es zur Koalition: Willy Brandt wurde 1969 der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Und wer hatte ihn dazu gemacht? Er, Günter Grass.
"Ohne die Wählerinitiative wäre die Wahl nicht zu gewinnen gewesen. Das ist meine Überzeugung", hat Grass in einem Interview dem Journalisten Kai Schlüter gesagt, Anlass dieses Gesprächs war ein Buch, das Schlüter über das Wahlkampf-Engagement des Schriftstellers herausgegeben hat. "Günter Grass auf Tour für Willy Brandt" wurde am Freitag in der SPD-Zentrale vorgestellt. Vor etwa 500 Gästen debattierte Grass mit dem SPD-Parteichef Sigmar Gabriel - und da ging es recht schnell nicht nur um den Wahlkampf damals, sondern auch um die heutige SPD. Und was diese zu tun und zu lassen hat. Da hat Grass nach wie vor klare Vorstellungen.
"Mehr Demokratie wagen?" - "Ja ja, ist von mir."
Als Konrad Adenauer Willy Brandt mit dessen Geburtsnamen Frahm zu diffamieren versuchte, ihn als unehelich Geborenen und Vaterlandsverräter schmähte, war das der erste Anlass für den jungen Schriftsteller Günter Grass, sich für den SPD-Mann einzusetzen. Früh schon mischte er sich in den Wahlkampf ein, erst im "Wahlkontor deutscher Schriftsteller", dann, 1969, in der "Saline", einer Gruppe von Intellektuellen, die "das Salz in der Suppe der SPD" sein wollten - freilich "ohne der Partei die Suppe zu versalzen". So kam es zu der Deutschlandreise im VW-Bus.
Über 40 Jahre später sitzt Grass nun in einem roten Sessel unter der großen Williy-Brandt-Statue im Innenhof des Willy-Brandt-Hauses und wird von der Journalistin Tissy Bruns befragt. "Mehr Demokratie wagen" - der Spruch sei doch von ihm, "ja ja, ist von mir", murmelt Grass, jetzt habe ja die Piratenpartei den Slogan übernommen, was er denn davon halte? "Die Kinder hören nicht so gerne auf meine Ratschläge", antwortet Grass, "aber die Enkel schon. Insofern sind die Piraten vielleicht meine Enkel."
Die Kinder, das ist die SPD, noch immer, und neben Grass sitzt das umfangreichste und größte Kind der Partei: ihr Chef Sigmar Gabriel. Ähnlich wie Peer Steinbrück, der Repräsentant und Kandidat des sozialdemokratischen Wirtschaftsflügels, der Ex-Kanzler Helmut Schmidt als Pate und Fürsprecher gefunden hat, verhält es sich zwischen dem Linken Gabriel und dem Nobelpreisträger, der ja quasi den Geist des verstorbenen Willy Brandt in sich trägt. Und der Sohnemann soll jetzt mal Politik machen im Sinne des weisen alten Herrn.
Gabriel ruft dann doch keine Revolution aus
Es scheint schwer in Mode zu sein, sich auf Willy Brandt zu berufen. Gerade hat Oskar Lafontaine vorgeschlagen, deutsche Friedenssoldaten in die Welt zu schicken und ausgerechnet den Namen "Willy-Brandt-Korps" dafür ersonnen, um die Sozis zu ärgern. Über den Linkspartei-Konkurrenten fällt denn auch kein Wort im Willy-Brandt-Haus. Auch wenn es ihm und seiner Partei wohl gefallen würde, was Grass der SPD ins Stammbuch schreibt.
"Das kapitalistische System befindet sich im Zustand der Selbstzerstörung. Wir brauchen ein neues System. Mir fehlen aber in dieser Sache die entscheidenden Worte aus der SPD", sagt Grass. Das Publikum, viele grauhaarige Parteifreunde, aber auch junge Sozialdemokraten, ist begeistert, doch Sigmar Gabriel ruft dennoch keine Revolution aus, spricht von der Notwendigkeit der Stabilisierung der Banken und des Euro.
Ihm sei die durch die Finanzkrise ausgelöste Zwangslage durchaus bewusst, antwortet Grass, aber wenn die Regierung das nächste Mal die Stimmen der SPD für ein Rettungspaket haben wolle, dann müsse die Partei fordern, dass endlich die Banken unter staatliche Kontrolle gestellt werden. "Und wenn die nicht wollen, dann gibt es eben Neuwahlen, verdammt noch mal!" Applaus! "Ich hoffe, ihr seid darauf vorbereitet!", setzt Grass nach, noch größere Begeisterung. Es kann so schön sein in der SPD, fast hatte man es schon vergessen.
Sigmar Gabriel gerät angesichts des gefeierten Revoluzzers neben ihm in eine ungewohnte Rolle: er wird seriös. Dreißig Jahre lang hätten uns die Wissenschaft, die Wirtschaft und Teile der Politik die Liberalisierung eingeredet, weniger Staat, freier Markt, "diesen ganzen Blödsinn" - "Ihr habt es Euch einreden lassen!", fährt Grass dazwischen und erhält auch dafür Beifall - doch auch die SPD habe den Neoliberalismus mitbetrieben, fährt Gabriel fort. Wenn er heute einen Systemwechsel fordere, müsse er sich zu Recht fragen lassen, warum seine Partei das Spiel so lange mitgespielt hat, als sie im Bund an der Macht war. Man habe Vertrauen verspielt, das man jetzt zurückgewinnen müsse.
Das mit der Wehrpflicht! Und den Griechen!
Na gut, Gabriel hat geantwortet, vielleicht nicht ganz im Grassschen Sinne, aber immerhin weiß der Parteichef jetzt, wo es lang gehen soll. Jetzt hat Grass noch zwei Dinge auf dem Herzen. Zunächst mal die Sache mit der Abschaffung der Wehrpflicht. Das sei ja ein Skandal, was dieser Guttenberg da angerichtet habe, und jetzt haben wir eine Söldnerarmee - warum tut die SPD nichts dagegen? Und zum Zweiten: Griechenland: "Es ist eine Schande, wie über diese Menschen hergezogen wird. Mein Mitgefühl gehört den Griechen."
Nun ja, sagt Gabriel, das mit der Wehrpflicht, das habe die SPD doch lange diskutiert. Und dann genau so vorgeschlagen, wie es später von Guttenberg umgesetzt wurde. Aber was Griechenland betreffe, da sei er ganz auf der Seite von Grass: "Gegen das, was die gerade an Kürzungen ertragen müssen, war die Agenda 2010 ein laues Sommerlüftchen." Das Problem sei aber leider, dass noch nicht einmal alle sozialdemokratischen Regierungen in Europa einig seien, was die Finanzhilfen betrifft. Bei Willy Brandt, sagt Grass, da gab es ja noch eine sozialistische Internationale, die diesen Namen verdiente.
Das sei ja überhaupt das Problem, es fehlten die großen Persönlichkeiten: "Damals hatten wir einen Wehner. Heute haben wir einen Podalla." Gabriel korrigiert sanft: "Pofalla." "Ach, Pofalla heißt der", schnaubt Grass voller Verachtung. "Der ist aber glücklicherweise nicht in der SPD", ergänzt Gabriel.
Hier ist ganz klar, wer Koch ist und wer Kellner: Grass fordert, Gabriel soll umsetzen. Aber eigentlich ist der Alte doch ganz zufrieden mit dem properen Sprössling: "Ich finde es gut, dass du gemachte Fehler benennst, und zwar aus Einsicht." Nicht so wie die Merkel mit der Atomwende.
Und Sigmar Gabriel richtet sich wohl schon darauf ein, auch in Zukunft die Ratschlüsse des SPD-Bewahrers empfangen zu dürfen: "Alle halbe Jahre mach ich jetzt 'ne Veranstaltung mit dir, damit ich nicht vom linken Weg abweiche." Das war wohl als Scherz gemeint. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Günter Grass ihn bitter ernst nimmt.
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