Gregor-Schneider-Ausstellung Eine Synagoge verschwindet

Gregor Schneider, bekannt für verschachtelte, schallisolierte Raumlabyrinthe, inszeniert im Rheinland. Dort bringt er eine Synagoge zum Sprechen und macht Besucher eines Museums zu Opfern ihrer Ängste und Traumata.

Gregor Schneider/ VG Bild-Kunst, Bonn

Seit Gregor Schneider die Räume seines "Haus ur" aus Rheydt am Rhein 2001 als "Totes Haus u r" in den Deutschen Pavillon auf der 49. Venedig Biennale eingebaut hat und dafür mit dem Goldenen Löwen der Biennale ausgezeichnet wurde, gehört der 45-Jährige zur international bekannten Künstlerelite. Seitdem setzt er seine klaustrophobischen Raum- und Hausbauten immer wieder in die Welt.

Er ist berühmt für verschachtelte, anscheinend schallisolierte Raumlabyrinthe, die den Besucher - von Tür zu Tür, von Gang zu Gang - immer auf eines zusteuern lassen: auf seine ureigensten Ängste vor Verlust und Isolation. In einigen Ausstellungen hat Schneider seinen Inszenierungen noch eins draufgesetzt, wie in seiner Retrospektive in der Kunsthalle Hamburg: Dort stellte sich der Besucher darauf ein, dass um die Ecke eine mysteriöse, im Titel des Werkes angekündigte "Hannelore Reuen" auftauchen würde. Die taucht dann auch auf, in einer Ecke hingestreckt mit abgewandtem Gesicht. Puppe oder Mensch? Der Verstand hat keinen Zweifel, aber die Gefühle sind in Aufruhr, da hilft auch kein genaues Hinsehen.

Neben den großen Rauminszenierungen zogen dann religiöse Themen in Schneiders Werk ein. Sein großes Projekt einer schwarz umhüllten Kaaba auf dem Markusplatz in Venedig wurde verboten, und wurde auch als "Cube Berlin" nicht realisiert - seitdem fühlt sich Schneider von der internationalen Kunstkuratorenschaft verraten und verlassen.

Von der Abstellkammer zum Ausstellungsraum

Seine Auseinandersetzung mit sakraler Architektur und ihrer Formen- und Bedeutungssprache prädestiniert Schneider, heute Professor an der Kunstakademie in München, in der Synagoge Stommeln in Pulheim nahe Köln tätig zu werden. Versteckt in der zweiten Häuserreihe der Stommelner Hauptstraße ist sie eine der wenigen erhaltenen Synagogen, die in der Zeit des Nationalsozialismus nicht zerstört wurden. 1937 hatte die jüdische Gemeinde sie an einen Landwirt verkauft, der sie als Abstellkammer nutzte und sie so vor Vandalismus und Abriss rettete. Ende der Siebzigerjahre kaufte die Gemeinde Pulheim das verfallene Gebäude, restaurierte es und widmet die Synagoge seit 1990 der Kunst - und damit zugleich der Erinnerung.

Die Kuratorin Angelika Schallenberg realisiert ein sensibel zusammengestelltes Programm, das jedes Jahr sowohl leise Arbeiten wie die von Sol LeWitt, Max Neuhaus oder Rosemarie Trockel, wie auch auffälligere Werke wie die von Olaf Metzel oder Maurizio Cattelan präsentiert. Bekannt ist vor allem Santiago Sierras Arbeit, die nach der Eröffnung sofort wieder entfernt wurde. Sierra hatte Abgase aus einem alten VW in die Synagoge eingeführt. Die jüdische Gemeinde Deutschlands hielt das für eine Entweihung des Ortes als Gedächtnisraum.

Die Synagoge ist einerseits ein diskreter, zum anderen ein Ort, der kunstvoll zum Sprechen gebracht wurde und viel zu sagen hat. Mit dieser Dialektik spielt Schneider, indem er dem Objekt in seiner Arbeit "Hauptstraße 85 a" zunächst einmal eine Hausnummer und damit eine postalische Adresse verleiht, die das Gebäude vorher nicht hatte.

Doch die vermeintliche Normalisierung geht noch weiter. Seit Tagen beobachten die Nachbarn die komplette Einrüstung des Hauses. Herumgesprochen hat sich, dass Schneider das Haus "zum Verschwinden" bringen will - viel Raum für Mutmaßungen, was hier konkret passieren wird - vom Überbauen bis zur Verhüllung. Das Spiel mit der An- und Abwesenheit der religiösen Sphäre ist offensichtlich das, was Schneider interessiert - der Gedächtniskultur wird das konkrete Objekt bewusst entzogen, und gleichzeitig wird der gesamte Raum und Ort zum Gegenstand der Kunst.

Reich zwischen Realität und Fiktion

Die Synagoge ist nur einer von mehreren Orten im Rheinland, an denen Schneiders Arbeit gerade zu sehen ist. Im Duisburger Lehmbruck-Museum wird er im Rahmen der Ruhrtriennale ab August seine Ausstellung "Totlast" zeigen, und im Kölner Schauspielhaus arbeitet er gerade mit dem Theater zusammen an einem Projekt mit den Namen "Neuerburgerstraße 21". Dabei werden die Besucher einzeln in ein unheimliches Raumlabyrinth gelockt. Sie werden zu Protagonisten im verwinkelten Bühnenraum - und zugleich Opfer ihrer Ängste und Traumata. Jede Tür, die sich öffnet und wieder schließt, verschluckt den Besucher in einem Reich zwischen Realität und Fiktion.

Warum ihm die dort angesetzten individuellen Besuchszeiten so wichtig sind, erklärt Schneider so: "Das führt dazu, dass wir den nötigen Abstand zwischen den Besuchern haben und sie sich seltener begegnen. Auch ist in Köln die Gehrichtung vorgeben. Die Besucher werden nicht zurückgehen können. Die Türen fallen ins Schloss." Hoffentlich öffnen sie sich zumindest am Ausgang wieder.


Ausstellungsangaben:
Gregor Schneider "Hauptstraße 85 a". Synagoge Stommeln, 3.7.-26.10.; "Neuerburgerstrasse 21". Schauspiel Köln, bis 6.7. und vom 23.8. bis 7.9.



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