Wort des Jahres Bald schnappt "GroKo" zu

Die Liste der "Wörter des Jahres" lässt sich als kürzestmögliches Geschichtsbuch der Bundesrepublik Deutschland lesen. Es ist leider eine furchtbar schlecht gelaunte Geschichte mit schrecklichen Aussichten.

Das ist "GroKo", das niedliche Reptil: Noch finden es alle süß
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Das ist "GroKo", das niedliche Reptil: Noch finden es alle süß

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Wer sagt denn "GroKo"? Und bei welcher Gelegenheit? Gibt es tatsächlich Frühstücksgespräche in Deutschland, bei denen der Satz fällt, "Schatz, schon gehört, was die GroKo beschließen will"? Wohl kaum.

Denn besonders schön ist es nicht, das Wort des Jahres 2013, und außerhalb des höchst exklusiven, mutmaßlichen SMS-Verkehrs der Bundeskanzlerin und der ja nun auch nicht wirklich großen Gruppe der Politikanalysten auch nicht besonders gebräuchlich.

Aber das muss "GroKo" gar nicht sein: Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), seit 1947 in permanenter Rettungsroutine hauptsächlich damit beschäftigt, die ihr vorgelegten Texte von Personen, Firmen, Behörden und Institutionen einem sprachlichen Stresstest zu unterziehen (damit im Ergebnis auch der letzte Wutbürger versteht, was beispielsweise mit dem Begriff "Abwrackprämie" gemeint sein könnte), definiert das "Wort des Jahres" als ein solches, das "die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt" hat, für "wichtige Themen" steht oder "sonst als charakteristisch erscheint" - Ästhetik oder Gebräuchlichkeit sind also ausdrücklich keine Kriterien.

"GroKo" ist also kein schönes, aber doch ein offenbar charakteristisches Wort des ausgehenden Jahres, und das sagt doch einiges aus über den Charakter und Zustand der Gesellschaft (und nicht nur jener für deutsche Sprache) im Jahr 2013. Mehr noch: Die Liste der Wörter des Jahres aus den vergangenen Jahrzehnten lässt sich als kürzestmögliches Geschichtsbuch der Bundesrepublik Deutschland lesen.

"Heiße Höschen" auf Platz sechs

Und da muss man zunächst feststellen: Wir scheinen in einer fast durchgehend schlecht gelaunten, angsterfüllten Republik zu leben. Während "aufmüpfig", das erste Wort des Jahres 1971, noch eine gewisse freche Aufbruchstimmung erahnen lässt (was noch durch das sympathische Detail verstärkt wird, dass es der Begriff "heiße Höschen" damals immerhin auf Platz sechs geschafft hat), geht es seither stimmungsmäßig fast durchgängig bergab.

Nach einer fünfjährigen Pause identifizierte die GfdS den Begriff "Szene" als charakteristisch für 1977, und damit waren offenbar nicht etwa jugendlich-progressive Subkulturen gemeint, sondern linksradikale Umtriebe (auf Platz zwei und drei folgten "Terrorismus" und "Sympathisant"), 1978 war es die "konspirative Wohnung". 1979 war das Jahr, in dem die TV-Serie "Holocaust" die Bundesbürger zur schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem deutschen Mord an den Juden brachte - bitter nötig, aber eben auch bitter. 1980 schob sich die "Rasterfahndung" im kollektiven Bewusstsein noch vor den "Asylanten".

So etwas wie verhaltene Hoffnung mochte 1981 die "Nulllösung" verbreiten, also der angestrebte Verzicht auf neue Waffen dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs. Doch es drängelte bereits die "Ellenbogengesellschaft" (1982) und der "heiße Herbst" (1983) brachte unschöne Auseinandersetzungen um die dann doch wieder für nötig befundene Aufrüstung. Kurz wurde vom (ja doch eher paradoxen) "Umweltauto" (1984) geträumt, und dann kam es knüppeldicke: Zuerst vergällte "Glykol" (1985) die Freude am Billigwein, dann zerstörte "Tschernobyl" (1986) die Illusion von der sauberen Atomenergie, "Aids" (1987) verdarb den Spaß am Sex und die "Gesundheitsreform" (1988) das subventionierte Pillenschlucken.

Eine kurze Stimmungsaufhellung bescherte die "Reisefreiheit" (1989), aus der schnell "die neuen Bundesländer" (1990) wurden, aber die gute Laune über die Wiedervereinigung währte nicht lange, fühlte man sich im Osten doch bald vom "Besserwessi" (1991) bevormundet. Kein Wunder, dass darauf "Politikverdrossenheit" (1992) folgte, verstärkt noch vom "Sozialabbau" (1993). Nach dem "Superwahljahr" (1994) träumten die Deutschen von den Verheißungen einer "Multimedia"-Zukunft (1995), aber nix da, sie bekamen ein "Sparpaket" (1996) und standen im "Reformstau" (1997).

Unter "Rot-Grün" (1998) fieberte man eher inhaltsarm dem "Millennium" (1999) entgegen, aber nur, um das neue Jahrtausend damit zu beginnen, sich über Helmut Kohls "Schwarzgeldaffäre" (2000) aufzuregen. "Der 11. September" (2001) brachte nur Sorgen, der "Teuro" (2002) machte alle ärmer, und dann musste man sich auch noch vom damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als "das alte Europa" (2003) verspotten lassen, weil man nicht mit Hurrageschrei in den Irak-Krieg ziehen wollte.

Die für niemanden erfreuliche Sozialreform "Hartz IV" (2004) läutete das Ende der rot-grünen Regierung ein, seither haben wir, nun ja, eine "Bundeskanzlerin" (2005). Im WM-Jahr 2006 übertönte der Jubel auf der "Fanmeile" alle Unkenrufe, Weltmeister wurde Deutschland trotzdem nicht. Und muss sich seither mit der "Klimakatastrophe" (2007) und der "Finanzkrise" (2008) herumschlagen. Beidem abhelfen sollte die "Abwrackprämie" (2009) mit ihrer Ankurbelung der Wirtschaft bei gleichzeitig umweltschonender Modernisierung des deutschen Fuhrparks. Die von denen da oben verordnete Modernisierung des Stuttgarter Hauptbahnhofes hingegen rief die "Wutbürger" (2010) auf den Plan, und kaum waren diese einigermaßen besänftigt, widmete man sich wieder per "Stresstest" (2011) den allgemeinen Geldproblemen, das aber immerhin mit mittlerweile abgeklärter "Rettungsroutine" (2012).

Angesichts dieser doch eher deprimierenden deutschen Stimmungskurve wirkt die aktuelle "GroKo" geradezu erfreulich, erinnert die Abkürzung doch weniger an öde, mediokre und visionslose Koalitionsverhandlungen, sondern mehr an ein faszinierendes Reptil. Gerne wird die GroKo (wie auch über diesem Text) von Redaktionen mit einem niedlichen, kleinen Krokodil bebildert, was wesentlich attraktiver ist, als ständig Angela Merkel und Sigmar Gabriel zeigen zu müssen.

Die Geschichte der "Wörter des Jahres" lehrt uns jedoch: Wir sollten der trügerischen Ruhe nicht trauen. Ähnlich seinem einst populären Artverwandten "Schnappi" könnte auch "GroKo" den Deutschen bald schwer auf die Nerven fallen. Schlimmer noch: Ist "GroKo" erst einmal ausgewachsen, wird sie ein riesiges Maul mit beängstigenden Zähnen haben. Und dann frisst sie uns die Haare vom Kopf.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
klfm01 13.12.2013
1.
Eine sogenannte große Koalition ist ein Desaster für jede Demokratie, die wir ja rein formal noch haben. Diesen Umstand noch mit einem infantilen Wort zu verschlumpfisieren ist aber der Gipfel an Lächerlichkeit. Er zeigt, was die Politerkaste und ihre Handlanger ais den Medien vom gemeinen Volk halten, nämlich gar nichts. Es wäre daher bestenfalls geeignet, zum Unwort des Jahres erkoren zu werden.
ihuman 13.12.2013
2. Optional
...vielleicht auch das unwort des jahres;-)
zitronenapfel 13.12.2013
3.
"Ausschließeritis" wurde als Wortkomposition so häufig in den Mund genommen und wäre zumindest ein Wort gewesen. GrKo ist doch nur eine Abkürzung.
keldrisUbelveba 13.12.2013
4. ich sach...
...das wird ein GroKoDeal des Jahres!
Freifrau von Hase 13.12.2013
5. Opposition
Zitat von klfm01Eine sogenannte große Koalition ist ein Desaster für jede Demokratie, die wir ja rein formal noch haben. Diesen Umstand noch mit einem infantilen Wort zu verschlumpfisieren ist aber der Gipfel an Lächerlichkeit. Er zeigt, was die Politerkaste und ihre Handlanger ais den Medien vom gemeinen Volk halten, nämlich gar nichts. Es wäre daher bestenfalls geeignet, zum Unwort des Jahres erkoren zu werden.
Warum? So etwas wie eine Opposition gibt es eh schon lange nicht mehr. Es ändert sich also gar nichts.
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