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Grimme-Preis für "Marhaba": Journalisten machen den Job der Bundesregierung

Ein Gastbeitrag von Constantin Schreiber

Journalisten: Wir machen den Job der Bundesregierung Fotos
NDR/ Thomas Pritschet

Journalismus oder Aktivismus? Die großen journalistischen Auszeichnungen in diesem Jahr gehen an Personen, die beim Thema Flüchtlinge besonders präsent sind.

"Haltung zeigen", das sollte jeder Journalist in Zeiten von Flüchtlingskrise und "Lügenpresse". Ein Sturm von Lob und Kritik fegte nach Anja Reschkes Tagesthemen-Kommentar im vergangenen Sommer über die NDR-Journalistin hinweg. "Haltung zeigen" - ein Statement das so auch hätte von der Bundeskanzlerin kommen können.

Dunja Hayali und ihr Gespräch mit AfD- und Pegida-Anhängern: Sollten auf den Demonstrationen in Erfurt oder Dresden nicht auch Minister, Generalsekretäre oder Parteisprecher sein, die sich Bürgersorgen anhören oder Pöbeleien mit Fakten entgegentreten?

Eine Erklärsendung auf Arabisch für Flüchtlinge, online jederzeit abrufbar. Hätte das nicht schon im Herbst 2015 von einem Presse- und Informationsamt produziert werden können?

Zum Autor
  • Urbachat
    Constantin Schreiber, Jahrgang 1979, ist Korrespondent und Moderator bei RTL und n-tv. Für die TV-Reihe "Marhaba - Ankommen in Deutschland", in der er Geflüchteten den deutschen Alltag erklärt, wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Auf Arabisch moderiert er außerdem das Wissenschaftsformat "Scitech" auf dem ägyptischen Sender ONTV.
Die Flüchtlingskrise, wie wir sie seit vergangenem Sommer erleben, verlangt Deutschland alles ab. Aufgaben verteilen sich neu, viele auch auf Schultern, die gar nicht dafür gedacht waren. Die unzähligen Helfer in den Unterkünften tun, was von staatlicher Seite nicht organisiert wird. Die Versorgung der hilfsbedürftigen Menschen in den Flüchtlingsunterkünften wäre längst kollabiert, würde man sich allein auf Bund und Länder verlassen.

Journalisten berichten, kommentieren, decken auf, doch einmal mehr werden sie in dieser Krise zu Aufklärern.

Journalisten verbreiten angeblich Partei-Agenda

Eigentlich sollen wir den Handelnden kritisch auf die Finger schauen. Plötzlich finden sich viele von uns in einer Rolle wieder, die sie sich nicht ausgesucht haben: Sie sind Vermittler demokratischer Werte. Honoriert werden sie dafür von Einigen mit einer sehr politischen Währung: Sie werden zum Punchingball der Pöbler. Beschimpfungen wie "Lügenpresse" müssen wir uns längst nicht nur von Pegida-Anhängern gefallen lassen.

Immer wieder wird der Vorwurf laut, Journalisten hätten sich von der Politik kaufen lassen, um Partei-Agenda zu verbreiten. Mir ist persönlich kein einziger Fall bekannt, in dem von politischer Seite eine Agenda vorgegeben wurde.

Viele Geschichten, die die Flüchtlingskrise betreffen, sind zudem hoch emotionalisiert. Wer kann schon guten Gewissens über Clausnitz berichten, ohne sich zu schämen? Wer kann in Idomeni drehen, ohne Mitgefühl und Sorge zu empfinden? Wer kann versuchen, bei Pegida-Demonstrationen mit Anhängern zu sprechen, ohne sich zu ärgern?

Diese Krise hat die Darstellungsform reines journalistischen Berichtens längst ausgeschaltet.

Hinter meiner Sendung und dem Buch "Marhaba, Flüchtling" steckt die Idee, Menschen aus einem völlig fremden Kulturkreis den Ort zu erklären, an dem sie vorerst leben werden: Deutschland. Die Basics unseres alltäglichen Zusammenlebens, Unterschiede zwischen unseren Kulturen, die zu Problemen führen, wenn man sie nicht kennt. Starthilfe. Integrationsmotor.

Wo Politiker nicht weiterkommen, springen Medien ein

Auf der einen Seite ist es gut, dass dies nicht mit dem belehrenden und mahnenden Fingerzeig einer Behörde geschieht. Auf der anderen Seite ist es auch ein wenig problematisch, dass sich die Politik den Umstand, dass Journalisten Initiative ergreifen, zunutze macht. Vielleicht sagt man sich in Ministerien und Kanzleramt "Läuft doch". Die Medien sind doch dabei, Informationsangebote für Flüchtlinge zu entwerfen - und fangen gleichzeitig noch einen Großteil des Shitstorms ab, der sonst, zusätzlich, die Politik treffen würde.

Ein Kollege eines öffentlich-rechtlichen Senders sagte mir kürzlich, er halte die ständigen Beschimpfungen nicht mehr aus. Das allgegenwärtige "Lügenpresse".

Der Vorwurf trifft mich seltener. Dafür wittern viele Zuschauer arabische Strippenzieher hinter meiner Sendung, die nur eines im Sinne haben: Die Islamisierung des Abendlandes - um bei dieser platten Weltsicht zu bleiben. "Vaterlandsverräter" schreiben sie mir dann oder wünschen mir "mit der Merkel in der gleichen Kammer zu vergasen".

Unabhängig von einer politischen Lösung der Flüchtlingsproblematik gibt es eine Aufgabe, die unbedingt bewältigt werden muss und derer sich Journalisten teils stärker annehmen als die Politik. Es geht darum, Lücken zu schließen, mitzunehmen, heranzuführen. Wenn ein kleiner Ort in Sachsen plötzlich 100 Syrer aufnehmen muss, dann gilt es Anderes kennenzulernen und zu verstehen, zu vermitteln und zu übersetzen. Meine Sendung "Marhaba - Ankommen in Deutschland" erklärt den arabischsprachigen Flüchtlingen unser Land und unsere Kultur. Aber auch die Deutschen, die unmittelbar mit Flüchtlingen konfrontiert sind, brauchen jemanden, der einen Schritt auf sie zugeht.

Tatsächlich hat diese Krise auch gezeigt: Wir bräuchten auch ein "Marhaba" für Deutsche, das ihnen erklärt aus welcher Welt die Flüchtlinge kommen, ein "Marhaba", das Brücken baut. Allerdings wäre das dann doch eher eine Aufgabe für die Politik und zwar eine sehr heikle.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1.
räbbi 10.03.2016
Sicherlich ein ehrenwerter Ansatz - ich halt's trotzdem mit den alten Friedrichs: „Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“
2. Auch hier im Beitrag
Rabawü 10.03.2016
wird wieder "Haltung gezeigt". Ein Journalist sollte es dabei belassen zu informieren ohne zu bewerten. Bewerten kann ich selber wenn ich die Fakten habe. Frei nach H-J. Friedrichs sollte ein guter Journalist sich nicht mit einer Sache gemein machen - auch nicht mit einer guten.
3.
zursachet 10.03.2016
"Immer wieder wird der Vorwurf laut, Journalisten hätten sich von der Politik kaufen lassen, um Partei-Agenda zu verbreiten. Mir ist persönlich kein einziger Fall bekannt, in dem von politischer Seite eine Agenda vorgegeben wurde". Am Thema vorbei. Die Umfrage der politischen Präferenz bei Journalisten hat eine klare Mehrheit unter den Teilnehmenden im Grün / Linken Spektrum ermittelt. Das ist vollkommen in Ordnung - nur sollte man auch ehrlich dazu stehen und nicht den Anschein einer Neutralität vermitteln. Denn die existiert eben nicht mehr in Deutschlands Leitmedien-Landschaft. Wenn selbst der deutsche Aussenminister Verwunderung konstatiert, ob der immer gleichen Berichte in allen Medien sollte man nachdenken. Eine Seite wird über Gebühr positiv dargestellt, die andere negativ. Da helfen auch noch so viele Artikel nicht die das Gegenteil bezeugen wollen. Vielleicht sollte man sich eine Liste von Ländern anlegen, in denen die Reichweiten-stärksten Medien fast ausschließlich pro-Regierungs Artikel schreiben. Man würde ggfs etwas bemerken - wenn man selbstkritisch genug wäre.
4. Mangelhafte Kritik an der Politik
oceang 10.03.2016
Der Vorwurf der gelenkten Presse resultiert nicht aus den konstruktiven Vorschlägen, wie mit der Krise umzugehen sei. Was hat Merkel und ihre Regierung wirklich nachweislich bewegt, seit dem Sommer 2015? Steht dies im angenessen Verhältnis zu der Größe der Aufgabe? Ich sage: Nein! Auch das Ergebnis der nun geschlossenen Balkanroute ist ein Resultat des politischen Aussitzens. Das Problem ist, das due Presse dies nicht angemessen kritisiert. Einige sehr wenige Artikel ändern dabei nichts an der Gesamtausrichtung. Daraus ergibt sich der Vorwurf einer Systempresse, die Merkel um jeden Preis meint Merkel in Schutz nehmen zu müssen.
5. @#1
busytraveller 10.03.2016
Gut gesagt von Friedrichs. Was ich mir von den Fernsehnachrichten und Magazinen wünsche, ist mehr Information. Dafür dürfen es weniger Politiker - Statements sein. Oft wird ein Sachverhalt so knapp beschrieben, dass ihn ein nicht so gut Informierter kaum versteht. Dafür kommen dann die üblichen Life - Statements meist gleich von mehreren Berliner Politikern, die wenig aussagen. Es geht wohl vor Allem darum, dass die Politiker der im Fernsehrat vertretenen Parteien ihre Gesichter in die Kameras halten dürfen. Nicht so sehr um die Sache.
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