Grimme-Preis Als wäre Roger Willemsen Robbie Williams

Bei der Grimme-Preisverleihung in Marl feierte das Qualitätsfernsehen ausgelassen sich selbst. Nebenbei ging es um Fußball und Stolz. Wie üblich gingen die Privaten bei der Preisverleihung beinahe leer aus.

Von Christian Bartels


Wahrscheinlich ist das Marler Stadttheater der einzige Ort der Republik, an dem Roger Willemsen, wenn er auf die Bühne stürmt, von schönen Frauen bejubelt wird, als sei er Robbie Williams. Am Freitagabend vergab der Deutsche Volkshochschulverband zum 37. Mal die Adolf-Grimme-Preise. Und wieder erwies sich das Ruhrpott-Städtchen als Bastion der Fernsehkultur, deren Macher einander selber feiern. Nicht zu Unrecht, natürlich.

Hatte schon gegessen: Jürgen Vogel, hier mit Filmpartnerin Nadeshda Brennicke
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Hatte schon gegessen: Jürgen Vogel, hier mit Filmpartnerin Nadeshda Brennicke

Zu Beginn bat Grimme-Institutsleiter Ulrich Spies die Gäste, zusammen zu rücken, damit später niemand rot sehen könne - das Rot freier Theatersitze. Sonst würden sich wieder die beschweren, die nicht ins Theater eingelassen wurden und der Zeremonie via Fernsehübertragung im Institutsgebäude folgen mussten. Denn auch wenn die Gewinner zum Zeitpunkt der Verleihung längst bekannt sind - in diesem Jahr durch eine Vorabmeldung im SPIEGEL noch früher als sonst - und trotz allem Marl-Bashing in den Presseberichten jener Redakteure, die in Jurys berufen werden und gezwungen sind, viel Zeit in Marl zu verbringen, strömt das Branchenvolk weiterhin in Massen zum Grimme-Preis. Und der hat immer noch verblüffenden Nachrichtenwert, auch über die Gemeinde des Kulturfernsehens hinaus.

Keine Chance für Viva 2

Wahrscheinlich ist es gar nicht so falsch, sich die Abwicklung des Musiksenders Viva 2 so vorzustellen, dass die Shareholder der Viva AG in der "Welt am Sonntag" von gleich zwei Grimme-Nominierungen für Viva 2 gelesen und erst so erfahren haben, dass ihre AG sich einen unprofitablen Nischensender leistet. In der Woche darauf haben sie bei Dieter Gorny angerufen - inzwischen ist der Spuk so gut wie vorbei, auf dem zweiten Viva-Kanal wird künftig anderes ausgestrahlt werden. Preise gab's für Viva 2 denn auch nicht.

Die gesetzten Trends charakterisierte Moderator Willemsen so: "Blamabel wenig gekostet" hätten die ausgezeichneten Produktionen, und zu einem späten Zeitpunkt gesendet worden seien sie. Den Film "Wege in die Nacht" hatte das ZDF zur Montagnacht um 0.30 Uhr angekündigt und dann um 0.45 Uhr ausgestrahlt, beschwerte sich Schauspielerin Cornelia Schmaus, die jetzt neben Hilmar Thate, Kamermann Jürgen Jürges und Regisseur Andreas Kleinert prämiert wurde. Andreas Dresen, Regisseur des mit dem Grimme-Preis mit Gold gekrönten Films "Die Polizistin" hatte einen konstruktiven Vorschlag, wie sperrige Werke zu früheren Sendeterminen ins Programm gehoben werden können - wenn bei der Konkurrenz Fußball läuft. Dresens Film hatte der ARD um 20.15 Uhr gegen die Champions League auf RTL gute Quoten beschert.

Seiner Zeit voraus war der Grimme-Preis 2001 nicht gerade. Fatih Akins Kinofilm "Kurz und schmerzlos" von 1998 wurde jetzt ausgezeichnet, weil die ZDF-Koproduktion im letzten Jahr ihre TV-Premiere erlebte. Auf den Gibts-die-auch-noch-Effekt setzte der Spezialpreis mit Gold für Hans W. Geissendörfer's "Die Lindenstraße" als längst-laufende Weekly (seit 1985) des deutschen Fernsehens. Der Produzent aus Köln sagte kurzfristig ab und schickte Schauspieler Georg Uecker, immerhin mit Geissendörfer-Originalmütze.

Nur einen Preis für die Privaten

Als einziger Privatsender konnte Pro Sieben für "Das Phantom" einen der 16 Preise ergattern. Der Politthriller zeichnet eine Verschwörungstheorie rund um die RAF nach. Vermutlich gilt die Auszeichnung dem Jahre langen Bemühen des Senders, alle Genres des Hollywood-Kinos an deutsche Gegenwartsschauplätze zu transponieren, wobei manchmal Katastrophales herauskommt, manchmal eben auch Gelungenes. Ebenfalls um eine Verschwörungstheorie kreist in Hendrik Handloegtens Teenie-Drama "Paul is dead". Schließlich wurde die leichtgewichte Komödie "Einer geht noch" um eine schwergewichtige Keglerin (Debütantin Stephanie Gossger gewann gleich für ihre erste Filmrolle einen Grimme-Preis) prämiert, deren Autor Christian Jeltsch freimütig bekannte, dass er eigentlich lieber einen düsteren Thriller geschrieben hätte.

Die meisten Preisträger nutzten ihre Ansprachen, um Eltern und Agenten zu danken, was Willemsen mitunter mit einem "Wir haben doch keine Zeit!" zu Stefan-Raab-Intonation verleitete. Den Vogel schoss Jürgen Vogel ab, der seiner Mutter über die Fernsehkamera mitteilte, dass er schon etwas gegessen habe. Wirklich emotional war allein die Rede der mit einem Spezialpreis bedachten Christiane Hörbiger.

Thomas Giefer, der für seine Dokumentation "Politische Morde: Mord im Kolonialstil" einen Grimme-Preis mit Gold gewann, setzte die Pointe, dass seine 45-minütige Sendung über den Mord an Patrice Lumumba soviel gekostet habe wie 50 Sekunden Fußball-Weltmeisterschaft. Eyal Sivan aus Israel äußerte die Befürchtung, die Programm-"Slots" für Sendungen wie seinen zweistündigen Dokumentarfilm über den Eichmann-Prozess "Ein Spezialist" würden künftig noch weniger. Und Georg M. Hafner vom Hessischen Rundfunk bekannte, auf den Grimme-Preis "seit 25 Dienstjahren" gewartet zu haben. Jetzt hat er ihn für die Reihe "Das rote Quadrat" bekommen. Weitere Preise für Information & Kultur gingen an die Kamikaze-Doku des Japan-Korrespondenten Klaus Scherer, das internationale Team hinter der Arte-Reihe "Mein Gott, Europa!" und an "Die EM.TV-Story" von Marcus Vetter (der im letzten Jahr für "Der Tunnel" ausgezeichnet wurde).

Thates Vorschlag: "Stolz" zum "Unwort des Jahres" erklären

Vor der After-Show-Party im skurrilen Marler Rathaus blies dann noch Klaus Doldinger auf seinem Saxofon die "Tatort"-Melodie für den für sein Lebenswerk geehrten Gunter Witte, weil der einstige WDR-Fernsehspielchef auch für deren Erfindung verantwortlich zeichnet. In ihrer Laudatio nannte Volkshochschulverbands-Präsidentin Rita Süßmuth die von ihren Parteifreunden angezettelte Diskussionen um Leitkultur und Stolz "verquer". In dem Zusammenhang stand auch die intelligenteste Äußerung des Abends: Hilmar Thate regte an, "Stolz" zum "Unwort des Jahres" zu erklären.



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