Große Balthus-Schau in Köln Katz und Graus

Er fiel schon immer aus dem Rahmen: Balthus, Schöpfer umstrittener Lolita-Porträts und psychoanalytischer Tableaus, provoziert Kunstwelt und Zuschauer. Ab morgen kann man sich über ihn in Köln aufregen - bei seiner ersten deutschen Schau.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Der renommierte Londoner Kunstkritiker John Russell erhielt von Balthus 1968 eine Abfuhr. Auf die Bitte des "Sunday Times"-Mannes, ein paar biografische Daten für einen Ausstellungskatalog herauszurücken, wies ihn der französische Maler barsch an, nur so viel zu schreiben: "Balthus ist ein Maler, über den nichts bekannt ist. Wenden wir uns jetzt seinen Bildern zu."


Gelegenheit dazu besteht ab morgen im Kölner Museum Ludwig. In enger Zusammenarbeit mit der Balthus-Expertin Sabine Rewald vom New Yorker Metropolitan Museum of Art als Gastkuratorin haben die Kölner die erste große Einzelausstellung des französischen Malers in Deutschland zusammengestellt. Die Schau "Balthus - Aufgehobene Zeit" versammelt rund 70 Gemälde und Zeichnungen, darunter hochkarätige Leihgaben aus New York, Paris und Chicago.

Als umfassende Retrospektive jedoch will die Kuratorin das Projekt nicht verstanden wissen, die Ausstellung solle eine "schöne Kostprobe" sein. Sie konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1932 und 1960. Angeblich schuf der 2001 im Alter von knapp 93 Jahren verstorbene Balthus während dieser 28 Jahre seine wichtigsten Werke.

Mythisch modern

Die kleine Anekdote über Balthus' Umgang mit Kritikern charakterisiert den stets von einer Aura des Geheimnisvollen umgebenen Exzentriker schon sehr gut. Wie kaum ein zweiter Künstler des 20. Jahrhunderts stilisierte sich Balthus zu einer mythischen Gestalt voller Widersprüche. Hier streute er ein paar Gerüchte bezüglich seiner angeblich aristokratischen Herkunft, dort dementierte er sie wieder.

So viel aber steht fest: Der am 29. Februar 1908 in Paris als Balthasar Klossowski zur Welt gekommene jüngste Sohn eines deutschstämmigen Emigrantenpaares - der Vater war ein berühmter Kunsthistoriker, die Mutter Malerin - wuchs abwechselnd in Paris, Berlin, Genf und Bern auf. Seine Eltern pflegten enge Kontakte zur künstlerischen und literarischen Avantgarde ihrer Zeit. Pierre Bonnard und Henri Matisse gehörten ebenso zu den Freunden der Familie wie André Gide oder Jean Cocteau.

Nach der Trennung der Eltern lebte die Mutter zeitweise mit ihrem neuen Liebhaber, dem Dichter Rainer-Maria Rilke, zusammen. Dieser förderte die frühen künstlerischen Versuche des kleinen Balthasar und schlug ihm auch vor, den Künstlernamen Balthus anzunehmen.

Begehren und verheeren

Eines seiner berühmtesten Gemälde hängt eigentlich im New Yorker Museum of Modern Art - jetzt ist es in Köln zu Gast. Es stammt aus dem Jahre 1933 und trägt den Titel "La Rue" ("Die Straße"). Das Bild zeigt Passanten in einer typischen Pariser Gasse: Kleine Geschäfte reihen sich aneinander, ein Kindermädchen mit weißer Schürze trägt einen seltsam erwachsen wirkenden kleinen Jungen auf dem Arm, während die mutmaßliche Mutter in einigem Abstand folgt.

Sie trägt ein schwarzes, mit rotem Saum abgesetztes Kleid, das an die Tracht eines Bischofs erinnert. Ein ganz in Weiß gekleideter Bauarbeiter trägt ein Brett durch die Szene, das seinen Kopf komplett verdeckt. Ein dickes, kleines Mädchen mit grüner Pudelmütze vergnügt sich mit Ballspielen, eine Art Botenjunge marschiert schnurstracks auf den Betrachter zu. Alle wirken irgendwie deplaciert und beziehungslos. So weit, so vieldeutig, und ganz anders eigentlich als auf Balthus-typischen Interieurszenen voll adoleszenter Triebhaftigkeit.

Doch auch hier hat der Künstler Balthus eine seiner ambivalenten Szenen eingebaut, das das sexuelle Begehren heraufbeschören. Die linke Bildhälfte nämlich wird beherrscht von einem exotisch anmutenden China-Restaurant, dessen älterer Koch sich offenbar gerade die Beine vertritt. Ein zweiter jüngerer, gut aussehender und elegant gekleideter Chinese aber hat ganz anderes im Sinn. Er schiebt sein Knie von hinten zwischen die Beine eines jungen Mädchens, hält ihren Arm am Handgelenk fest und versucht mit der anderen Hand, ihr Kleid hochzuziehen.

Messer, aber kein Blut

Lust und Unterdrückung, Verführung und Vergewaltigung liegen hier ganz eng beieinander. "Balthus", so schrieb sein Freund Albert Camus, "malt Opfer, aber bedeutsame, soviel ist wahr. Ein Messer, niemals Blut. Er hat eine andere Vorstellung von Pathos. Nicht das Verbrechen interessiert ihn, sondern die Reinheit." Eine Reinheit aber, so könnte man hinzufügen, die bereits im nächsten Augenblick umschlagen kann in ihr komplettes Gegenteil.

Der Autodidakt Balthus lernte sein Handwerk durch akribisches Kopieren berühmter Gemälde, etwa von Nicolas Poussin im Louvre. Auch die Werke des Frührenaissance-Malers Piero della Francesca eignete er sich durch eifriges Kopieren an. Nach entbehrungsreichen Jahren, die er voller Selbstzweifel in einem kargen Atelier in der Rue de Furstenberg in Paris verbrachte, gab ihm der Kunsthändler Pierre Loeb mit einer Einzelausstellung im Jahre 1934 eine Chance. Doch die erste Balthus-Schau geriet zum Skandal. Die lauernde, provozierende Erotik empörte die Pariser Kunstwelt. Nur einige wenige Privatsammler waren von Balthus" ungewöhnlichen, dem Zeitgeist widersprechenden Gemälden fasziniert.

Und auch in den Jahren danach provozierten Bilder wie das 1938 entstandene Gemälde "Thérèse, rêvant" ("Thérèse, träumend"), die Zeitgenossen. Balthus malte die halbwüchsige Nachbarstochter Thérèse Blanchard, wie sie sich entspannt, die Arme im Nacken verschränkt, auf einem Sitzmöbel ausgestreckt . Ihr roter Rock ist hochgerutscht und gibt den Blick auf ihre blütenweiße Unterwäsche frei. Wie um diesen Blickfang noch zu betonen, hockt direkt unter den unschuldig-lustvoll gespreizten Teenagerbeinen eine Milch schleckende Katze - von Balthus-Interpreten gern als Alter Ego des Malers identifiziert.

Hier schrillen wahrscheinlich die Alarmglocken aller Kinderpsychologen und Triebforscher: Lolita-Fantasien, ausgelebte und unausgelebte Begehrlichkeiten und die unendliche Beziehungsgeschichte zwischen Maler und Modell werden aufgerufen. Balthus gibt später zu, fasziniert von der Reinheit und Unberührtheit junger Mädchen gewesen zu sein - ein Tabu damals wie heute.

Der Katzenkönig

Balthus, das deutet auch sein ebenso vielsagendes wie geheimnisvolles Selbstporträt "Le Roi des chats" ("Der König der Katzen") aus dem Jahre 1935 an, war ein Meister der durchaus auch selbstironischen malerischen Verunklärung und Mythenbildung. Er inszeniert sich da als dünkelhaften Dandy: Seine Bohnenstangen-Figur steckt in cremefarbenen Hosen, die fast zwei Drittel der Körperlänge einnehmen. Der schmale Oberkörper wird von einem dünnen Gürtel zusammengehalten, ein weißes Hemd, ein roter Schlips und ein schwarzes Kurz-Jackett komplettieren die elegante Erscheinung.

Eine Katze umstreift seine Bein, reibt ihren Kopf an seiner Wade. Der Bildtitel taucht zudem auf einer weißen, an einen Hocker gelehnten Leinwand auf: "Ein Porträt seiner Majestät des Königs der Katzen. Gemalt von ihm selbst". Die kleine Peitsche, die da noch so dezent platziert wurde, unterstreicht nochmals seine Autorität.

Die zeigt sich auch in Balthus' Talent als Selbstvermarkter. Selbstbewusst setzte er sein Verfahren ein, wusste genau, welche Saiten bei Rezipienten schwingen müssen. Wie formulierte er doch so treffend: "Man muss den Instinkt erreichen; der des Unterleibs ist noch zart genug, um leicht berührt zu werden, und er ist es, der in sich die meiste Dynamik birgt."



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