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Günter Grass: "Dem Terrorismus das Wasser abgraben"

Nach den Anschlägen in London ist auch Deutschland alarmiert. Für den Weltjugendtag im August bereitet man sich auf mögliche Einsätze vor. Günter Grass sieht in solchen Maßnahmen nur einen Tropfen auf dem heißen Stein - und erklärt den Terrorismus als eine logische Folge westlicher Politik.

Literaturnobelpreisträger Grass: "Man muss sich nicht wundern"
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Literaturnobelpreisträger Grass: "Man muss sich nicht wundern"

Lübeck - Wenn in Kürze die Innen- und Justizminister der 25 EU-Staaten in Brüssel zu einem Sondertreffen zusammenkommen, steht ein Thema im Vordergrund: die Terroranschläge von London. Würden die Politiker den Nobelpreisträger Günter Grass einladen, bekämen sie eine eindeutige Empfehlung: die Neuorientierung beim Einsatz polizeilicher und militärischer Mittel. Auf die konzentrierten sich die Westländer angeblich zu sehr - und verlören damit Entscheidendes aus dem Blick.

Das bisherige Vorgehen sei bislang "eher wenig erfolgreich" gewesen, erklärte Grass heute in Lübeck in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa und betonte die Notwendigkeit einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung. Es sei zu befürchten, dass die entsetzlichen Attentate von New York, Madrid und London weitere nach sich ziehen werden. "Bis heute gibt es keinen ernsthaften Versuch, dem Terrorismus das Wasser abzugraben", so der Autor.

"Das hieße zum Beispiel, den Nord-Süd-Bericht, den Willy Brandt bereits 1977 im Auftrag der Vereinten Nationen erarbeitet hat, ernst zu nehmen", sagte Grass der dpa. Der in dem Papier kritisierte wachsende Gegensatz zwischen reichen Industrienationen und armen Ländern der sogenannten Dritten Welt müsse verringert werden. Auch viele viele muslimische Staaten seien Opfer der Armut. Der G-8-Gipfel im schottischen Gleneagles sei außerdem ein erneuter Beweis, "wie schwer sich die Industrienationen tun, die Schuldenlast von diesen Ländern zu nehmen oder Handelsbarrieren abzubauen".

Die Lösung sieht Grass in einer wie im Nord-Süd-Bericht entworfenen Einsetzung einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Nur so könnten die ärmeren Staaten als gleichberechtigte Partner auftreten. "Wenn man das täte, wäre es weit wirkungsvoller im Kampf gegen den Terrorismus als alles, was man derzeit tut."

Zwar seien die furchtbaren Terroranschläge durch nichts zu entschuldigen, dennoch stünde die radikale Gewalt in einem logischen Verhältnis zur Politik der Großmächte. "Wenn wir auf der anderen Seite sehen, wie bedenkenlos die Vereinigten Staaten von Amerika ihre militärischen Mittel mit angeblich zielgenauen Bomben einsetzen, und wir seit Jahr und Tag sehen, wie zumeist Zivilisten die Opfer sind, dann muss man sich nicht wundern, wenn Terroristen ihre nach wie vor fragwürdige Begründung aus dieser Tatsache heraus formulieren: 'Ihr nehmt ja auch keine Rücksicht auf Zivilisten, warum sollten wir es tun?'"

Dies sei eine "Frage, über die man nachdenken muss, wenn man wirklich eine Lösung für diese schier unlösbar erscheinende Problematik sucht".

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