Günter Wallraff: Undercover als Bärendienstleister
Günter Wallraff soll ein schlechter Arbeitgeber sein. Ob das stimmt? Spielt überhaupt keine Rolle. Selbst wenn er seine Mitarbeiter knechten sollte, schmälert das seine Leistung als Enthüller nicht. Doch sollte Wallraff journalistisch unsauber gearbeitet haben, wäre seine Glaubwürdigkeit dahin.
Man muss Günter Wallraff nicht mögen. Man kann ihn für eitel halten und für selbstgerecht. Man kann genervt sein von seiner holzschnittartigen Einteilung der Arbeitswelt in böse, profitgierige Kapitalisten ganz oben, die die hart arbeitenden Proletarier da unten knechten und ausbeuten und überhaupt furchtbar mies behandeln. Man kann sich stören am hohen Ton seiner Moralpredigten, kann misstrauisch sein, ob er die von ihm propagierten moralischen Standards auch in seinem eigenen Leben einhält. Doch auch wenn Wallraff ein schlechter Arbeitgeber sein sollte und überhaupt ein Fiesling, bliebe das für seine Rolle als Aufklärer unerheblich: Wahrheit bleibt Wahrheit. Es sei denn, die Wahrheit wäre unter dubiosen Umständen ans Licht gekommen. Dann kann sie leicht als Lüge abgetan werden. Und genau darum geht es bei den neuen Vorwürfen, die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe gegen Wallraff erhebt.
Günter Wallraff hat verkleidet als "Türke Ali" erlebt, wie es bei Thyssen und McDonald's zugeht, er hat als "Hans Esser" die Methoden der "Bild"-Zeitung angeprangert, das sind nur die bekanntesten Beispiele seiner Arbeit. Zuletzt war er als Callcenter-Mitarbeiter, Paketfahrer und Obdachloser unterwegs. Er hat mit seinen Sozialreportagen die hässliche Wirklichkeit derer beschrieben, die wenig haben und wenig bekommen, eine Wirklichkeit, an der gerne gedankenlos vorübergeht, wer in besseren Verhältnissen lebt. Das ist sein großes Verdienst.
Günter Wallraff hat sich mit seiner Arbeit viele Feinde gemacht, schon in den Siebzigern haben Personalabteilungen Steckbriefe herumgereicht, die es verhindern sollten, dass er sich undercover einschleicht. Der Springer-Verlag sammelte Material über ihn. Doch Günter Wallraff hat sich nicht unterkriegen lassen von seinen Feinden. Gerade sieht es aber so aus, als würde er sich selbst unterkriegen.
Nicht selbst geschrieben? Spielt keine Rolle
Schon früher ist Günter Wallraff vorgeworfen worden, selbst kein besonders sozialer Mensch zu sein, wenn es um die Wahrnehmung der eigenen Interessen geht. Angeblich sei er kein guter Vermieter, hieß es und heißt es heute wieder (andere Stimmen behaupten das Gegenteil). Und er scheint auch kein guter Arbeitgeber zu sein, wenn man den Geschichten seines ehemaligen Gehilfen André Fahnemann glauben mag: Wallraff habe ihn für harte Arbeit schlecht bezahlt, dazu in bar und ohne Sozialabgaben abzuführen, obwohl es sich de facto um eine Festanstellung gehandelt habe.
Es heißt nun auch, Günter Wallraff habe einige seiner Texte gar nicht selbst geschrieben, sondern sich dabei umfangreich unterstützen lassen, ohne den Helfern öffentlich zu danken oder sie auch nur zu erwähnen.
All diese Vorwürfe werfen ein schlechtes Licht auf Günter Wallraff. Dennoch müssen sie als unbewiesen gelten, bis sie möglicherweise gerichtlich bestätigt werden. Vielleicht versucht hier auch nur ein enttäuschter Weggefährte, sich am Chef zu rächen. Es sind unschöne Vorwürfe, zweifellos. Aber sollten sie auch der Wahrheit entsprechen, eines sind sie nicht: relevant für Wallraffs Arbeit.
Denn es spielt schlicht keine Rolle für die Verhältnisse in deutschen Callcentern oder Großbäckereien, wie Günter Wallraff mit seinen Mitarbeitern umgeht. Es entkräftet seine Vorwürfe gegen ausbeuterische Konzerne nicht im Geringsten, wenn er diese nicht selbst ausformuliert haben sollte, sondern ein Auftragsschreiber. In dieser Sache, in der großen Sache, für die Wallraff kämpft, die Rechte der Kleinen gegenüber den Großen, zählt nur das: die seriöse Recherche und die saubere Dokumentation dieser Recherche.
Nun berichtet aber der SPIEGEL, Günter Wallraff habe sich von ehemaligen Mitarbeitern einer Großbäckerei, in der Wallraff recherchierte, Blankounterschriften geben lassen. Diese Unterschriften sollen dann mit fremden Formulierungen zu vermeintlich juristisch wasserdichten eidesstattlichen Versicherungen montiert worden sein, um Wallraffs Darstellung der schlimmen Arbeitsverhältnisse in der Großbäckerei zu stützen. Diese fabrizierten Dokumente soll Wallraffs Verteidiger in einem Gerichtsverfahren der Großbäckerei (die mittlerweile schließen musste) gegen den Schriftsteller eingesetzt haben.
Wo bitte sind Blankounterschriften üblich?
Man könnte auch hier sagen: Wer weiß schon, ob das stimmt. Wäre da nicht die Stellungnahme von Günter Wallraffs Anwalt Winfried Seibert, der den Sachverhalt bestätigt - und versucht, ihn als harmlos darzustellen: Es sei "üblich, mit Blankounterschriften zu arbeiten", ließ Seibert den SPIEGEL wissen.
Üblich? Wo sollte es üblich sein, sich eine Unterschrift geben zu lassen und dann einen Text darüber zu montieren? Jedenfalls nicht im Journalismus. Es mag sein, dass ein Zeuge bei der Abfassung einer eidesstattlichen Versicherung juristischen Rat sucht, damit das Dokument gerichtlichen Standards entspricht. Es mag sein, dass bei einem solchen Vorgang ein gemeinsam formulierter Text entsteht, den der Zeuge dann unterschreibt. Der Vorwurf hier ist jedoch weitaus gravierender: Wallraff hat in einem Verfahren, in welchem er selbst Beklagter ist, für ihn günstige Aussagen von Zeugen mit diesen und seinem Anwalt abgestimmt und sie danach auf vorher unterschriebene Dokumente montiert. Ob die auf diese Weise entstandenen Eidesstattlichen Versicherungen nicht zu sehr im Sinne Wallraffs ausgefallen sind, klärt nun die Staatsanwaltschaft.
Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass Günter Wallraff unsauber oder zumindest zweifelhaft gearbeitet hat bei der Aufklärung von Missständen in deutschen Unternehmen, wäre das verheerend. Denn selbst wenn seine Recherchen im Großen und Ganzen der Wahrheit entsprächen, würden sie durch die mutmaßlichen Manipulationen entwertet. Wallraffs Sache war stets die Aufklärung. Er hätte ihr schwer geschadet - als Bärendienstleister im Undercover-Einsatz.
Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde Winfried Seibert, der Rechtsanwalt Günter Wallraffs, verkürzt zitiert. Sein vollständiges Zitat lautet wie folgt: "Es ist daher durchaus - auch bei mir - üblich, mit Blankounterschriften zu arbeiten, wobei selbstverständlich die Texte vor der Zusammenfügung mit dem jeweiligen Zeugen abgestimmt werden."
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