Grimme-Preise "Wir sind für ordentliches und gutes Fernsehen"

"Das Wunder von Lengede" und die ARD-Dokumentation "Schleyer. Eine deutsche Geschichte" gehören zu den Favoriten für die Verleihung des diesjährigen Grimme-Preises. Harald Schmidt ist erneut nominiert. Reality-Spektakel wie die "Dschungelshow" auf RTL haben laut Grimme-Chef Gäbler keine Aussicht auf den begehrten TV-Preis.


Sat.1-Film "Das Wunder von Lengede": "Fülle hervorragender Einzelstücke"
Sat.1

Sat.1-Film "Das Wunder von Lengede": "Fülle hervorragender Einzelstücke"

Marl - Drei unahängige Nominierungskommissionen wählten 510 Fernsehproduktionen und spezielle TV-Leistungen in den Sparten Fiktion & Unterhaltung, Information & Kultur sowie Spezial aus und gaben am Donnerstag die Nominierungen für den diesjährigen Grimme-Preis des Adolf-Grimme-Instituts in Marl bekannt. Die begehrten Preise werden zum 40. Mail verliehen. Die Jubiläums-Preisverleihung wird von Sandra Maischberger moderiert und findet am 3. April im Theater in Marl statt. Bundespräsident Johannes Rau (SPD) hat seine Teilnahme als Ehrengast zugesagt. Auch NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) wird erwartet

In der Ausscheidung um den deutschen Fernseh-"Oscar" sind unter anderem der erfolgreiche Sat.1-Zweiteiler "Das Wunder von Lengede" und der ARD-Dokumentarfilm "Schleyer. Eine deutsche Geschichte" nominiert. Als potenzielle Preisträger gehen unter anderen auch Harald Schmidt, Martina Gedeck, Julia Jäger ("Das Konto"), Charlotte Roche (Viva, "Fast Forward") ins Rennen.

Kein Durchbruch für das Qualitätsfernsehen

Nach Auffassung des Leiters des Grimme-Instituts, Bernd Gäbler, brachte das vergangene Fernsehjahr indes "keinen Durchbruch" für das Qualitätsfernsehen. Es seien aber eine "Fülle hervorragender Einzelstücke" gesendet worden, darunter glänzende schauspielerische Leistungen, gute politische Dokumentationen und Entdeckungen im Bereich der Fernsehunterhaltung.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben den Angaben des Instituts zufolge bei den Nominierungen wie üblich die Nase vorn und sind vor allem in der Sparte Information und Kultur dominant. Der Privatsender Sat.1 ist mit fünf Nennungen vertreten - so viele wie bisher noch nie in der Geschichte des TV-Preises. RTL ist mit Hape Kerkeling ("Die 70er-Show"), der Reporterin Antonia Rados und der Serie "Die Sitte" dreimal vertreten, ProSieben zweimal.

Entertainer Schmidt: "Selbstironische Distanzierung"
AP

Entertainer Schmidt: "Selbstironische Distanzierung"

Dokumentar-Regisseur Marcus Vetter könnte bereits seinen vierten "Grimme" gewinnen. Vetter gewann ihn sogar seit 2001 in Serie. Diesmal wartet er mit Beschreibung der argentinischen Wirtschaftskrise "Menschen und Straßen: Straße der Betrogenen" (SWR/Arte) auf. Während das Hanns-Martin-Schleyer-Porträt von Lutz Hachmeister (ARD/NDR/WDR) nominiert wurde, fand der ARD-Mehrteiler "Im Schatten der Macht" mit Michael Mendl als Willy Brandt offenbar zu wenig Unterstützer. Der Film war vielleicht zu aufdringlich in einigen Darstellungen, glaubt Gäbler. "Das ist aber ein klassischer Fall von einer Nachnominierungsdiskussion."

"So etwas überlassen wir dem Deutschen Fernsehpreis"

Ganz und gar nicht nominierungswürdig hält das Grimme Institut im Ausblick auf die im nächsten Jahr anstehende 41. Verleihung die RTL-Dschungel-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". "Das ist für mich fast so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die Dschungel-Show beim Grimme Preis keine Chance hat. Wir sind für ordentliches und gutes Fernsehen", betonte Gäbler. "So etwas überlassen wir lieber dem Deutschen Fernsehpreis". Die Show sei "weder aufklärerisch noch human", kritisierte der Instituts-Leiter. Dennoch werde die Sendung sicher bei der Kommissionsrunde im kommenden Jahr diskutiert.

Der inzwischen pausierende TV-Entertainer Harald Schmidt könnte am 3. April ebenfalls seinen vierten Grimme-Preis abholen. Wie Schmidt am 4. Dezember vergangenen Jahres mit "selbstironischer Distanzierung" auf den neuen Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski reagiert habe, sei interessant für die Vergabe des Spezialpreises, so Gäbler. Damit habe Schmidt einen tollen Abschied gegeben.

Erstmals nominiert ist der Sender Deutsche Welle TV mit seiner Eigenproduktion "Der durstige Planet". Der Kinderkanal kommt auf drei Nominierungen (darunter die Kult-Serie "Bernd das Brot") und zeige damit dem Institut zufolge das "gewachsene Qualitätsbewusstsein" bei Kindersendungen.

Gleich mehrfach nominiert wurde der Schauspieler Armin Rohde für seine Leistungen in "Das Wunder von Lengede", "Dienstreise - Was für eine Nacht" (beide Sat.1) und "Nachtschicht - Amok" (ZDF). Auch Heino Ferch wurde für "Das Wunder von Lengede" sowie für den ARD-Zweiteiler "Das Konto" nominiert. Gäbler lobte besonders Rohde als einen der großen Darsteller des Fernsehjahres 2003.

In der Sparte der Dokumentationen sind neben "Schleyer" und "Straße der Betrogenen" auch die Sendungen "Reporter vermisst" (SWR/Arte), "Marschbefehl für Hollywood" (NDR) und "Der Contergan-Skandal" (ARD) nominiert.

Bei der TV-Unterhaltung wurden vor allem kleinere Formate entdeckt, so sind die neue Comedy-Show "Genial daneben" (Sat.1), "Aufgemerkt! Pelzig unterhält sich" (BR) und Wigald Bonings nächtliche "WIB-Schaukel" (ZDF) nominiert.

Insgesamt können die unabhängigen Jurys bis zu 14 Auszeichnungen vergeben. Ihr gehören TV-Kritiker, Publizisten sowie Medienwissenschaftler und Bildungsfachleute an. Die Preisgerichte tagen Mitte Februar in Marl zu letzten Beratungen über die Preisvergabe.



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