Guerrilla Girls in Köln "Zu weiß, zu europäisch, zu männlich"

Es grummelt unter den Gorillamasken: Zum Jubiläum des Museums Ludwig reisen die anonymen Aktivistinnen der Guerrilla Girls von New York nach Köln - und sparen nicht mit Kritik an der Kunstszene.

DPA

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Das Kölner Museum Ludwig feiert sein 40-jähriges Bestehen und hat 25 Künstler dazu eingeladen, sich mit dem Haus und seinen Gründern zu befassen. Wie bewerten die "Guerrilla Girls" die Sammlung aus feministischer Sicht?

Frida Kahlo: Wir finden es großartig, dass sich ein Museum von dieser Größenordnung zum Jubiläum nicht nur selbst feiert, sondern sich offen für Kritik zeigt. Unser Beitrag mit Installation und Video ist noch nicht ganz fertig, aber fest steht: Die Sammlung Ludwig ist zu weiß, zu europäisch und zu männlich.

SPIEGEL ONLINE: Überrascht Sie das?

Kahlo: Nein, es ist normal, dass die Sammlungen europäischer und amerikanischer Museen vor allem aus Arbeiten aus den dominanten Gesellschaftsschichten bestehen. Das ist ein Problem: Kunst sollte so aussehen wie die Kultur, die sie repräsentieren will, also divers. Wenn sie das nicht schafft, bleibt die Kunst lediglich das Abbild eines aufgeblasenen Marktes, der von Millionären kontrolliert wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Sammlung, die der Schokoladenfabrikant und Kunstsammler Peter Ludwig vor 40 Jahren der Stadt Köln schenkte, war bereits relativ global angelegt, von amerikanischer Pop-Art bis russischer Avantgarde. Die Kernstücke der Sammlung sind bis heute vor allem Werke von weißen Männern. Bedeutet dies, dass das Haus in den letzten Jahren stagnierte?

Kahlo: Ich habe eher den Eindruck, dass es sich wandelt. Jeder, mit dem wir in Köln gesprochen haben, hat sich offen für unsere Ideen gezeigt, obwohl unsere Geburtstagsshow mit Kritik nicht spart. Wir wissen aber auch, dass Veränderungen schwierig sind, wie ein riesiges Schiff, das während der Fahrt gewendet werden muss.

SPIEGEL ONLINE: Was raten sie dem Museum Ludwig für die Zukunft?

Kahlo: Museumsleitung und Kuratoren sollten sich auf den Straßen Kölns umschauen und sich fragen, wer hier wirklich lebt. Sie sollten sicherstellen, dass sie Kunst zeigen, die etwas mit den Menschen und ihren Erfahrungen zu tun hat.

Guerrilla Girls Poster: Müssen Frauen nackt sein?
Guerrilla Girls/ courtesy guerrillagirls.com/ Rheinisches Bildarchiv Köln

Guerrilla Girls Poster: Müssen Frauen nackt sein?

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Diversität der Künstler in einer Sammlung so wichtig? Sollte ein Kunstwerk nicht schlicht für sich stehen können?

Kahlo: Mir ist es wichtig zu wissen, wie ein Künstler die Welt sah, welche Erfahrungen er oder sie gemacht hat. Es ist ähnlich wie in der Literatur - die Biografie eines Autors spielt oft eine große Rolle für das Verständnis eines Textes. Die Idee, dass Kunst für sich selbst stehen sollte, ist ein Überbleibsel des Formalismus des 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL ONLINE: 1989 veröffentlichten die Guerilla Girls das berühmte Poster "Do Women have to be naked to get into the Met. Museum?" Ist Kritik an zu viel nackter Haut der Gruppe ein Anliegen?

Kahlo: Wir zensieren nicht Nacktheit in der Kunst. Wir prangern an, dass Frauen häufiger Objekte in der Kunst sind als Subjekte. Es ist wahrscheinlicher, in einem Museum eine nackte Frau in einem Gemälde zu sehen, als ein Gemälde von einer Frau zu betrachten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das heute immer noch so?

Kahlo: Leider ja. Die Verhältnisse sind besser als früher, aber lange nicht gut. Vor 30 Jahren hieß es in der Kunstwelt noch, die Kunst von Frauen oder Nichtweißen reiche qualitativ eben nicht an die Kunst weißer Männer heran. Wie Qualität konstruiert wird, wie ihre Definition stets den Geschmack von jemandem spiegelt, wurde nicht hinterfragt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Probleme heute?

Kahlo: Das Einkommen zum Beispiel. Frauen und nichtweiße Künstler stehen nicht annähernd so viele Ressourcen zur Verfügung wie weißen Männern, und ihre Werke werden wesentlich billiger verkauft. Ob Museumsleitung oder Einzelausstellung - die Akteure stammen aus oberen Gesellschaftsschichten, die Durchlässigkeit ist gering. In den USA gibt es außerdem das Problem der Alibipolitik, die wir "Tokenism" nennen: Museen zeigen hin und wieder eine Frau oder einen Künstler of color und denken, damit sei das Problem gelöst. Ist das wirklich eine Lösung oder die Fortsetzung des Problems?

SPIEGEL ONLINE: Sind Ausstellungen von Künstlerinnen dann überhaupt eine gute Idee?

Kahlo: Das kommt darauf an, ob diese Künstlerinnen von anderen Ausstellungen ausgeschlossen werden - wenn das so ist, brauchen wir female-only. Man kann auch die Geschichte der weiblichen Kunst erzählen, so wie es das Centre Pompidou vor einigen Jahren getan hat. Das ist dann ein anderer Fokus, aber so lange Frauen in der Kunst ghettoisiert werden, brauchen wir diese Herangehensweise.


Ausstellung: "Wir nennen es Ludwig", Museum Ludwig Köln, 27. August bis 8. Januar 2017
Vortrag: "Making Trouble with the Guerrilla Girls", Museum Ludwig Köln, 3. September 2016

BBC-Dokumentation
Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.