Grimme-Jahrbuch Lesen Sie fern!

Ein Jahrbuch wie der Kater am Morgen danach: Jeden Frühsommer lässt das Grimme-Institut das Fernsehjahr in Buchform Revue passieren. Weniger Trash hätte es auch getan, doch insgesamt hat sich das TV-Delirium doch gelohnt.

Von Jan Freitag


Unser Fernsehkonsum steigt unablässig. 212 Minuten waren es im WM-Jahr täglich, das sind fast 30 Minuten mehr als noch 1996. Bald zwei Monate sitzt der Durchschnittsdeutsche also zwischen Neujahr und Silvester vor der Glotze – sollte er da wirklich auch noch Bücher über seine Lieblingsbeschäftigung lesen? Schließlich gibt es in der Fernseh-freien Zeit sinnigere Dinge zu tun. Sport treiben etwa, mal wieder Freunde treffen, zärtlich sein, reden. Die Antwort lautet trotzdem: Man sollte!

Grimme-prämierte Sendung "Extreme Activity": Infantile Spielshow heliumhigher Promis
ProSieben1

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Denn ein gutes Buch zu lesen ist immer ungemein anregend, wenn auch das Programm des Vorabends eines der wichtigsten Gesprächsthemen am Morgen danach bleibt. Wenn sich nun aber das eine so sehr mit dem anderen vereint, dass man das andere ein bisschen eher verstehen lernt – umso besser.

Genau diese gelungene Verbindung schafft das "Jahrbuch Fernsehen", herausgegeben von fachkundigen Expertengruppen wie dem Grimme-Institut und dem Institut seines Vordenkers Lutz Hachmeister namens IfM. Jedes Jahr im Frühsommer bündelt es die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken sowie zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre und macht Fernsehen dadurch – lesenswert.

Dabei steht außer Frage, dass die Ausgabe 2007 - wie ihre 16 Vorgängerinnen - vor allem etwas für Eingeweihte ist: Medienmenschen, Branchenverantwortliche, Populärkulturschaffende, TV-Junkies. Aber es steckt eben auch mehr darin als bloße Kritik. Der 600 Seiten starke Band ist ein Kompendium des Alltäglichsten, ein öffentliches Dossier unserer Sehgewohnheiten, ein Brennglas auf jenes Medium, das auch im Zeitalter von YouTube, Video-on-demand und Weblogs noch immer vier Mal soviel Zeit verschlingt wie unser täglicher Internetkonsum. Schließlich sehen wir alle fern, wenn es die Jüngeren auch eher nebenbei tun, im Multitaskingverfahren – so behaupten jedenfalls all jene, die glauben, mit Quoten, Freizeitforschung und Demoskopie unverstellt in heimische Wohnräume blicken zu können.

Das tun im Übrigen auch die Autoren, Essayisten, Analytiker des Jahrbuchs. Sie alle stimmen am Ende des Editorials darin überein, dass wir alle zwar mehr Inhalte in den neuen Technologien brauchen, aber eben auch "Echtzeit-Ereignisse als Einschaltimpuls" im guten alten Fernsehen – von Filmevents über Fußballübertragungen bis zu Castingshows. Was man von denen halten sollte, das zeigen wiederum die lesenswerten Rezensionen renommierter Fernsehkritiker.

Der Einäugige unter Blinden

57 Fallanalysen des 2006 Gezeigten hat das Grimme-Institut aus Magazinen, Zeitungen und Online-Publikationen kompiliert und sie lassen sich im Wesentlichen auf einen Kern reduzieren: Privatsender müssen sich mächtig anstrengen, um darin gut wegzukommen, doch auch die Öffentlich-Rechtlichen sind freilich längst beliebte Prügelknaben der Presse.

Verrisse machen halt mehr Spaß als Lob und was gibt es auch Freundliches zu schreiben über Aufgeblähtes wie "Germany’s Next Topmodel" oder Blockbuster der Marke Teamworx. Schließlich liegen dem Buch hohe Grimme-Ansprüche zugrunde, wenngleich am Institutssitz Marl selbst Jürgen von der Lippes infantile Spielshow "Extreme Activity" ausgezeichnet wurde.

Was die Jury daran preiswürdig fand, Promis mit heliumerhöhter Stimme Begriffe raten zu lassen, bleibt wohl auf ewig ihr Geheimnis. Wenn allerdings Dietrich Leder in seinem pointierten Abriss des Fernsehjahrs in zehn Bildern nicht umhin kommt, die Pro7-Show "Schlag den Raab", eine Art "Spiel ohne Grenzen" für Egozentriker, aus dem Wust armseliger Unterhaltungsformate lobend hervorzuheben, wird von der Lippe eben zum Einäugigen unter blinden Moderationskollegen. Und Leder weiß, wovon er spricht, denn als TV-Kenner sieht er mehr fern als jeder andere und nicht nur das macht seine Rubrik zum Besten, was darüber geschrieben steht.

Nutzwert fürs gemeine Fernsehpublikum

Ähnliches gilt zwar auch für die hervorragenden Essays zum Einstieg – Imran Ayatas umfassender Betrachtung des televisionären Umgangs mit Migranten, Alexander Kühns Verriss deutscher Serienadaptionen, Leif Kamps Ausblick ins multimediale Zeitalter oder Diemut Roethers in das der Werbung. Aber wo bleibt der Nutzwert fürs gemeine Publikum? Den bietet zum Beispiel das Branchen-Verzeichnis, von der Landesmedienanstalt übers Filmstudio bis hin zur PR-Agentur, 300 Seiten lang, nahezu lückenlos.

Und wenn das schlichte Drama "Wut" eine publikumsübergreifende Debatte zu Selbstzensur, Xenophilie und Gettoisierung losbricht, wenn defizitäre Videoportale 1,6 Milliarden Euro Verkaufsgewinn erbringen und deutsche Fernsehsender fast 500 Millionen mehr als Reinerlös, wenn animierte Städtebombardements, Flüchtlingstrecks oder Sturmfluten realistischer werden als die Originale und Wahlkämpfe zu gesendeten Laufstegen, ist die soziokulturelle, politische, wirtschaftliche, Bedeutung des Mediums nachhaltig belegt. Egal, ob einzeln abrufbar oder formatiert, variabel oder starr, wireless oder terrestrisch, Internet oder TV. Kein Zweifel: Es wird noch viele "Jahrbücher Fernsehen" geben.


Grimme Institut, Funkkorrespondenz, Institut für Medien und Kommunikationspolitik (IfM) u.a. (Hg.): Jahrbuch Fernsehen 2007, Marl, 600 Seiten, 34,90 Euro



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