Gsell-Soap auf RTL2 "Foffilein, Frühstück ist fertig!"

Seit Monaten geistern sie mit ihrem Geschmuse durch die Boulevardmagazine. Jetzt hat RTL2 der Ex-"Busenmacherwitwe" Tatjana Gsell und ihrem Prinz Ferfried von Hohenzollern zur Hochzeit eine eigene Sendung geschenkt – und entlarvt das öde Spießbürgertum des Promipärchens.

Von Peer Schader


Manchmal fragt man sich, was diese jungen Dinger, die allein deshalb bekannt sind, weil sie mit prominenten Musikproduzenten oder Adeligen liiert sind, eigentlich den ganzen Tag machen, wenn ausnahmsweise mal nicht die "Bild"-Zeitung oder RTL-"Explosiv" anruft. Sich aus Langeweile noch mal umoperieren lassen? Einen öffentlichkeitswirksamen Zickenkrieg mit einer Kollegin anfangen? Geld zählen? Schwer zu sagen. Vielleicht ist ihnen auch bloß stinklangweilig. Das jedenfalls könnte eine gute Erklärung dafür sein, dass jemand einwilligt, sich ein Kamerateam nicht nur für einen Tag, sondern gleich für ein paar Wochen ins Haus zu holen.

Der Alltag der von "Bild" so getauften "Busenmacherwitwe" Tatjana Gsell, deren Mann tragischerweise bei einem gemeinsam ausgeheckten Versicherungsbetrug ums Leben kam, ist - freundlich gesagt - tatsächlich nicht besonders spannend, denn das schlagzeilenträchtige Gerichtsverfahren, auf das die Prominenz und Homestory-Tauglichkeit Gsells hauptsächlich gründet, ist nun einmal lange vorbei. Heute erweckt Gsell den Eindruck, als säße sie manchmal stundenlang mit dem Handy auf der Couch und warte darauf, dass es klingelt. Den Rest der Zeit geht sie zum Friseur, fährt den Sportwagen aus oder kocht ihrem "Foffilein" ein Tütensüppchen. Foffilein, so nennt Gsell ihren derzeitigen Lebensabschnittsgefährten Prinz Ferfried von Hohenzollern, der mit vollem Namen Ferfried Maximilian Pius Meinrad Maria Hubert Michael Justinus Prinz von Hohenzollern heißt.

Der Herr mit dem Endlosnamen und der wegen versuchten Betrugs vorbestrafte Boulevardstar sind verliebt. Demnächst soll Hochzeit gefeiert werden. Und weil das mit dem Promiheiraten im Fernsehen voriges Jahr bei "Sarah & Marc in Love" auf ProSieben so gut geklappt hat, sind sie bei RTL2 wohl auf die Idee gekommen, das auch mal auszuprobieren. Vier Wochen lang zeigt der Sender in der Dokusoap "Tatjana & Foffi - Aschenputtel wird Prinzessin" wie sich Prinz Ferfried, letzter Enkel des Königs von Sachsen, und seine Liebste auf den schönsten Tag ihres Lebens vorbereiten - zumindest, wenn des Prinzen letzte Ehe rechtzeitig geschieden werden kann.

Das Weinglas nicht am Stiel angefasst!

Damit Gsell auch lernt, wie man sich in Adelskreisen korrekt verhält, hat RTL2 ihr eine Art Super-Nanny zur Seite gestellt, die sich selbst als "Trainerin und Coach für moderne Umgangsformen und Etikette" vorstellt und fast einen Herzinfarkt bekommt, als sie das erste Mal Gsells Tischmanieren beobachten darf. Das schulterfreie Kleid! Telefonieren während des Essens! Das Weinglas nicht am Stiel angefasst! So was ist der Benimm-Nanny noch nicht untergekommen. Einmal erschrickt sie besonders arg: "Ja, da sieht man ganz deutlich, wie Frau Gsell beide Ellbogen auf dem Tisch hat, das ist unheimlich schade." Es klingt, als müsse dieses Verhalten die unabwendbare Exekution zur Folge haben.

Trotz ihres Bemühens tut sich das RTL2-Aschenputtel etwas schwer mit den neuen Regeln und versteht nicht ganz, weshalb es besonders stilvoll sein soll, die Gabel mit der Wölbung nach unten zum Mund zu führen. Aber das ist egal, immerhin beherrscht ihr Foffi die Umgangsformen auch nicht gerade perfekt und der ganze Kurs ist sowieso bloß fürs Fernsehen inszeniert, weil nachher sonst verzweifelte Redakteure im Schnitt säßen und nicht so genau wüssten, wie sie die nächsten 45 Minuten füllen sollten.

Denn im Prinzenhaushalt passiert einfach nichts - gar nichts. Morgens flötet Gsell: "Foffilein, Frühstück ist fertig." Mittags wird im Autohaus ein neuer Flitzer angesehen, und Gsell sagt über ihre Leidenschaft, schnelle Autos zu fahren: "Wenn man eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hat, ist das wie ein Orgasmus." Danach kommt Hochzeitsorganisator Henry de Winter mit seinem Wauwau vorbei und man beratschlagt gemeinsam, ob es Sinn macht, die Königin von England zur Hohenzollern-Hochzeit einzuladen. Abends fährt Gsell ins Atelier, um sich dort einen Akt zeichnen zu lassen, den sie ihrem Schatz zum Geburtstag schenken kann.

Ganz und gar nicht skandalgefährlich

Das alles erinnert peinlich genau an das, was Popsternchen Sarah Connor und Marc Terenzi vergangenen Sommer auf ProSieben veranstaltet haben, ist aber leider nicht annähernd so unterhaltsam. "Sarah & Marc" funktionierte vor allem deshalb, weil man vor dem Fernseher saß und gar nicht glauben konnte, wie Stars, die es gewohnt sind, vor Zehntausenden Menschen zu singen und ständig die Welt bereisen, so eindeutig an den kleinen Dingen des Lebens scheitern können.

Unfassbar, dass die halbe Familie damit beschäftigt werden musste, mit dem Fertigteig aus dem Kühlregal ein paar angebrannte Pfannkuchen zu backen. Irre war das, als Frau Popstar hilflos am Treppen-Babygitter rüttelte, das einfach nicht mehr aufgehen wollte, und sie sich für eine ganze Weile im Obergeschoss einsperrte. Und so nachvollziehbar, dass man sich beim Aufbauen des neuen Ikea-Gästebetts wegen unterschiedlicher Schraubtechniken so arg in die Wolle bekommen kann, dass man nachher den ganzen Tag nicht mehr miteinander spricht.

Dieser Spaß fehlt bei "Tatjana & Foffi", selbst wenn sich der Sender alle Mühe gibt, die große Leere ironisch zu kommentieren. Tatjana Gsell mag interessant genug sein, um dreiminütige Beiträge in Boulevardmagazinen zu füllen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es auch für eine vierteilige Primetime-Soap reichen muss. Gsell und ihr Prinz sind, anders als sonst gerne behauptet wird, eben ganz und gar nicht skandalgefährlich, sondern bloß - spießig.

Vielleicht hat RTL2 sich auch deshalb dazu entschlossen, die Alltagsdoku mit launischen Kommentaren anderer Promis aufzupeppen, die etwa auf derselben Relevanzstufe stehen wie Gsell. Einmal darf "Party-König" Michael Ammer sagen: "Tatjana wäre auch eine Attraktion in jedem Dollhouse oder Striplokal, also wieso soll sie keine Prinzessin sein?" Das ist nicht nett. Aber wahrscheinlich hat Ammer einfach nicht gemerkt, dass man so etwas unmöglich als Kompliment interpretieren kann. Zur Hochzeit wird er jetzt sicher nicht mehr eingeladen. Macht nichts. Vielleicht kommt ja die Queen.


"Tatjana & Foffi - Aschenputtel wird Prinzessin": Vier Teile, immer montags um 20.15 Uhr bei RTL2



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Constantinopolitana, 08.05.2006
1.
GAR nicht. Mir ist meine Zeit zu schade, um in den Müllfluten nach Verwertbarem zu suchen. Allerbeste Grüße, Eva (seit 37 Jahren ohne Fernseher und nichts verpaßt)
Woody Harrelson, 08.05.2006
2. ja klar ist das witzig
und wenn das TV sich "zu Tode getrasht" hat, gibt's den Darwin-Arward. Was soll man sich da aufregen, das nützt so wenig wie beim Wetter. Und gute Sendungen gibt es allem Anschein zum Trotz irgendwo auch immer.
GLH, 08.05.2006
3. Du Schreck - Beckmann soll das Endspiel kommentieren....
Von den privaten TV´s kann man doch schon lange nix mehr ertragen - außer die Übertragung der "Formula-Uno" durch RTL. Nur schade, daß auch mittlerweile die öff.-rechtl. meinen, mithalten zu müssen: Da werden stundenlang - und zwar gleichzeitig durch ARD & ZDF - ödeste Bildberichte von den Königshäusern gesendet, wenn eben mal wieder irgendetwas total uninteressantes für den Globus und die Menschheit dort gefeiert wird. Mag sein, daß eine Reihe von TV-Zusehern es unbedingt brauchen, wie die Schimpansen am Gitter zu hängen und die Geschehnisse um den "Adel" zu verfolgen...aber die TV-Anstalten scheinen gar nicht zu merken, daß sie sich selbst zu dümmlichen Claqeuren machen; ....und sich selbst als komplette Idioten offenbaren.
christian simons 08.05.2006
4.
---Zitat von sysop--- Vom Dschungel zu Dokutainment und Sozialvoyeurismus. Alles geht, wenn die Quote stimmt. Aber: Ist Trash witzig? Wo ziehen Sie die Grenze? ---Zitatende--- Wenn es nur ein Dschungelcamp, nur einen Nachmittags-Talk, nur eine Gerichtsshow und nur eine Telenovella gäbe, dann wäre das alles halb so wild, da solche Medienerscheinungen die immer wieder erbauliche Diskussion um den sogenannten "Untergang des Abendlandes" frisch und lebendig halten würden. Aber, was ich diesen Dingern wirklich übelnehme: Nach jedem halbwegs erfolgreichen Start vermehren sich diese Formate wie die Karnickel , so dass mir am Ende nichts anderes als der Schulterschluss mit den kulturpessimitischen Bedenkenträgern übrigbleibt.
Stephan Jansen, 08.05.2006
5. Trasht sich das Fersehen zu Tode?
Wenn das die Fragestellung ist, wass macht dann SPON? MfG
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