Guerilla-Künstler Banksy: Spekulationen um ein Jamaika-Foto

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Mythos Banksy: Eine britische Zeitung will die Identität des berühmtesten Guerilla-Künstlers der Welt enttarnt haben. Doch selbst wenn die Beweislage bisher eher dünn ist, könnte das verheerend für seine Kunst sein.

Popstars und Schauspieler leben davon, dass jeder ihr Gesicht kennt. Für den Guerilla-Künstler Banksy ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, dass seine Identität geheim bleibt. Denn einerseits lebt der Mythos um seine subversiven Werke davon, dass sie im Verborgenen entstehen, andererseits ist Banksy nach geltendem Recht ein Krimineller, der Einbrüche begeht und öffentliches Eigentum beschädigt.

Er war bisher der große Unsichtbare der britischen Kunstszene: Auf einem "Selbstporträt", das auf einer Auktion 198.000 britische Pfund einbrachte, zeigte sich der Künstler mit Sprühdose und Affenkopf. Bisher galt lediglich als sicher, dass der Mann aus Bristol stammt.

Doch jetzt will die englische Zeitung "The Sunday Mail" in einjähriger Detektivarbeit "schlagkräftige Beweise" dafür gefunden haben, dass Banksy in Wirklichkeit Robin Gunningham heißt, 34 Jahre alt und Sohn wohlhabender Eltern ist und als Teenager eine Privatschule besuchte.

Der König der Subversion als schnöseliges Privatschulkind? Die Zeitung hofft auf den Scoop des Jahres, doch stellen sich die "Beweise" bei näherem Hinsehen als zumindest zweifelhaft heraus. Die Recherche basiert auf dem vier Jahre alten Foto eines Mannes mit Sonnenbrille und ein paar Sprühdosen auf Jamaika. Belege dafür, warum das Banksy sein soll, liefert die Zeitung nicht, dessen Agent Steve Lazarides hatte das schon vor Jahren bestritten.

Vorname als Hinweis

Schulfreunde und frühere Bekannte sollen den Mann auf dem besagten Bild nun als Gunningham identifiziert haben. Einige äußern sich, dass dieser künstlerisch talentiert gewesen sein soll, auch Gunninghams Wohnorte passen zu den Wirkungsstätten von Banksy. Die stärkste Quelle der "Mail on Sunday" ist jedoch Luke Egan, ein Künstler, der zusammen mit Banksy ausstellte und zugab, eine Zeit lang in einer Wohngemeinschaft mit Gunningham gelebt zu haben. Auf die Frage, ob es sich dabei um Banksy handelt, wird er mit "Damals war er es nicht" zitiert. Ein Hinweis, den die Zeitung unerwähnt lässt, ist der Vorname: Der Künstler brachte bisher seine Bücher unter dem Pseudonym "Robin Banksy" unters Volk.

Bekannt wurde Banksy mit subversiver Schablonengrafitti an öffentlichen Orten. Knutschende Bobbies, granatenwerfende Teddybären, Ratten mit Anarchie-Schildern - bis heute lassen immer wieder übereifrige Vorortgremien die inzwischen enorm wertvollen Werke zerstören, weil es der Interpretation des Betrachters überlassen ist, ob das Kunst oder Vandalismus ist. Spätestens als Banksy 2005 in einige der bekanntesten Kunstmuseen der Welt wie der Tate Modern und dem Metropolitan Museum of Art zunächst unbemerkt eigene Werke einschmuggelte, wurde er zur Ikone der Kommunikationsguerilla.

Im September 2006 verzierte er 500 Paris-Hilton-CDs mit seinen Zeichnungen, tauschte die CD gegen eine eigene aus und stellte sie zurück in britische Plattenläden. Im kalifornischen Disneyland hinterließ er das lebensgroße Bild eines Guantanamo-Häftlings, im Nahen Osten zierte seine Graffiti die Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland. Mit solchen Aktionen wurde er zum Helden der Subkultur, auch Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Reese Witherspoon outeten sich als Fans.

Erfolgreich durch Geheimnistuerei

Dass Banksy, dessen Werke für sechsstellige Summen versteigert werden, über Jahre hinweg unerkannt blieb, machte ihn für Medien und Publikum umso interessanter. Je intensiver sich "Esquire", "New York Times" und sämtliche Boulevardblätter bemühten, den Mann hinter der Kunst ausfindig zu machen, desto höher stiegen die Preise für seine Werke. Im vergangenen Jahr erreichte das Bild "Space Girl and Bird" eine Rekordsumme von 288.000 britischen Pfund.

Auch die Zeitung "The Guardian", die 2003 ein Interview mit dem mutmaßlichen Banksy druckte (der Autor sicherte damals Anonymität zu), beteiligte sich später an der Jagd auf den Künstler. Es wirkt also ein wenig trotzig, wenn sich dort jetzt eine Kolumnistin über die Enthüllungen der "Sunday Mail" lustig macht. "Horror! Banksy ist kein fiktionaler Charakter", schreibt Frencesca Gavin, "er ist eine wirkliche Person, die Kunst herstellt". Dann erklärt sie seinen Mittelschichts-Werdegang für "nicht gerade schlagzeilenwürdig".

Doch sollte es sich bei Gunningham tatsächlich um Banksy handeln, wäre einer der großen Mythen der zeitgenössischen Kunst in Gefahr. Wie essentiell wichtig das Geheimnisvolle, Unberechenbare für die Graffitikunst ist, bewies erst gestern ein Zeitungsbericht des "Wimbledon Guardian" aus dem südwestlichen Londoner Vorort Tooting. Dort hatten Anwohner in der Stella Road ein Schablonengrafitto entdeckt, das Oliver Hardy (vom Comedy-Duo "Laurel and Hardy") mit einem Maschinengewehr in der Hand zeigt. Typischer Banksy-Stil. Ob die unscheinbare Wand damit zum wertvollen Kunstobjekt geworden ist?

Auch der "Wimbledon Guardian" will sich jetzt an der Beweissuche für Banksys Identität beteiligen. Die Zeitung bittet den Urheber des Kunstwerks, sich per E-Mail oder Anruf bei der Redaktion zu melden - vielleicht haben sie ja bald Robin Gunningham am Telefon.

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