Britischer Ex-Finanzminister George Osborne leitet "Evening Standard"

Absurde Ämterhäufung: George Osborne, ehemaliger Finanzminister Großbritanniens, wird Chefredakteur der Tageszeitung "Evening Standard". Gleichzeitig will er Abgeordneter bleiben - und Berater von BlackRock.

George Osborne
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George Osborne wird Chefredakteur des "Evening Standard". Das gab der Besitzer der Londoner Tageszeitung Evgeny Lebedev auf der zeitungseigenen Website bekannt. Der ehemalige Finanzminister Osborne hätte sich für den Job angeboten, er sei die "offensichtliche Wahl" gewesen, so Lebedev. Osborne verfügt über keine journalistischen Erfahrungen.

Der 45-Jährige war im Sommer 2016 gemeinsam mit Premierminister David Cameron über das Brexit-Votum gestürzt. Wie Cameron hatte er für den Verbleib in der Europäischen Union geworben. Cameron entschloss sich nach der Niederlage in der Volksabstimmung, ganz aus der Politik auszusteigen. Osborne wollte dem Vernehmen nach in der Regierung bleiben, wurde aber von der neuen RegierungschefinTheresa May entlassen.

Danach war Osborne im Parlament verblieben. Sein Mandat als Abgeordneter werde er nun auch als Chefredakteur des "Evening Standard" nicht abgeben. Er sei stolz, ein Abgeordneter der Konservativen zu sein. Als Chefredakteur werde aber das einzige Anliegen sein, allen Londonern eine Stimme zu geben, sagte Osborne in einem Videobeitrag auf Standard.co.uk. "Wir werden die Regierung, Londons Politiker und Parteien nach diesem einfachen Test beurteilen: Ist es gut für unsere Leser und gut für London?"

Dass Osborne selber weiterhin Politik machen will, hat sowohl bei Tories als auch Labour-Abgeordneten für Irritation gesorgt. Labour-Chef Jeremy Corbyn schrieb auf Twitter, dass Osborne damit Multitasking auf ein extremes Niveau bringe: "Was für ein Witz".

Die konservative Tageszeitung "Daily Telegraph" spekulierte bereits, ob sich Osborne so an Theresa May und ihrer Gefolgschaft rächen wollte, die keine Verwendung mehr für ihn in der Regierung gehabt hatten.

Schon vor der überraschenden Ernennung zum Chefredakteur war Osborne wegen eines umstrittenen Nebenjobs in die Kritik geraten: Als Berater des BlackRock Investment Institute verdient er nebenher jährlich rund 650.000 Pfund. Sein Einkommen als Abgeordneter beträgt 75.000 Pfund. Die Beratertätigkeit soll einen Tag Arbeit pro Woche umfassen. Damit ist Osborne der bestverdienende aktive Abgeordnete in der Parlamentsgeschichte Großbritanniens.

Doch damit nicht genug. Wie der "Guardian" berichtet, soll Osborne im vergangenen halben Jahr zudem mehrere lukrative Reden gehalten haben, die ihm fast 800.000 Pfund eingebracht haben sollen. Wegen der Reden soll Osborne mehrere wichtige Abstimmungen im britischen Unterhaus verpasst haben, darunter die zum Brexit. Auch ein Buchvertrag hat viel Geld in Osbornes Kassen gespült: Für das Sachbuch "Age of Unreason" über das Brexit-Votum soll er einen Vorschuss von 100.000 Pfund erhalten haben.

Als Finanzminister war Osborne maßgeblich für den rigiden Sparkurs von David Cameron verantwortlich.

hpi/AP/Reuters

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