Grass-Memoiren "Mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre"

Wegen des Wirbels um das späte Bekenntnis von Günter Grass zu seiner Waffen-SS-Vergangenheit ist seine Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" ab jetzt im Buchhandel erhältlich. Ursprünglich sollte es erst am 1. September erscheinen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Auszüge.


"Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel wie der von Demjansk aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig. Dem Jungen, der sich als Mann sah, wird vor allem die Waffengattung wichtig gewesen sein: wenn nicht zu den U-Booten, von denen Sondermeldungen kaum noch Bericht gaben, dann als Panzerschütze in einer Division, die, wie man in der Leitstelle Weißer Hirsch wusste, neu aufgestellt werden sollte, und zwar unter dem Namen 'Jörg von Frundsberg'.

Grass Buch "Beim Häuten der Zwiebel": Vorgezogener Verkauf
DPA

Grass Buch "Beim Häuten der Zwiebel": Vorgezogener Verkauf

Der war mir als Anführer des Schwäbischen Bundes aus der Zeit der Bauernkriege und als 'Vater der Landsknechte' bekannt. Jemand, der für Freiheit, Befreiung stand. Auch ging von der Waffen-SS etwas Europäisches aus: In Divisionen zusammengefasst kämpften freiwillig Franzosen, Wallonen, Flamen und Holländer, viele Norweger, Dänen, sogar neutrale Schweden an der Ostfront in einer Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen Flut retten werde. Also Ausreden genug. Und doch habe ich mich über Jahrzehnte hinweg geweigert, mir das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen.

Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern. Zwar war während der Ausbildung zum Panzerschützen, die mich den Herbst und Winter lang abstumpfte, nichts von jenen Kriegsverbrechen zu hören, die später ans Licht kamen, aber behauptete Unwissenheit konnte meine Einsicht, einem System eingefügt gewesen zu sein, das die Vernichtung von Millionen Menschen geplant, organisiert und vollzogen hatte, nicht verschleiern. Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu geläufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiss."

"Wir Rekruten meines Alters und langgediente Soldaten, die von der Luftwaffe als so genannte 'Hermann-Göring-Spende' zur Waffen-SS abkommandiert waren, wurden von früh bis spät geschliffen und sollten, wie es ankündigend hieß, 'zur Sau gemacht werden'."

"Einmal wöchentlich langweilten wir uns während einer Unterrichtsstunde, in der es um Lebensraum und Weltanschauung ging: Blut und Boden... Davon blieb Wortmüll, der, zählebig, noch heute im Internet abzurufen ist."

"Ich verschwieg, dass ich sicher war, Künstler werden zu wollen, und gab eher vage das Studium der Kunstgeschichte als Ziel an, worauf mir fördernde Unterstützung in Aussicht gestellt wurde, wenn ich bereit und befähigt sei, so etwas wie eine Junkerschule für Führungskräfte zu besuchen. Dort, sagte er, bilde man jetzt schon völkisch bewusste Männer für Aufgaben aus, an denen es nach dem Endsieg nicht fehlen werde: auf dem Gebiet der Raumplanung, bei der notwendigen Umsiedlung von fremdvölkischer Population, als Führungskraft in der Wirtschaft, beim Wiederaufbau der Städte, im fiskalischen Sektor, vielleicht sogar im gewünschten Bereich der Kunst... Dann befragte er mich nach bereits vorhandenen Kenntnissen. (...) Ich redete pausenlos und wahrscheinlich großspurig über Dürers Selbstbildnisse, den Isenheimer Altar und Tintorettos 'Wunder des heiligen Markus', indem ich des Apostels Sturzflug von oben herab als Beispiel kühner Perspektive lobte. (...) Unter Kopfschütteln wurde ich von dem netten Onkel mit knapper Handgeste entlassen: offenbar untauglich für eine Laufbahn als Führungskraft nach dem Endsieg, denn keine Junkerschule entzog mich dem Drill."

Erinnerungen nur "Bildsalat"

"Aus dem Ausbildungslager inmitten der böhmischen Wälder wurden einzelne Gruppen in weit entlegene Standorte von Marschkompanien verlegt. (...) Uns brachte ein Güterzug nachts über Tetschen-Bodenbach nach Dresden, dann weiter in östliche Richtung, wo in Niederschlesien die Front zu vermuten war."

"Angeblich lag die Front vor Sagan, einer schlesischen Kleinstadt, die zwar zurückerobert worden war, doch weiterhin umkämpft blieb. (...) Aber wir kamen nur bis Weißwasser, wo jede Zuordnung und mit ihr das Marschgepäck samt Tagebuch und draufgeschnalltem Wintermantel verloren ging. Ab dann reißt der Film. So oft ich ihn flicke und wieder anlaufen lasse, bietet er Bildsalat."

"Mich sehe ich, wie gelernt, unter einen der Jagdpanther robben. (...) Drei Minuten, eine Ewigkeit lang, mag die Orgel spielen. Von Angst besetzt, pisse ich mir in die Hose. Dann Stille." (...)

"So kurz die Zeitspanne war, sie genügte: Schon im Verlauf erster Lektion lernte ich, mich zu fürchten."

"Danach gehörte ich nur noch Kampfeinheiten an, die nicht mehr zu benennen waren, Bataillone, Kompanien lösten sich auf. Die Division Frundsberg gab es nicht, falls es sie je gegeben hatte." (...)

"Im Wirrwarr des Rückzugs suchte ich Anschluss an versprengte Haufen, die gleichfalls Reste ihrer Truppeneinheit suchten." (...)

"Fest steht, dass ich Mitte April zwei Mal als Teil einer zusammengewürfelten Gruppe hinter die russischen Kampflinien geraten bin. Das geschah in der Hast des Rückzugs. Und jedes Mal war ich Teil eines Spähtrupps mit unklarem Auftrag."

hoc/AP



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