Größenwahnsinniger Stararchitekt Wer hat die Meerjungfrau geklaut?

Groß, größer, BIG: Für den Star-Architekten Bjarke Ingels muss es immer die ganz dicke Nummer sein. Der Däne begeistert die Architekturwelt und schaffte es gar, die kleine Meerjungfrau nach Shanghai zu versetzen. Mit dem Comic "Yes Is More" erklärt er jetzt die Prinzipien des Bauens.

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Größenwahn ist das Arbeitsprinzip des dänischen Architekten Bjarke Ingels. Das fängt schon beim Namen seines Büros an: BIG heißt es - natürlich in Großbuchstaben. Offiziell steht das für Bjarke Ingels Group, doch hinter der Abkürzung steckt ganz unverhohlen der Anspruch auf Großtaten. Ingels ist Jahrgang 1974, hat eine Skater-Frisur, wird derzeit als Shootingstar in der Branche herumgereicht und gewinnt mit seinen verdrehten Gebäuden einen Preis und einen Wettbewerb nach dem anderen.

Bereits mit Mitte 20 gründete er seine eigene Firma in Kopenhagen, 2010 öffnete er eine Filiale in New York. Und für den dänischen Pavillon, den er für die Weltausstellung im vergangenen Jahr in Shanghai entwarf, schaffte er, was noch niemand sonst jemals zuvor geschafft hatte: Die kleine Meerjungfrau, die Bronzestatue im Hafen von Kopenhagen und so etwas wie das Nationalsymbol der Dänen, durfte verreisen. Für die Dauer der Expo ruhte sie fernab in China, auf ihrem dänischen Felsen mitten im Weltausstellungstrubel.

Und nun hat eben jener Bjarke Ingels auch noch einen Comic veröffentlicht. "Yes is more", ist ein fast ziegelsteindicker Band, der in Cartoonstrips erklärt, wie Architektur funktioniert; ein "Archicomic zur Evolution der Architektur", wie der überschwängliche Untertitel verheißt. Dementsprechend bombastisch zitiert auch das dunkle Layout verwaschen-futuristische Neo Noir-Comics, wo Superhelden dauernd unterwegs sind, die Welt zu retten.

Klar, dass hier Bjarke Ingels selbst den Superhelden gibt. Als kleine Foto-Figur in die Bilder hineinmontiert, tippt er große Bauten an, die sich unversehens drehen, beugen, einknicken, Pfeile sausen über die Gebäudemodelle, "knirsch"! Es überrascht dann doch, dass die Logik von Bauplänen, Sonneneinstrahlung, städtebaulichem Umfeld und Statik so aufregend erklärt werden kann.

Der Comicband ist Lehrbuch, Werk-Katalog und Marketinginstrument in einem. Geschenkt, dass hier vor allem BIG-Gebäude im Vordergrund stehen. Dass Bjarke Ingels ausgerechnet "Yes is more" zum Motto seines Schaffens erkoren hat, ist natürlich Programm. Zum einen ist ein Einzeiler wie gemacht für eine Sprechblase, analog zum Claim "Less is more", den er Ludwig Mies van der Rohe verpasste, oder das "More and more, more is more", auf das er Rem Koolhaas zusammenkürzte.

Ja sagen zu allen Aspekten des Lebens

Zum anderen ist bedingungsloses Ja-Sagen für Ingels die logische Fortsetzung bisheriger Architekturgeschichte. In Dänemark, erklärt er, sei es seit jeher üblich, alle Interessen zu berücksichtigen, Kompromisse einzugehen - derlei Konsens-Politik mache kreativ, findet er. Ohne diese gesellschaftspolitische Komponente, streng ressourcenschonend und nachbarschaftsfreundlich, kann seiner Meinung nach gute, zukunftstaugliche Architektur heute nicht mehr funktionieren: Er will "eine Architektur, die es gestattet, zu allen Aspekten des menschlichen Lebens ja zu sagen, wie gegensätzlich sie auch sein mögen!"

Diese Mission wird, na klar, nur im Großen anschaulich, wie die massiven Werkstrecken im Buch zeigen, an denen man vorbeiblättert, als würde man eine sozialistische Prachtstraße entlangbrausen, Impressionsbauten überall. Einfamilienhäuser? Pfff.

Das Prinzip erkennt man schon beim Wohnprojekt "Twisted Minds", das Ingels für ein Kopenhagener Hafengelände entwarf: Alleroberstes Gebot des Helden war, dass alle einen gleich guten Blick aufs Wasser haben müssen. Gleiches Recht für alle. Das gilt für die hölzerne Hügellandschaft, die die Bedürfnisse von Jugendzentrum und Segelclub gleichermaßen befriedigt, wie die Photos des realisierten Baus zeigen, genauso wie für den Entwurf eines Wohn- und Büro-Hochhauses: Wer wohnt, will Sonne, wer arbeitet, nicht. Ingels Lösung: Er kippte den Turm und baute Wohnungen und Büros etagenweise im Zickzack auf - so bekamen alle, was sie wollten.

Welche Ideen aus dieser Grundhaltung wachsen, sieht man auch an "The Mountain" in Örestad, einer Kombination aus Parkhaus und Terrassenwohnanlage: Die Parkdecks bilden den "Berg", auf dem sich die Wohnungen im sonst flachen Dänemark so schichten, dass alle einen phantastischen Ausblick samt Terrasse haben. Keiner muss auf geparkte Autos schauen und ein Paradies für Parkour-Anhänger ist es noch dazu.

Außerdem entwarf Ingels ein Gebäude für tausende Sozialwohnungen in Kopenhagen, das er auf einem 30 Meter breiten Randstreifen rings um einen riesigen Volkspark herum plante; mit Durchblicken auf die wichtigsten Gebäudespitzen der Gegend, Parklandschaft auf dem Dach und ohne auch nur einen der zig Fußballplätze im Park selbst zu beschneiden. Die bewohnte Riesenstadiumstribüne wurde jedoch nicht realisiert, den Zuschlag bekam ein anderer.

Hotelfassaden mit Königskindern

Seine Variante der sogenannten "Blockrandbebauung" wurde übrigens einfach woanders hin versetzt: in Form der größten Achterbahn der Welt rund um den Khalifa Park in Abu Dhabi. Apropos Dimensionen: Als das Buch in Druck ging, begann angeblich Phase Eins eines Acht-Jahres-Projekts: eine neue Stadt auf einer Insel Aserbaidschans. Wenn Ingels damit fertig ist, soll es, natürlich, die allererste Null-Emissions-Insel der Welt sein.

Am noch etwas verrückteren Ende der Ideenskala sind sicher die Verkehrsplanung "Loop City" für Groß-Kopenhagen, vorgestellt auf der Architektur-Biennale in Venedig vergangenen Sommer, das Konferenzhotel, dessen Fassaden die Porträts der drei schwedischen Königskinder zeigen, der Super-Duper-Ostseehafen in Sternform, sichtbar vom Weltall aus, oder der Hotelhochhaus-Entwurf für Shanghai, konzipiert analog zum chinesischen Zeichen für "Mensch". Die Stadtplanung von Weltenlenkern, Eroberern und anderen Herrschern ist wahrlich nichts dagegen. Wie ernst es Bjarke "BIG" Ingels und seiner etwa 100-köpfigen Mannschaft tatsächlich ist mit jenen "Die Welt ist nicht genug"-Vorschlägen, ist schwer zu beantworten.

Dennoch: Wie aus simplen Handzeichnungen und Quadern, inspiriert von Kinderstühlen und dem Campanile, Milchtüten und weißen griechischen Flachdächern peu à peu Architektur wird, macht diese durchweg unterhaltsame Comicbibel absolut erfahrbar. Wer hätte gedacht, dass angelehnt an Schichtkuchen und die Form der 8 so leicht ein innerstädtischer Multifunktionsblock entstehen kann? Klar, dass sonst eher staubtrockenes Blabla so cool daherkommt, ist vor allem der Dynamik der Bild-Text-Kombination geschuldet. In diesem Fall nimmt man auch ohne Murren die übermäßig vielen Sprechblasen und Gedankenkästen in Kauf.

Auch wenn einem die Dauerpräsenz seiner eigenen Werke ein wenig aufstößt: Das Buch ist mehr als eine lustig gestaltete Unternehmsbroschüre. Manifest, Utopie - Ingels ist kein Begriff zu groß. "Yes is more" ist seine Weltverbesserungsmission. Ihr Anführer strahlt die Gewissheit von einem aus, der weiß, stets die perfekten Lösungen zu finden: für die Gesellschaft, die Nachbarn, die Natur. Die Welt. Auch wenn einige der Gebäude aus dem Buch nur als Plan existieren, sei's drum. Die Architekturszene hat einen selbsternannten Superhelden mehr.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
John.Moredread 25.02.2011
1. ...
Interessant. Nur... wenn ihr schon Comic-Strips in die Bilderserie packt, dann achtet doch bitte darauf, das die Texte in der Sprechblase lesbar sind. Wäre doch ganz einfach gewesen - nur eine Seite pro Bild und nicht zwei :-/
AKZürich 25.02.2011
2. Hurra, Hurra, ein Star, ein Star!
"Ich bin der grösste, ich kann alles, ich darf alles, ich weiss alles, ich kriege alles." Totalitarismus im Designerkleid. Stararchitektur kehrt Prioritäten um. Sie steht nicht im Dienst des Menschen, des Gemeinwesens, der Stadt, sondern nutzt sie aus. Für Egomanie, Profit, Spektakel. Ich wundere mich, dass der Spiegel sich immer wieder so leicht ködern lässt, diese Eitelkeiten zu bedienen. Wie wäre es mit einem alternativen Ethos: Immer und überall möge die Architektur (und der Architekt) höchstens das Zweitwichtigste sein.
Kreuzkopf 25.02.2011
3. -
Zitat von John.MoredreadInteressant. Nur... wenn ihr schon Comic-Strips in die Bilderserie packt, dann achtet doch bitte darauf, das die Texte in der Sprechblase lesbar sind. Wäre doch ganz einfach gewesen - nur eine Seite pro Bild und nicht zwei :-/
Vielleicht hat Dein PC auch eine STRG- und eine "+"-Taste? Dann beides mehrmals drücken, bis Du es lesen kannst. Ökonomisch denken, gelle!
dreamtimer 25.02.2011
4. Der Superstararchitekt
Zitat von AKZürich"Ich bin der grösste, ich kann alles, ich darf alles, ich weiss alles, ich kriege alles." Totalitarismus im Designerkleid. Stararchitektur kehrt Prioritäten um. Sie steht nicht im Dienst des Menschen, des Gemeinwesens, der Stadt, sondern nutzt sie aus. Für Egomanie, Profit, Spektakel. Ich wundere mich, dass der Spiegel sich immer wieder so leicht ködern lässt, diese Eitelkeiten zu bedienen. Wie wäre es mit einem alternativen Ethos: Immer und überall möge die Architektur (und der Architekt) höchstens das Zweitwichtigste sein.
Sie missverstehen da etwas. Der Superstararchitekt konspiriert doch mit den Medien und diese mit ihm. Er und diese bestätigen sich gegenseitig. Ohne sie wäre er nur yet-another-designer-with-a-laptop, der die unbegrenzten Möglichkeiten aus dem Computer ans Licht befördert und ohne Spinner, wie ihn, hätte der Spiegel keine Story. Was das Gemeinwesen betrifft, da machen sie sich mal keine Sorgen. Da gibt is schon Millionen Bürokraten, die alles totregulieren und ebenso viele Investoren, die alles klein sparen. Dem Architekten bleiben dann noch Prestigebauten für geltungssüchtige Politiker und Leute, die viel Geld und Spaß an so etwas haben. Das Ergebnis sind dann Solitaire, die irgendwo herumstehen.
Badibu 25.02.2011
5. Expo in Shanghai und die Daenen
Zur Expo Comic seite: Ganz gut gemacht. Ich finde es zwar uebertrieben, dass die Daenen da die echte Meerjungfrau hingeschickt haben, aber das muessen sie ja selbst wissen. 99 prozent der chinesischen besucher kennen die meerjungfrau nicht, soetwas lernen die nicht in der schule, und ihnen waere es voellig egal ob da eine kopie ist oder nicht. Sonst kaufen/produzieren sie ja auch nur kopien. Der voellige wahnsinn ist das einschiffen von einer millionen liter Hafenwasser, und das fuer eine expo der oekologischen nachhaltigkeit. Was das fuer umweltkosten verursacht hat. Die meisten chinesen denken wohl dass dieser luxus erstrebenswert und normal ist, und die werden dann auch bei entsprechendem einkommen wie madonna ihr haar mit evian wasser aus frankreich waschen oder nur aus fiji eingeflogenes mineralwasser trinken.
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