Günter Grass kritisiert Irak-Politik "Dieser drohende Krieg ist gewollt"

Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat der USA und ihren Verbündeten "Heuchelei" und "Hybris" angesichts eines "gewollten Krieges" im Irak vorgeworfen. Er hoffe, dass Deutschland standhaft genug sei, um Nein zu dem "fortwirkenden Wahnsinn" zu sagen.


Schriftsteller Grass: "Wie vordatierte Fernsehprogramme"
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Schriftsteller Grass: "Wie vordatierte Fernsehprogramme"

Hamburg - "Dieser drohende Krieg ist gewollt", schrieb Grass am Donnerstag in einem Beitrag für die Nachrichtenagentur dpa . "Es geht wiederum ums Öl." Seine Erfahrung sage ihm, "dass diesem gewollten Krieg weitere Kriege aus gleichem Antrieb folgen werden". Er hoffe, "dass die Bürger und die Regierung meines Landes unter Beweis stellen werden, dass wir Deutschen aus selbstverschuldeten Kriegen gelernt haben und deshalb Nein sagen zu dem fortwirkenden Wahnsinn, Krieg genannt".

Nach Einschätzung des 75-jährigen Literaturnobelpreisträgers geht es bei dem Truppenaufmarsch am Persischen Golf nicht um eine bloße Drohgebärde gegen "einen von zwei Dutzend weltweit herrschenden Diktatoren". Vielmehr finde der gewollte Krieg in planenden Köpfen, auf den Börsen aller Kontinente, in "wie vordatierten Fernsehprogrammen" bereits statt, schrieb Grass.

"Der Feind als Zielobjekt ist erkannt, benannt und eignet sich, neben anderen noch zu erkennenden und benennenden Feinden auf Vorrat, für die Beschwörung einer Gefahr, die alle Bedenken nivelliert. Wir kennen die Machart, nach der man sich einen Feind, sollte er fehlen, erfindet." Bekannt sei "gleichfalls jene bildgesättigte Spielart des Krieges, nach der zielgenau daneben getroffen wird". Grass kritisierte auch die westliche Sicht, "nur die relativ wenigen Toten der herrschenden Weltmacht" zu zählen, "während die Masse der toten Feinde samt deren Frauen und Kindern ungezählt bleibt und keiner Trauer wert ist".

"Die Arroganz der Weltmacht gibt Antworten auf jede Frage"

Ohne eine kriegerische Auseinandersetzung der vergangenen Jahre direkt zu erwähnen, prangerte der Nobelpreisträger die moderne Kriegsberichterstattung in den Medien an. "Weil wir seine vom detaillierten Schrecken gesäuberte Bilderflut kennen und auch die Fernsehrechte an den uns bekannten Sender der drei abkürzenden Buchstaben vergeben sind, erwarten wir eine Fortsetzung des Krieges als Seifenoper, unterbrochen nur von Werbespots für friedliche Konsumenten."

Grass erinnerte auch daran, dass der Westen Saddam Hussein im Krieg gegen Iran (1980-1988) noch unterstützt hatte und dieser nun als Diktator geächtet werde. Dass Saddam Hussein derzeit über Massenvernichtungsmittel verfüge, sei nicht bewiesen, meinte Grass. Die offizielle Zielsetzung der USA, nach einem Sieg über Saddam Hussein im Irak Demokratie einzuführen, wirkt für den Schriftsteller nicht überzeugend. Denn die Nachbarstaaten Saudi-Arabien und Kuwait, die dem Westen verbündet sind und ihm als militärische Aufmarschbasis dienen, würden gleichfalls "diktatorisch beherrscht". "Sollen diese Länder Ziel der nächsten demokratiefördernden Kriege sein?"

"Ich weiß, diese Fragen sind müßig; die Arroganz der Weltmacht gibt Antwort auf jede", schrieb Grass. Das Herrschaftsgefüge zeige sich jetzt "nackt". "Schamlos stellt es sich dar und gemeingefährlich in seiner Hybris. Der gegenwärtige Präsident der USA gibt dieser Gemeingefährlichkeit Ausdruck."

Der Schriftsteller äußerte außerdem die Sorge, "ob die Vereinten Nationen standhaft genug sind, dem geballten Machtwillen der Vereinigten Staaten von Amerika zu widerstehen".



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