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Karikaturenschau: Der Beinahe-Sieg der Terroristen in Hanau

Wirbel um Karikaturen: Greser und Lenz und die Hanauer Sicherheit Fotos
DPA

Hanau hatte eine Schau der bekannten Karikaturisten Greser und Lenz abgesagt, weil die Stadt die Sicherheitskosten explodieren sah - wegen Terrorgefahr. Der Vorgang rief wortgewaltige Verteidiger der Freiheit auf den Plan.

Hanau - "Erschreckende Absage" - so war ein Kommentar überschrieben in der Rhein-Main-Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Undder Artikel dazu sah sogar einen "Sieg der Terroristen". Am Ende des Tages ist ein Beweis für die zumindest im Lokalen noch intakte Macht der Presse erbracht, die Terroristen hatten sozusagen verloren.

Was war geschehen?

Die hessische Stadt Hanau hatte eine Ausstellung geplant mit Werken der Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz, die im nahegelegenen Aschaffenburg ihr Atelier haben. Greser und Lenz veröffentlichen ihre Karikaturen zu aktuellen politischen Ereignissen regelmäßig in der "FAZ" - weshalb ihr Spott gelegentlich auch das Thema Islamismus streifte. Religionskritik ist allerdings kein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

"Die Verträge waren zwar noch nicht unterschrieben, die Angelegenheit sei nach Angaben der Künstler aber "abschlussreif" gewesen, als die Anschläge von Paris nicht nur die Welt der Karikaturisten veränderten. "Wir haben sicherheitshalber unsere Zeichentische nach Mekka ausgerichtet", scherzten Greser und Lenz in einem Interview kurz nach dem Angriff auf "Charlie Hebdo".

Noch einmal nachdenken

In Hanau sah man sich genötigt, über umfangreiche und kostspielige Sicherheitsvorkehrungen für die Karikaturenausstellung nachzudenken, so stellte es jedenfalls der Fachbereichsleiter für Kultur, Stadtidentität und internationale Beziehungen, Martin Hoppe, gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen" dar. Diese Sicherheitskosten könne die Stadt nicht stemmen - im Sommer war ein Sparhaushalt für 2014/15 verabschiedet worden. Selbst wenn sich ein Sponsor fände, so Hoppe, würde die Zeit für ausreichende Werbung bis März zu knapp. Man sagte Greser und Lenz ab.

Die Karikaturisten äußerten Verständnis für die Stadt Hanau, doch Greser nannte es gegenüber der "FAZ" auch "einen Sieg der Terroristen", dass die Ausstellung nicht zustande kommen werde. Kulturredakteur Michael Hierholzer fand den Vorgang in seinem Kommentar sogar "erschreckend" und erklärte die Absage der Karikaturenschau zu einem "Armutszeugnis für ein demokratisches Gemeinwesen.

Jener Artikel, so stellte es Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) später dar, habe "eine neue Nachdenklichkeit" bewirkt. Am späten Vormittag erhielten Greser und Lenz vom Kulturamt der Brüder-Grimm-Stadt Hanau (so auf den Ortsschildern zu lesen) die Nachricht, dass die Ausstellung offenbar doch stattfinden solle. "Wir freuen uns sehr", sagte Heribert Lenz dem "Darmstädter Echo". Und Kollege Greser spekulierte, im Hanauer Kulturamt wolle man wohl nicht "als demokratischer Hosenscheißer" dastehen.

Bei einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag sagte Oberbürgermeister Kaminsky, dass dem Magistrat "auch durch die Berichterstattung bewusst" geworden sei, dass eine Absage "in diesen Tagen zu ungewollten Fehlinterpretationen führen" müsse. Die Ausstellung solle nun also doch, wie ursprünglich geplant, am 14. März eröffnet werden und zwei Monate in Hanau zu sehen sein.

Kaminsky erinnerte daran, dass auch auf seinen Aufruf hin, sich 600 Hanauer vor dem Goldschmiedehaus unter dem Motto "Nous sommes Charlie" zu einer Gedenk-Kundgebung für die Opfer der Pariser Anschläge versammelt hätten. Er hatte dort dazu aufgerufen, "furchtlos an unserer freien Lebensweise festzuhalten".

Der Ort für die Schau steht dem "Hanauer Anzeiger" zufolge noch nicht fest, er hänge "von noch zu klärenden Sicherheitsfragen ab", zitiert das Blatt Claus Kaminsky. Um deren Kosten zu tragen, sei ihm allerdings inzwischen Unterstützung signalisiert worden, sowohl vonseiten des Kulturfonds RheinMain als auch von der örtlichen Sparkasse. Und Werbung für die Ausstellung gab es ja an diesem Dienstag in Hanau nun wirklich genug.

feb/dpa

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Karikaturen
wi_hartmann@t-online.de 20.01.2015
Man sollte die zum Teil üble Schmiererei zum Thema Religion nicht als Verteidigung der Freiheit hochstilisieren. Was wäre, wenn der Papst z. B. als "Märchenprinz" in Presse und Rundfunk verunglimpft würde?
2. Das Konzept
Badischer Revoluzzer 20.01.2015
der Terroristen geht auf. Alles was nur in die Nähe einer islamkritischen Veranstaltung oder Veröffentlichung zielt wird abgesagt. Da sag´noch einer die Islamisten verstünden nichts von ihrem Geschäft.
3. Ganz einfach
m.heusler 20.01.2015
Zitat von wi_hartmann@t-online.deMan sollte die zum Teil üble Schmiererei zum Thema Religion nicht als Verteidigung der Freiheit hochstilisieren. Was wäre, wenn der Papst z. B. als "Märchenprinz" in Presse und Rundfunk verunglimpft würde?
Vermutlich würde sich der Papst weniger daran stören als manch christlicher Fanatiker.
4. wi_hartmann
Trivalent 20.01.2015
Sie haben auch gar nichts verstanden. sechs setzen
5. Life of Brian
taglöhner 20.01.2015
Zitat von wi_hartmann@t-online.deMan sollte die zum Teil üble Schmiererei zum Thema Religion nicht als Verteidigung der Freiheit hochstilisieren. Was wäre, wenn der Papst z. B. als "Märchenprinz" in Presse und Rundfunk verunglimpft würde?
Ja was wäre denn dann? Noch nie eine Papst/Jesus/lieberGott-Karikatur gesehen? Wo leben Sie?
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