Gurlitt-Kunstschatz Forscher finden neuen Fall von NS-Raubkunst

Bei der Erforschung der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt konnte ein Frauenporträt dem rechtmäßigen Besitzer zugeordnet werden. Es ist erst das sechste Bild, das eindeutig auf NS-Unrecht zurückführt.

NS-Raubkunst: "Porträt einer jungen Frau" von Thomas Couture
DPA/ Mick Vincenz/ Kunst- & Ausstellungshalle

NS-Raubkunst: "Porträt einer jungen Frau" von Thomas Couture


Um die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt war es ruhig geworden. 2012 wurde der Kunstschatz in München beschlagnahmt, nun gibt es kurz vor der mit Spannung erwarteten Doppelausstellung der millionenschweren Werke ab Anfang November in Bonn und Bern neue Erkenntnisse: Ein weiteres Gemälde, das "Porträt einer sitzenden jungen Frau" des französischen Malers Thomas Couture, hat sich als NS-Raubkunst herausgestellt.

Das Bild stamme laut Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Gurlitt-Forschungsprojekts, das die Sammlung Gurlitts auf Raubkunst hin untersucht, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Sammlung des früheren französischen Ministers Georges Mandel. Dessen Familie hatte Anspruch auf das Werk erhoben. Mandel gehörte zu den prominentesten jüdischen Opfern der Nationalsozialisten in Frankreich. Nach der deutschen Besetzung war er 1941 als angeblicher Kriegstreiber zu lebenslanger Haft verurteilt und 1944 von französischen Milizen im Wald von Fontainebleau ermordet worden.

Wichtigstes Indiz für die Herkunft des Bildes war ein kleines Loch in der Leinwand. Mandels Ehefrau hatte den Behörden nach dem Krieg den Verlust mehrerer Gemälde gemeldet, darunter auch des Frauenporträts. Auf den entsprechenden Dokumenten findet sich die handschriftliche Notiz: "Loch in der Mitte der Brust - Reparatur sichtbar". So konnte das Bild identifiziert werden.

Über das weitere Vorgehen muss nun Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) entscheiden. Sie erklärte: "Ich hoffe sehr, dass dieses Werk schnell an die Nachkommen der ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden kann."

Damit hat sich bei bisher insgesamt sechs Bildern aus Gurlitts Nachlass der Verdacht auf NS-Raubkunst erhärten lassen. 2012 waren in der Schwabinger Wohnung des Eigenbrötlers rund 1280 heimlich gehortete Kunstwerke beschlagnahmt worden. Später tauchten weitere 238 Werke in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg auf.

Die Sammlung galt schon früh als verdächtig, weil Gurlitts Vater Hildebrand zu den offiziellen Kunstankäufern der Nazis gehörte. Eine 2013 eingesetzte Taskforce zur Aufklärung der Herkunft der Bilder hatte zuvor fünf Fälle eindeutig auf NS-Unrecht zurückgeführt.

Das Folgeprojekt "Provenienzrecherche Gurlitt" geht seit Anfang 2016 der noch offenen Geschichte von gut tausend Bildern nach. "Wir werden auch bis zum Projektende im Dezember nicht annähernd alle Fragen klären können", sagt Baresel-Brand. "Aber wir haben getan, was wir konnten. Mehr gibt die Quellenlage derzeit nicht her."

Der Fund wird ab Anfang November in einer Doppelausstellung im Kunstmuseum Bern und in der Bundeskunsthalle Bonn erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

gia/cpa/dpa

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