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"Gülcans Traumhochzeit": Schnatter, schnatter, schnatter

Von Reinhard Mohr

Auf ProSieben kann man jetzt der Viva-Moderatorin Gülcan Karahanci bei den Vorbereitungen auf ihre "Traumhochzeit" zusehen. Das hält man nur aus, weil die fröhliche 24-Jährige so ausdauernd vor sich hinplappert, dass man irgendwann seine eigenen Gedanken nicht mehr hört.

Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger – so lautet eine jener Welterklärungsformeln der fortgeschrittenen Mediengesellschaft, die nebenher auch eine bequeme Legitimation für den kleineren Teil der Gesellschaft ist, sich durch die Sender zu zappen.

Die These mag stimmen oder nicht.

Verlobte Kamps, Karahanci: "Nerv nich'. Lackier' Dir die Nägel"
ProSieben/Stephan Pick

Verlobte Kamps, Karahanci: "Nerv nich'. Lackier' Dir die Nägel"

Manchmal aber macht Fernsehen einfach nur ratlos und verzweifelt, stumpf und sprachlos. Am liebsten möchte man dann nur noch in antike Schmerzensrufe ausbrechen und sich anschließend auf eine einsame grüne Wiese legen, irgendwo im Schatten eines Olivenbaums, und den Schafen beim Grasen zuschauen.

Oh Programmverantwortliche, beim Apoll und der Pallas Athene, Ihr seid die Wahnsinnigen unserer Zeit! Oh Kameramänner und Regisseure dieser Doku-Soap-Pest, beim heiligen Zeus – wie müsst Ihr leiden! Oh Redakteure und Produzenten, die Ihr in Eurer Jugend womöglich noch gelernt habt, zu lesen und zu schreiben – wie könnt Ihr das vor Gott und Euch selbst rechtfertigen?!

Wer gestern Abend um 20.15 Uhr, aus welch undurchsichtigen oder nichtswürdigen Gründen auch immer, den ersten Teil der Doku-Soap "Gülcans Traumhochzeit" auf ProSieben verfolgt hat, rang jedenfalls schon binnen weniger Minuten nach Worten, die im Kopf alsbald begannen, ein dröhnendes Eigenleben zu führen.

Bum. Bum. Bum.

Sie bildeten das einzig hörbare Gegengewicht zu jenem ostinaten, niemals endenden Geschnatter der deutsch-türkischen Viva-Moderatorin Gülcan Karahanci, 24, "Woman of the Year 2004" der Zeitschrift "Maxim", die offenkundig ernsthaft plant, den einzigen Sohn des Großbäckers, Multimillionärs und derzeitigen Besitzers der "Nordsee"-Kette, Heiner Kamps, zu heiraten.

"Er hört mir ja gar nicht zu!"

Ganz im Trend der neuen "Alphamädchen", die die einstigen Alphamännchen einfach an die Seite schieben, hat Sebastian Kamps, 25, allerdings so gut wie nichts zu sagen. Wie soll er auch?

Gülcan, 1,62 Meter groß, "Deutschlands heißeste TV-Moderatorin", redet und redet und redet. Dagegen wirkt Verona Pooth wie die Insassin eines Schweigeklosters. Gülcan redet über alles und jedes. Über den Wasserfleck an der Decke und die "süße Mami" in Travemünde, über ihren Hund und das Hochzeitskleid, über die Chippendales und die Hochzeitstorte, über die Speisenfolge, Orchideen, Minigolf, ihre Haare, Brötchenholen und noch mal den Wasserfleck.

Nach kurzer Zeit hört man sowieso nicht mehr zu. Auch nicht der Ehemann in spe, der schon lange vor der Hochzeit im August aufgegeben hat, Widerworte zu geben. Aber das nützt ihm nicht viel. Wie von Loriot inszeniert beschwert sich Gülcan: "Er hört mir ja gar nicht zu!"

Nur einmal platzt Sebastian – in einer reichlich gestellt wirkenden Szene – der Kragen: "Nerv nich', lackier' dir die Nägel!", sagt er im Gehen. Sebastian, der Alleinerbe des Kamps-Imperiums, hat längst kapituliert. Im Übrigen verhält er sich wie alle Männer in einer solchen Situation: Er setzt sich in seinen Audi TT und fährt zu seinem Kumpel. Der organisiert ein "Promi-Wettrennen" mit Sportwagen. Das ist doch mal was.

Die Frauen beider Familien, darunter Bäckersfrau Petra Kamps, diskutieren derweil als informelles "Hochzeitskomitee" im Supermarkt über Königsberger Klopse, Spargel und Rinderfilet. "Das ist kein Chaos", sagt Oma Kamps, "das ist ein Durcheinander. Chaos ist schlimmer." Oma kennt die Welt. Krieg und Vertreibung waren sicher viel schlimmer.

Für alle anderen aber, die Krieg und Vertreibung, Gott sei Dank, nicht erlebt haben, kann es kaum etwas Schlimmeres geben als "Gülcans Traumhochzeit", die sich natur- und programmgemäß noch Monate hinziehen wird: Wird Gülcans Hündchen das Hochzeitshemdchen auch passen? Hält Sebastians entzündeter Kiefer (Achtung: Psychosomatik!), der ihn schon für vier Tage ans Bett im Krankenhaus gefesselt hat, bis zum "Ja-Wort"?

Wird Vater Karahanci wenigstens bei der Bankettrede ein bisschen deutlicher sprechen? Selbst angesichts aller Härten und Abgründe des kommerziellen deutschen Fernsehens ist ein solcher Bilderschwall des puren Nichts der absolute Tiefpunkt. Dass ProSieben dafür auch nur einen Euro gezahlt haben soll, will man einfach nicht glauben.

Aber man glaubt ja auch nicht jenen kurzen Dialog zwischen Gülcan und Sebastian, bei dem es darum geht, ob man einen Conférencier für die Traumhochzeit brauche.

"Conférencier? Was ist das?" fragt Gülcan.

"So was wie ein Moderator", antwortet ihre große Schwester, die nicht ganz so hübsch ist, aber dafür schlauer.

Darauf Gülcan fröhlich: "Ach so, dann kann ich das ja machen!"

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Gülcans Traumhochzeit: "Nerv nich', lackier' Dir die Nägel"

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