Grass dichtet über Griechenland: Mit nachgefüllter Tinte

Er hat es wieder getan: Günter Grass mischt sich erneut mit einem Gedicht in die politische Diskussion ein. Diesmal schreibt er über die prekäre Lage Griechenlands und die EU-Sparauflagen. Ein Skandal? Ist nicht zu erwarten.

Grass bedichtet Europa: "Geistlos verkümmern wirst Du" Fotos
dapd

Berlin - Fast zwei Monate nach der Veröffentlichung des offenbar doch nicht "mit letzter Tinte" verfassten, in der Folge höchst umstrittenen Gedichts "Was gesagt werden muss" über den Iran-Israel-Konflikt hat der Literaturnobelpreisträger Günter Grass erneut ein Gedicht veröffentlicht, das ein aktuelles politisches Thema aufgreift: In "Europas Schande", einem 24-Zeiler, den die "Süddeutsche Zeitung" am Freitagabend veröffentlichte, kritisiert Grass den Umgang Europas mit dem hochverschuldeten Griechenland.

Grass wendet sich in seinem Text direkt an Europa, dessen Ursprung doch Griechenland sei: "Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh", dichtet Grass, und weiter: "Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt, wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert".

Der Dichter erklärt sich implizit solidarisch mit dem Wahlverhalten der Griechen und dem damit zum Ausdruck gebrachten Unwillen, die von der Europäischen Union verlangten Sparanstrengungen weiter zu tragen: "Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure, doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück."

Das Gedicht schließt mit der düsteren Prophezeiung, Europa werde "geistlos verkümmern" ohne Griechenland - ein klares Plädoyer gegen einen (erzwungenen) Austritt Griechenlands aus der Währungsunion.

Da Günter Grass den Zweiten Weltkrieg diesmal nur am Rande streift und auch keine Angriffe gegen Israel oder andere konkret genannte Staaten vorkommen, ist kein Skandal zu erwarten.

kuz

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 345 Beiträge
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1. Peinlicher geht's nimmer
Vox libertatis 25.05.2012
Gibt's eigentlich bald auch ein Gedicht von Herrn Grass über den Abstieg von Hertha BSC?
2. Wer will es vertonen?
balduinb 25.05.2012
Zitat von sysopEr hat es wieder getan: Günter Grass mischt sich erneut mit einem Gedicht in die politische Diskussion ein. Sein Thema diesmal: die prekäre Lage Griechenlands und die ihm von der Europäischen Union abverlangten Sparanstrengungen. Ein Skandal ist nicht zu erwarten. Günter Grass dichtet über Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,835371,00.html)
Schreibt demnächst Dieter Bohlen die Noten dazu? Und Grass darf in der Castingshow damit auftreten? Das wäre krass!
3. Was soll immer diese Überhebung Griechenlands als Wiege...
ton.reg 25.05.2012
Es mag ja schon stimmen, dass die Demokratie in Gr. als erste historisch belegbar erhalten ist. Deren Grundstrucktur, basierend auf einer Sklavenhaltergesellschaft mit stark eingeschränktem Wahlrecht auf die Elite, sollte aber nicht dauernd als Wiege Europas mit ewigem Heilsansehen verschöngeistigt werden. Insbesondere, da die "Geld-Elite" wie seit Jahrtausenden immer noch die Fäden fest in der Hand und, dank nicht nachvollziehbarem Eintritt in den Euro, selbige in den Fördertöpfen der EU und dem Geldbeutel der - wie von Grass gefordert - ewig zum verklärten Dank verpflichteten Resteuropäer haben. Geschichte ist Geschichte, die Zeiten ändern sich und ein Patent auf Demokratie ist zwischenzeitlich abgelaufen.
4. Uninteressant
ak-73 25.05.2012
Mehr gibt's dazu eigentlich nicht zu sagen. Alex
5. Ermüdend ...
cinder_cone 25.05.2012
... der Herr Grass - wird so langsam zum 50 Cents Blogger. Und wie gemein das ist, Griechenland Milliarden Euros aufzudrängen. Herr Grass - tun Sie was dagegen, z.B. 'Aufstand der Sparsamen' oder so.
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