Flüchtlinge Günter Grass bringt "Zwangseinquartierungen" ins Spiel

Zur Not müssen Flüchtlinge eben bei Deutschen zwangseinquartiert werden: Günter Grass hält theoretisch Maßnahmen in der Asylpolitik für möglich, die man hierzulande aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kennt.

Nobelpreisträger Grass: Im Notfall Zwangsunterbringung von Flüchtlingen
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Nobelpreisträger Grass: Im Notfall Zwangsunterbringung von Flüchtlingen


Hamburg - Die Bemerkung fiel eher in einem Nebensatz, hat es aber in sich: Bei einer Hamburger Veranstaltung der deutschen PEN-Sektion anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Autorenvereinigung verglich der Schriftsteller Günter Grass die heutige Flüchtlingssituation mit der nach dem Zweiten Weltkrieg. Er halte, sollte es Notfälle bei der Unterbringung von Flüchtlingen geben, auch heute "Zwangseinquartierungen" für eine Option.

Grass erinnerte daran, dass dies nach dem Zweiten Weltkrieg so gehandhabt wurde - unter Murren teilweise, aber die 14 Millionen Deutschen und Deutschstämmigen aus dem Osten seien so wieder schnell auf die Beine gekommen.

Zuvor hatte Grass mit seinen Schriftstellerkollegen Christoph Hein und Josef Haslinger mit deutlichen Worten das Versagen der reichen Länder angesichts von vielen im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen angeprangert und eine "Politik der Abschottung" moniert.

Der Westen habe nach der friedlichen Revolution 1989 in Osteuropa samt Mauerfall in der DDR Hoffnungen auf ein Ende des Blockdenkens und eine Überwindung des Nord-Süd-Konflikts, des Gegensatzes von Arm und Reich, enttäuscht, sagte Hein. In einem Aufruf geißelten die Autoren die "Festung Europa" und forderten gleichzeitig die humanitäre Verpflichtung ein, Menschen zu schützen und ihnen Zukunftsperspektiven zu ermöglichen. Wo Grass grundsätzlich durchaus Hilfbereitschaft bei den Deutschen sieht, ist es damit oft nicht allzuweit her, wie Bürgerproteste gegen Asylbewerberheime in mehreren deutschen Städten zeigen.

An den Erfolg des Engagements von Intellektuellen und Schriftstellern mag Grass allerdings nicht glauben: Medien und Politik nähmen Autorenproteste viel zu wenig wahr. Er erinnerte an den Aufruf von 30 Schriftstellern, darunter Ilija Trojanow oder Juli Zeh, und 70.000 weiteren Unterzeichnern im Herbst 2013 gegen die Spähangriffe der USA. Zeh ersuchte damals Kanzlerin Angela Merkel (CDU) um ein Gespräch. Grass: "Bis heute hat Juli Zeh keine Antwort erhalten. Wenn ich Jahrzehnte jünger wäre, hätte ich ein Zelt aufgebaut vor dem Kanzleramt, bis eine Antwort käme."

tha/dpa

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