Grüne Architektur aus Asien Ausfransende Neubauten

"Haarig" und "zottelig" sollen sie sein: Das Stararchitekten-Team von WOHA revolutioniert mit seinen von Pflanzen überwucherten Bauten die moderne Architektur Asiens. Nun zeigt eine Frankfurter Schau das Werk des Öko-Duos aus Singapur, das bald auch Deutschland ergrünen lassen könnte.


Bei der Beschreibung der Bauten des Singapurer Architekturbüros WOHA fallen Wörter, die im Architekturjargon sonst nicht vorkommen: "haarig", "pelzig", "zottelig".

Dabei sind Wong Mun Summ und Richard Hassell selbst auf diese eigentümlichen Begriffe gekommen: "Warum entwerfen wir nicht ein sich selbst verschattendes Gebäude? Wir sollten es uns als haarigen, zotteligen Bau vorstellen, nicht als schickes, glattes Gebäude." So beschreiben die beiden WOHA-Gründer im Katalog ihrer Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt den Moment, als sie um die Jahrtausendwende einen neuen Typ von Wohnhochhäusern zu entwickeln begannen.

Für die ungewöhnlich fransige Kontur ihrer Gebäude setzen sie seitdem neben auskragenden Fassadenelementen vor allem Pflanzen ein. Dabei geht es den Architekten nicht um Dachgärten, die wie eine grüne Perücke dekorativ obenauf sitzen, sondern um kühlende Begrünungen und Berankungen, die Teil der Gebäudestruktur und -technik sind.

Schließlich fransen WOHA-Bauten nicht nur nach außen hin aus. Sie sind auch im Innern porös. Offene, luftige Strukturen aus vielen schmalen Türmen, offene Gänge, brücken- und balkonartige Terrassen und in luftiger Höhe eingezogene, sogenannte Sky Gardens machen aus massiven Blöcken locker verhäkelte, winddurchlässige und weitgehend natürlich gekühlte Komplexe. So sind sie ganz anders als der sonst in Südostasien dominierende Wohnblocktyp. Der wurde eigentlich für Europa und Nordamerika entwickelt, ist undurchlässig gegenüber Wind und Wetter und muss künstlich klimatisiert werden.

Begrünung statt Fahrstuhl

Der spezifisch tropische Hochhausbau des Singapurer Büros orientiert sich dagegen an traditionellen Wohnformen Südostasiens: an den Kampongs genannten Dörfern, in denen Bäume und große Dächer pavillonartigen Bauten Schatten spenden, während Wände aus mobilen, durchlässigen Paneelen und spezielle Korridore jeden leichten Luftzug weiterleiten und intensivieren.

Zuerst wurden derartige Bauweisen in Tourismusanlagen, etwa auf Bali, in Thailand oder in Malaysia, wieder aufgegriffen. Bevor Wong und Hassell sich 1994 selbständig machten, haben sie im Büro von Kerry Hill gearbeitet, einem Singapurer Spezialisten für Hotels und Resorts. Danach entwarfen sie einige Jahre lang tropisch offene Villen, begannen dann aber hoch zu stapeln: Sie übertrugen Elemente der Kampong- und der Resort-Bauweise auf Wohnblocks, in denen sie jeweils einige Geschosse mit eigenen gemeinschaftlich genutzten Gärten und Einrichtungen zu dorfartigen Einheiten in luftiger Höhe zu verbinden suchen.

In Singapur leben 80 Prozent der Bürger in Eigentumswohnungen, errichtet von einer staatlichen Gesellschaft. Diese mischt die chinesisch-, malaysisch- oder indischstämmigen Einwohner in den Blocks nach ihrem prozentualen Anteil in der Bevölkerung. Die Sky Gardens, die Grill- und Spielplätze sollen aus diesem Nebeneinander mehr machen. Hassell: "Unsere Vorstellung von den Gemeinschaftsbereichen ist, dass sie zum Miteinander inspirieren. Das passt zum Regierungsideal von nationaler Identität."

Für ihren Pflanzeneinsatz mussten die Architekten anfangs stärker kämpfen. Als sie etwa bei den Newton Suites eine begrünte Fläche als verschattendes Fassadenmaterial einsetzten wollten, fürchtete der Bauherr die Kosten. "Haarige" Architektur braucht schließlich hin und wieder den Friseur, der Auswüchse stutzt. Um die spektakuläre 100 Meter hohe Begrünung trotzdem realisieren zu können, soll WOHA einen der geplanten Aufzüge eingespart haben.

Dschungelversion der Hängenden Gärten

Inzwischen aber sind die Grünängste abgebaut, und immer mehr WOHA-Projekte entstehen: So wird der für 2014 geplante, 30-stöckige Turmbau Oasia Downtown über seine gesamte Länge von einer üppig bewucherten, pergolaartigen Struktur verhüllt sein - mit Grünflächen, die es auf 750 Prozent der Grundstücksgröße bringen.

Bis 2015 soll Skyville at Dawson fertig werden, ein riesiges Projekt des öffentlichen Wohnungsbaus. Das Parkroyal - ein von grün rankenden Kaskaden und offenen, palmenbestandenen Terrassen überzogener Hotelkomplex - wird bei seiner Fertigstellung 2012 vermutlich einer Dschungelversion der Hängenden Gärten von Babylon gleichen. The Met in Bangkok ist mit duftenden Frangipani-Bäumen gespickt. Im indischen Mumbai zieht WOHA gigantische Wohntürme hoch.

Beide Architekten wohnen übrigens in Apartments in ihrem ersten Hochhaus, dem Moulmein Rise. Für den 2003 fertig gewordenen Bau entwickelten sie etwa spezielle Lüftungsklappen, sogenannte Monsunfenster, abgeguckt bei den Langhäusern Borneos. Wong ist nämlich selbst in einem Wohnblock aufgewachsen, der für tropische Verhältnisse nicht geschaffen war. Er erinnert sich daran, dass bei nahendem Monsunregen immer Hektik ausbrach: "Hol die Wäsche rein!", rief seine Mutter dann. Und: "Schnell! Mach die Fenster zu!"

Typische WOHA-Bauten ergeben in den Tropen ökologisch natürlich mehr Sinn als etwa in Frankfurt. "Attraktiv sind unsere Gebäude aber auch", so Hassell, "weil sie mit ihrem Grünbewuchs sehr romantisch und weicher wirken als andere Bauten." In Frankfurt, der zentralen Stadt des gebeutelten Euro, scheint solch softe Anmutung derzeit gefragt: Schon vor der Ausstellungseröffnung haben sich lokale Projektentwickler bei den Architekten gemeldet, um sie für Bauvorhaben zu interessieren.


"WOHA. Architektur atmet." Bis zum 29. April 2012 im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main

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