Münchner Kunstschatz Jüdische Opfervertreter wollen Taskforce beitreten

Erste Erben erheben Anspruch auf Bilder aus dem Kunstfund von München, die Behörden fühlen sich unter Druck gesetzt. Heftige Kritik kommt von der Jewish Claims Conference: Die Opfervertreter fordern einen Platz in der Taskforce, welche die Herkunft der Werke klären soll.


München/Berlin - Rüdiger Mahlo, der deutsche Repräsentant der Jewish Claims Conference, hat einen Platz in der neu gebildeten Taskforce gefordert, die im Auftrag von Bundesregierung und bayerischer Landesregierung die Herkunft der Werke im Münchner Kunstschatz erforschen soll. "Die Claims Conference vertritt seit mehr als sechs Jahrzehnten die Interessen der jüdischen NS-Verfolgten in allen Fragen der Entschädigung und Restitution", sagte der Vertreter der Organisation zu SPIEGEL ONLINE. "Selbstredend gehört eine Vertretung der jüdischen Opfer in eine solche Kommission", so Mahlo.

Auf Anfrage erklärt der Claims-Conference-Repräsentant: "Es ist für mich als Vertreter der Opferseite nicht nachvollziehbar, warum der Fund nicht umgehend publiziert wurde. Wenn man die Werke nahezu zwei Jahre unter Verschluss hält, wird eine Rückführung an die ehemaligen jüdischen Eigentümer quasi unmöglich, denn das Durchschnittsalter eines Holocaustüberlebenden ist jetzt 85 Jahre. Das ist nicht fair."

Die Taskforce, in der Mahlo nun einen Platz fordert, war gebildet worden, nachdem der Umgang der Behörden mit dem spektakulären Kunstfund in die Kritik geraten war. Erst rund anderthalb Jahre nachdem Zollfahnder in der Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt in München-Schwabing auf die Werke gestoßen waren, war der Fall durch einen Zeitschriftenartikel publik geworden. Der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) sagte am Dienstag, sein Haus und die zuständige Staatsanwaltschaft Augsburg hätten unmittelbar nach Auffinden der Bilder die betroffenen Stellen in Berlin und Bayern verständigt.

Fragen zur Restitution könnten "in einem Strafverfahren allein nicht hinreichend geklärt werden", hatten die beteiligten Ministerien von Bund und Bayern in einer gemeinsamen Presseerklärung verkündet und damit das Einsetzen der Expertengruppe begründet. Bisher war die Staatsanwaltschaft durch die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der FU Berlin unterstützt worden.

"Zurückfordern - aber von wem?"

Seine Aussage, dass es ihm, "wie vielen in der Öffentlichkeit und vielen Betroffenen viel zu langsam ging, was Recherche und Aufklärung anging", wollte der erst Mitte Oktober ins Amt gekommene bayerische Justizminister Bausback allerdings nicht als Kritik an der Berliner Forscherin interpretiert wissen. Die nun getroffene Vereinbarung zur Veröffentlichung der Werke gehe auf seine Initiative zurück, so Bausback. Jüdische Organisationen, zahlreiche Kunstexperten und die US-Regierung hatten einen transparenteren Umgang mit den Kunstwerken gefordert.

Auf der Internetseite Lostart.de wurden seit Montagabend 25 der rund 1400 gefundenen Werke veröffentlicht, bei denen der Verdacht besonders hoch ist, dass es sich um NS-Raubkunst handeln könnte. Unter der Zahl der Anfragen brach allerdings der Server bei der Koordinierungsstelle in Magdeburg, die die Seite betreut, zusammen. Man arbeite mit Hochdruck an dem Problem, hieß es aus der Behörde. Schon vor der Einstellung der 25 Bilder in die Datenbank hätten sich die Zugriffszahlen verzehnfacht, wurde SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mitgeteilt.

Der Leiter der Magdeburger Koordinierungsstelle, Michael Franz, kehrte erst am späten Dienstagnachmittag aus Berlin zurück, wo er an der ersten Sitzung der Taskforce teilgenommen hatte, die koordiniert wird von der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung (AfP) und geleitet von Ingeborg Berggreen-Merkel - früher Mitarbeiterin des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU), und ehemals stellvertretende Beiratsvorsitzende der AfP.

Derweil hat die Veröffentlichung der ersten Bilder schon Folgen: Allein 13 der Kunstwerke stammen nach einem Bericht der "Welt" aus der Sammlung des jüdischen Rechtsanwalts Fritz Salo Glaser aus Dresden. Dabei handele es sich auch um Arbeiten von Otto Griebel, Christoph Voll und Ludwig Godenschweg, die alle auf der Liste stehen. "Wir werden die Bilder auf jeden Fall zurückfordern", sagte die Anwältin der Glaser-Erben, Sabine Rudolph, der "Welt". "Die Frage ist allerdings, von wem."

380 Bilder sind nach Behördenangaben wohl zu der von den Nazis als "entartet" verfemten und aus Museen beschlagnahmten Kunst zu zählen, mit deren Handel der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt im "Dritten Reich" beauftragt war. Etwa 590 Werke könnten nach bisherigen Einschätzungen der Behörden möglicherweise NS-Raubkunst sein. Doch eine eventuelle Rückgabe könnte sich rechtlich schwierig gestalten.

Eine Lösung könnte eventuell eine Absprache zwischen Cornelius Gurlitt und den Erben der ehemaligen Besitzer sein. "Es wäre sicher gut, wenn man mit Herrn Gurlitt zu einer allgemeinen Einigung kommen könnte", sagte ein Teilnehmer der Gespräche zwischen Bundesregierung und verantwortlichen bayerischen Stellen am vergangenen Freitag in München. Gurlitt habe auf die Ermittler einen "nicht unaufgeschlossenen Eindruck" gemacht, hieß es. Allerdings sei er auch einfach ein alter Herr, der schon sehr lange sehr zurückgezogen lebe.

feb/kha/dpa



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