Vorkämpferinnen von #MeToo Guerillas unter Gorilla-Masken

Die Guerilla Girls prangern schon seit 1985 Sexismus und andere Ungleichheiten in der Kunstszene an. Jetzt eröffnet das Künstlerinnen-Kollektiv die erste Schau seiner Arbeit auf deutschem Boden.

Andrew Hinderaker

Zuerst mit einfachen Plakaten, dann mit immer größerer künstlerischer Bandbreite kämpfen die Guerrilla Girls gegen die Dominanz weißer Männer in der Kunstwelt an, seit 1985 schon. Jetzt läuft in der Kestnergesellschaft in Hannover eine Schau mit ihren Arbeiten an. Titel: "The Art of Behaving Badly". Sie wurde am Donnerstagabend mit einer Performance von zwei der anonym arbeitenden Künstlerinnen eingeweiht. Sie traten unter den Pseudonymen Käthe Kollwitz und Frida Kahlo auf und verbargen sich unter ihrem Markenzeichen, den Gorilla-Masken.

SPIEGEL ONLINE sprach mit der jungen Kuratorin der Ausstellung, Elmas Senol.

SPIEGEL ONLINE: Frau Senol, zwei der Guerrilla-Girls-Gründungsmitgliederinnen eröffneten die Ausstellung mit einem Power-Point-Vortrag. Was war da los?

Senol: Die beiden Frauen haben Bananen verteilt, Musik lief, dann sprachen sie über ihre Erlebnisse als Guerrilla Girls. Sie verlangten, in den Museen müsse mehr Vielfalt herrschen und bekannten sich zu den Forderungen von #MeToo und Time's Up.

SPIEGEL ONLINE: Was für Exponate zeigen Sie in der Ausstellung?

Senol: Zum Beispiel eine Werbetafel mit der "anatomisch korrekten" Oscar-Statue aus dem Jahr 2002. Die Künstlerinnen haben aus dem goldenen Jüngling einen übergewichtigen Durchschnittsmann gemacht und dazu geschrieben: "Er ist weiß und männlich, genau wie die Typen, die gewinnen". Es veranschaulicht ganz gut die jetzige Debatte um die weiße männliche Vorherrschaft in Hollywood.

SPIEGEL ONLINE: Es ist die erste Schau zu ihrem Wirken in Deutschland. Waren Sie überrascht über die Zusage?

Senol: Vor allem erfreut. Wir haben zuerst über Skype Kontakt gehabt - ihnen gefiel die Idee, und sie wollten wohl auch mich als junge Kuratorin unterstützen.

Ein Plakat der Guerrilla Girls. Darauf steht: "Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?"
Guerrilla Girls

Ein Plakat der Guerrilla Girls. Darauf steht: "Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?"

SPIEGEL ONLINE: Trugen die Frauen während des Skype-Gesprächs ihre berühmten Masken?

Senol: Wir haben die Videofunktion ausgeschaltet und nur die Telefonfunktion genutzt. Ich konnte sie also nicht sehen, sie sind eben konsequent.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen möchten, dass niemand erfährt, wer sich hinter den Masken verbirgt. Warum?

Senol: Sie waren, als sie begannen, junge Künstlerinnen, die das unabhängig von ihren Einzelkarrieren vorantrieben. Das eine sollte nicht mit dem anderen vermischt werden, sie hätten sicher auch besondere Nachteile fürchten müssen. Zwischendurch wechselte die Besetzung, auch Schauspielerinnen und Musikerinnen beteiligten sich, das Prinzip der Anonymität blieb.

SPIEGEL ONLINE: Ist es noch zeitgemäß, seine Identität zu verschleiern?

Senol: Viel Engagement hat sich heute ins Netz verlagert. Am Anfang hat das Internet eine gewisse Anonymität ermöglicht, doch mittlerweile nennen viele Frauen ihre Namen, das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Vielleicht ist es eine Leistung der Guerrilla Girls, dafür den Weg bereitet zu haben. Denken Sie an die Petitionen wie #Notsurprised, innerhalb weniger Stunden haben Hunderte Frauen diesen Aufruf, sich gegen sexuelle Belästigung in der Kunstwelt zu wehren, unterschrieben. Der Zulauf war so groß, dass die Seite kurzzeitig nicht mehr aufzurufen war.

SPIEGEL ONLINE: Als die Guerrilla Girls anfingen, gab es kein Internet für den Privatgebrauch, keine Foren, keine Hashtags.

Senol: Sie gingen aber auf ähnlich schlichte und wirkungsvolle Weise gegen Sexismus und Rassismus im Kunstbetrieb vor, etwa mit Hilfe von Plakaten, Vorträgen, Performances. Sie übertrugen diesen Protest auf Billboards, druckten die Namen einflussreicher Männer im Kunstbetrieb auf Plakate, Namen von Kuratoren, von Kunsthändlern und übrigens auch Händlerinnen. Sie veröffentlichten auch Statistiken, die das Missverhältnis von Männern und Frauen aufzeigten. Sie haben einfach nachgezählt, wie viele Männer und wie viele Frauen in Ausstellungen, in einflussreichen Kunstmagazinen vorkommen.

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Guerilla Girls: Plakate und Provokationen

SPIEGEL ONLINE: Diese Überzahl an Männern im Kunstbetrieb hat sie überhaupt erst dazu veranlasst, sich zusammenzuschließen.

Senol: Ja. 1984 stellte das berühmte Museum of Modern Art die angeblich wichtigsten zeitgenössischen Künstler vor: Von 165 Künstlern waren weniger als zehn Prozent weiblich, und dieses Ungleichgewicht war wohl symptomatisch für eine Stimmung damals in den Achtzigern. Die Schau war der Auslöser für einige Frauen, 1985 in New York die Gruppe zu gründen.

SPIEGEL ONLINE: Auf einem ihrer Plakate fragten sie, ob Frauen nackt sein müssten, um ins Museum zu kommen. Sie wiesen darauf hin, dass Frauen als Künstlerinnen unterrepräsentiert seien, die meisten Akte in den Museen jedoch weibliche Körper zeigten. Was haben sie mit ihren Provokationen ausrichten können?

Senol: Sie haben ihre riesigen Poster und Banner in New York aufgehängt, zuerst vor allem in Soho und im East Village. So trugen sie ihren Protest ins Stadtbild hinein, das war von großer Bedeutung. Und sie mischten sich direkt in den Kunstbetrieb ein: 1992 etwa kündigte das Guggenheim Museum in New York eine Ausstellung mit den Werken von vier männlichen Künstlern an, daraufhin organsierten die Guerrilla Girls eine Kampagne - der damalige Guggenheim-Direktor Tom Krens erhielt Tausende pinkfarbene Postkarten, sie entwarfen Poster und für eine öffentliche Aktion Papiertüten, mit Gorilla-Emblem, die sich Gleichgesinnte auf den Kopf setzen konnten. Tatsächlich bat der Direktor, den das wohl alles nervös machte, kurzfristig noch Louise Bourgeois, an der Ausstellung teilzunehmen. Die größte Leistung ist wohl, dass sie eine gewisse Sensibilisierung für Probleme erreichten, die keiner wahrhaben wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie selbst die Situation in der heutigen Kunstwelt?

Senol: Es gibt immer noch einen Bedarf, sich einzumischen. Im Kunstbetrieb bestehen viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Befristete Verträge, Outsourcing, oft erhalten Künstler keine Honorare für das, was sie tun. Leider betrifft das gerade Frauen und Minoritäten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Anfang dreißig, gehören einer jungen Generation an, was muss heute aus Ihrer Sicht getan werden?

Senol: Ich glaube, meine Generation sollte sich klar darüber sein, dass die Rechte, die bis heute erkämpft wurden, dringend verteidigt werden müssen. Wir müssen dafür einstehen, wir müssen Stellung nehmen. Denn: Nicht Stellung zu nehmen, hätte Folgen, aber sicher keine guten. Das gilt gerade in Zeiten wie diesen, in denen an vielen Orten der Welt ein Rechtsruck zu spüren ist. Das Erschreckende an den Debatten der jüngeren Zeit war doch nicht nur, dass so viel passiert ist, sondern auch, dass das Gespräch darüber so lange nicht möglich war, es wurde ein Mantel des Schweigens darüber gelegt.

Guerrilla Girls: "The Art of Behaving Badly", 26. Januar bis 8. April, Kestnergesellschaft Hannover



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Orthoklas 27.01.2018
1. Diese ewige
Pseudo-Gleichmacherei! Das ewige Gemäkel und Schlechtreden! Es ko*** mich sowas von an! Diese Leute haben ganz offensichtlich nicht allzu viel zu tun und es ist noch offensichtlicher, weshalb. Einfach weniger Beachtung schenken. Das ist es, worauf diese Menschen aus sind - meiner Meinung nach.
crewmitglied27 27.01.2018
2. Ich vermisse bei der METOO Sache
inzwischen die Realitätsnähe. Frauen regen sich, zu Recht, über diese Dinge auf. Aber wo bleibt die Parteinahme für Frauen, die als Jugendliche hier in unserer Mitte, in Zwangsehen genötigt werden. Die nicht an unserer Gesellschaft teilhaben können, weil sie eingeschlossen werden. Die nicht am Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen dürfen. Was ist mit diesen und ähnlichen Themen? Bringt wohl nicht genug....ist halt kein Kunstprojekt.
dasfred 27.01.2018
3. Das Männer im Kunsthandel häufiger vorkommen ist Fakt
Aber sucht doch zuerst nach den Gründen. Es wird wohl kaum am Testosteron liegen, dass sieht man den Bildern und Objekten meist nicht an. Nur zu fordern das Frauen stärker in Ausstellungen aufgenommen werden weil sie Frauen sind reicht nicht. Die Künstler, die öffentlich wahrgenommen werden, gehören sowieso zu einer Spitzengruppe. Bei der Masse an Künstlern, die nicht von ihrer Kunst leben können, sind sie ebenfalls in der Überzahl.
harry_buttle 27.01.2018
4.
Zitat von OrthoklasPseudo-Gleichmacherei! Das ewige Gemäkel und Schlechtreden! Es ko*** mich sowas von an! Diese Leute haben ganz offensichtlich nicht allzu viel zu tun und es ist noch offensichtlicher, weshalb. Einfach weniger Beachtung schenken. Das ist es, worauf diese Menschen aus sind - meiner Meinung nach.
Tschuldigung, gehen Sie doch nach Drüben(!), und ich meine nicht das andere Ufer ;-) Hier wird ein Fakt thematisiert, nicht gemäkelt, da ist nichts pseudo und es wird nichts schlecht geredet. Wenn sie meinen, diese Leute (hier weibliche Künstlerinnen) haben nicht allzuviel zu tun und es wäre offensichtlich warum (Unfähigkeit etwa?), tut es mir leid. Sie haben das Thema nicht kapiert. Über Kunst kann man trefflich streiten. Aber warum sollten Frauen nicht die gleiche Öffentlichkeit haben ihre Werke zu präsentieren wie ihre männlichen Kollegen? Ob die Kunst dann taugt oder nicht, bzw "was wert ist" oder nicht, darüber entscheiden dann Investoren, ggf auch bar jedes Kunstverstandes. Aber auch Frauen sollten überhaupt die Möglichkeit haben sich zu exhibitionieren. Eine Vorauswahl nach Geschlecht ist unangebracht. Das alles gilt natürlich für alle Menschen, egal welchen Geschlechts in egal welcher Hautfarbe.
harry_buttle 27.01.2018
5.
Zitat von dasfredAber sucht doch zuerst nach den Gründen. Es wird wohl kaum am Testosteron liegen, dass sieht man den Bildern und Objekten meist nicht an. Nur zu fordern das Frauen stärker in Ausstellungen aufgenommen werden weil sie Frauen sind reicht nicht. Die Künstler, die öffentlich wahrgenommen werden, gehören sowieso zu einer Spitzengruppe. Bei der Masse an Künstlern, die nicht von ihrer Kunst leben können, sind sie ebenfalls in der Überzahl.
Eben! Das ist ja das, was diese Gruppe anprangert: Es sind die altvorderen, überkommenen Strukturen. Vergleichen Sie bitte mit dem Wahlrecht der Frauen, was auch erst kürzlich (kürzlich, in Anbetracht der menschlichen Zeitachse) in Deutschland eingeführt wurde https://www.wahlrecht.de/news/2004/02.htm In der Schweiz hat es eine noch kürzere Wirkdauer (oder Liechtenstein). http://www.sueddeutsche.de/politik/schweiz-jahre-frauenstimmrecht-vermaennlicht-durch-den-urnengang-1.1056279 Unfassbar eigentlich ...
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