Seehofers Ministerium Die Heimat hat jetzt ein Zuhause

Schluss mit dem Gezerre von rechts und links: Endlich hat die Heimat eine sichere Bleibe gefunden - und Horst Seehofer neue Machtfülle.

Horst Seehofer
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Auf den ersten Blick wirkt es, als hätte Horst Seehofer dieses satirische Detail in letzter Sekunde mit einem zufällig herumliegenden Kugelschreiber unter den bereits fertigen Koalitionsvertrag gekritzelt. Tatsächlich ist es aber der entscheidende Clou der Verhandlungen. Es ist, mehr noch, der lange vermisste Begriff, auf den eine neuerliche gemeinsame Regierung aus Union und SPD zu bringen wäre, die zentrale Idee, die zukunftsfähige Vision: Heimat.

Als Begriff hatte es die Heimat nie leicht. Von rechter Seite wurde sie so lange mit Blut, Boden und metaphysischem Vaterlandsgefasel aufgeladen, bis sie vor Bedeutung durch keine Tür mehr passte. Von linker Seite dagegen wurde sie so lange dekonstruiert, bis sie sich in Luft auflöste. Mit diesem Gezerre ist nun Schluss. Die Heimat hat endlich ein sicheres Zuhause gefunden, und zwar unter dem Dach des Bundesinnenministeriums (BMI).

In der Rubrik "Aktuelle Meldungen" auf der amtlichen Website besteht die wichtigste Nachricht ("Spürnase im Einsatz") zur Stunde darin, dass eine dreijährige Schäferhündin namens Asta ihren Dienst auf dem Gelände des Ministeriums aufgenommen hat. Der historische Umstand, über Nacht "um den Bereich Heimat aufgewertet" worden zu sein, scheint in Berlin noch nicht ganz angekommen zu sein.

Und jetzt? Was soll das Ganze? Bayernfeindlicher Spott von wegen "Neuschwanstein", "Oktoberfest" oder "Trachtenjanker" ist verfrüht, fehl am Platz und greift zu kurz. Denn das Heimatministerium ist eine bürokratische Innovation, wie sie nur aus Bayern kommen konnte. Dort wurde es 2013 auf Wunsch von Horst Seehofer gegründet, als Ressort dem Finanzministerium zugeteilt und als fränkische Dependance der Staatsregierung nach Nürnberg verlegt. Eine nicht einfach, sondern dreifach sinnvolle Idee.

Mit Glasfaserkabeln an die Globalisierung anschließen

Offizieller Sinn des bayerischen Heimatministeriums ist die Herstellung "gleichwertiger Lebensverhältnisse im ganzen Freistaat", was sich bisher vor allem in der flächendeckenden Breitbandverkabelung ländlicher Gebiete niederschlug. Inoffizieller Sinn freilich war die Verbannung des ungeliebten Kronprinzen Markus Söder als Heimatminister in ein "Homeoffice" weitab von München. Bauernschlauer Hintersinn der Sache war, den gefürchteten "rechten Rand" durch Besetzung des heiklen Heimatbegriffs quasi im Handstreich wieder einzugemeinden.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Seit Gründung des Heimatministeriums hat die CSU zehn Prozent ihrer Wähler verloren und die AfD um zehn Prozent zugelegt. Markus Söder betrachtete sein Exil kurzerhand als "Regierungssitz auf Augenhöhe mit München", wo er inzwischen die Macht übernommen hat. Und trotz 7200 Kilometern neu verlegter Glasfaserleitungen sind 50 Prozent aller Unternehmen mit der Geschwindigkeit des Ausbaus unzufrieden, auch laufen Streaming-Klassiker wie "MILF Handjob" oder "Cute Couple Home" in weiten Gebieten der Oberpfalz noch immer nicht ruckelfrei.

Bavariophoben Reflexen bietet diese kümmerliche Bilanz also keinen Anlass. Auch steht nicht zu befürchten, dass Horst Seehofer seine speziellen Heimatkompetenzen missbrauchen wird, um bayerische Lebensart in die preußischen Provinzen, das Großherzogtum Oldenburg oder das Fürstentum Lippe zu exportieren. Als Bundesminister wird er unter Eid geloben müssen, "dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen" - und nicht nur den autochthonen Stämmen Bayerns.

Im Übrigen handelt es sich, wie wir gesehen haben, beim Heimatministerium im Grunde um ein Digitalisierungs-, wenn nicht sogar ein Zukunftsministerium. Es trägt die "Heimat" nur deshalb im Namen, um hinterwäldlerischen Globalisierungsskeptikern die Furcht vor dem Bagger zu nehmen, der ihre Heimat mit Glasfaserkabeln an die Globalisierung anschließen wird. Das ist clever, weil Schlitzohr Seehofer damit die Sorgen der Menschen ernst nimmt.

Nebenbei ermöglicht seine neue Machtfülle dem konservativen Knochen, als größter Bundesinnenminister aller Zeiten (GröBuz) künftig "auf Augenhöhe" mit der Kanzlerin durchzuregieren. Unter den wachsamen und klugen Augen von Asta, der dreijährigen Schäferhündin. So wahr uns Gott helfe.

insgesamt 53 Beiträge
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flintskallen1 07.02.2018
1. Nun gehts dem Ende zu
Wir bekommen nun ein Bundesheimatministerium?????? Pedant zur US Homeland Security Agency?? Zeit sich auf Veränderungen einzustellen - am besten wohl ausserhalb der Heimat.
brical 07.02.2018
2. Heimatministerium
mit Seehofer ! Heißt das jetzt, Oktoberfest das ganze Jahr ? Ich fass es nicht.
sikasuu 07.02.2018
3. Pn drer Heimat, in der Heimat, da gibts ein wiedersehn!
Nun ja in welcher. Der Hortsch, auch mal Drehhofer genannt ist doch DER man für diesen Posten. . Innenminister= Kann draußen kein Unheil anrichten Heimatminister= Alle 50 Km muss er di Jacke wechseln um "Heimat" zu symbolisieren. In Sachsen bis recht rüber nach Bayern wird er wohl ER selbst bleiben dürfen. . Innen. Heimat, Verkehr&Digital....CSU! Jetzt wird wohl klar, wer was wann "verbrochen" hat in DE. . Spätestens nach den Landtagswahlen im Süden & Verlust der absoluten Mehrheit wird lustig! :-((
hajode 07.02.2018
4. Aloisius
Als Bayer fühle ich mich jetzt im Himmel und verspreche der GroKo den himmlischen Beistand zu übermittel. Halleluja sog I.
anron 07.02.2018
5. Herrlich!
Danke für diesen Artikel! Hab schon lange nicht mehr so herrlich schön gelacht.
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