Günter Behnisch tot Architekt des gläsernen Deutschlands

Er war ein Baumeister der Demokratie - und prägte das Bild der BRD in der Welt. Jetzt ist Günter Behnisch mit 88 Jahren gestorben. Vom sensationellen Münchner Olympiagelände bis zum Bonner Bundestag: Dieser Architekt schaffte es wie kaum ein anderer, Freiheit in gläsern-luftige Formen zu bringen.

Günter Behnisch (2005, in der Akademie der Kuenste in Berlin): Baumeister der BRD
DDP

Günter Behnisch (2005, in der Akademie der Kuenste in Berlin): Baumeister der BRD


Stuttgart - Für ihn war jeder Bau, jedes Haus, jede Sportstätte eine Offenbarung. Eine Enthüllung seines Denkens. Günter Behnisch wollte in seinem Werk seine gesellschaftliche und politische Einstellung spiegeln - und nur wenigen deutschen Baumeistern ist dies so nachhaltig gelungen wie ihm.

Behnisch galt als einer der wichtigsten Vorkämpfer der modernen Architektur in Deutschland, als Verfechter des demokratischen Bauens ohne jede Status- und Machtsymbolik. Seine Arbeit prägt bis heute den Stil jüngerer Generationen - am Montag ist er nun im Alter von 88 Jahren in Stuttgart gestorben, wo ihn seine Frau in den vergangenen Jahren gepflegt hat. Behnisch war zuletzt nach mehreren Schlaganfällen halbseitig gelähmt und auf Hilfe angewiesen, aber bis zum Schluss ansprechbar, sagte sein Sohn Stefan. "Er hatte ein langes, erfülltes Leben."

Behnisch ist berühmt geworden für das schwebende Dach über dem Münchner Olympiastadion. Eines seiner größten späten Werke war der neue Plenarsaal des Bonner Bundestages. In jedem dieser Projekte verwirklichte er mit dem Bauplan seine Ideen über die Freiheit der Dinge. Er wollte sich und seinen Kunden Spielräume eröffnen, Zwänge abbauen, Normen infrage stellen, Hierarchien auflösen.

Seine Skepsis gegen autoritäre Systeme und hierarchische Mächte wurzelte in der eigenen Biografie. 1922 in Dresden geboren, wurde er 1939 in die Wehrmacht eingezogen und musste dann als einer der jüngsten Marineoffiziere die klaustrophobische Enge eines U-Boots im Krieg hautnah miterleben. Er durchlitt die Folgen des Machtmissbrauchs der Nationalsozialisten auch als Kriegsgefangener in England, bevor er 1947 ins zerbombte Deutschland zurückkehrte. Dem "Bauen für die Demokratie" hatte sich Behnisch verschrieben, er sagte, sein Leben sei von Demokratie durchdrungen. Lastende Schwere und übertrieben lange Achsen waren für Behnisch ebenso tabu wie extreme Symmetrie - und deshalb war zum Beispiel der Berliner Reichstag war für ihn lange ein "Monster", ein Ausbund "wilhelminischer Machtarchitektur". Er wollte es anders machen.

Behnisch zog es nach dem Krieg nach Stuttgart. Er studierte an der Technischen Hochschule, war Mitarbeiter im Architektenbüro von Rolf Gutbrod und gründete Anfang der fünfziger Jahre mit zwei Mitarbeitern sein eigenes Büro. Der Stadt blieb er bis zum Tod treu. Nicht zufällig hatte der liberale Baumeister seine Heimat im deutschen Südwesten gefunden - er und seine Partner benötigten die freien Landschaften, die Obstbaumwiesen und Schafweiden, Weinberge und kleinen Dörfer in der Stuttgarter Umgebung, um ihre Architektur zu organisieren.

1972 wurde das Büro Behnisch auf einen Schlag international bekannt - mit jener Landschaft vom Reißbrett, die auf dem Münchner Oberwiesenfeld nordwestlich der Innenstadt errichtet wurde: dem Olympiagelände für die Sommerspiele. Es wurde ein kühner Aufruf gegen verbissene Wettkampfrituale, als Form wählte der Architekt Kuppen, Hügeln und Mulden. Das vieldiskutierte Dach aus Plexiglas sollte ein Zeichen setzen für ein neues, demokratisches Deutschland.

Offen und schnörkellos musste für Behnisch alles sein. Wände hielt er meist für verzichtbar, seine Architektur aus Beton, Holz und Stahlblech, aus Gitterträgern, Dachsparren und Klimarohren sollte durchschaubar sein und vielfältig. Die Architektur sollte dem Menschen dienen, der Mensch in der Architektur leben, nicht von ihr beherrscht werden.

"Keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur"

Kompromisse lehnte Behnisch immer ab: "Ich will nicht mehr ins Mittelmäßige hineingezogen werden." Als in München das Olympiastadion in Richtung einer Fußballarena umgebaut werden sollte, sperrte er sich jahrelang gegen große Eingriffe - am Ende wurde vor den Toren der Stadt die jetzige neue Arena gebaut.

Zu Behnischs letzten spektakulären Arbeiten gehörte der Neubau der Berliner Akademie der Künste am Brandenburger Tor. Er errichtete ihn mit Werner Durth von 1999 bis 2005 und folgte auch hier seinem Prinzip des "transparenten Bauens" - mit einer Glasfassade zum Pariser Platz und offenen Etagenübergängen im Inneren, was zu akustischen Problemen im Alltag führte und Kritik auslöste. Schon in der Entwurfsplanung gab es Konflikte mit den Berliner Stadtplanern, weil die Bausatzung an der historischen Stelle der Hauptstadt eigentlich keine durchgehende Hightech-Glasfassade erlaubte. Aber "ich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, da eine Steinfassade zu machen", sagte Behnisch seinerzeit. "Wir wollten schon gar keine Assoziationen an die Großkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken."

Glas dominiert auch das im räumlichen Gleichgewicht schwebende Hysolar-Institutsgebäude Stuttgart aus dem Jahr 1987 und den bekannten Bonner Bundestags-Plenarsaal von 1992. Allesamt Gebäude, die heute Wahrzeichen sind.

Behnisch kannte nach eigener Aussage weder die Zahl seiner Auszeichnungen noch die Zahl errungener Architekturpreise, darunter wiederholt der Deutsche Architekturpreis. "Die Preise sind wichtig für meine Mitarbeiter, die sich jahrelang mit einem Projekt beschäftigen, und für die Eigentümer", sagte er einmal, "nicht für mich". Schön sei es, als Architekt einiges mitbestimmen zu können.

als/dpa/AFP/apn



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.