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Nachlass von Cornelius Gurlitt: Grund zur Eile

Ein Kommentar von Ulrike Knöfel

Arbeit im Taskforce-Büro (Archiv): Expertenteam zum Kunstfund abgesetzt Zur Großansicht
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Arbeit im Taskforce-Büro (Archiv): Expertenteam zum Kunstfund abgesetzt

Die Aufarbeitung des Schwabinger Kunstfunds geht beschämend langsam voran. Nun wird sogar die extra eingesetzte Einsatztruppe abgesetzt. Dabei müssten sich die Verantwortlichen in diesem Fall wirklich beeilen.

Muss jemand, der von einer "historischen Verantwortung" spricht, nicht wenigstens versuchen, ihr in einem historischen Maße gerecht zu werden?

Im Falle der Bildersammlung von Cornelius Gurlitt hatte die Bundesregierung eine solche Verantwortung eingeräumt und Aufarbeitung zugesagt. Das Kulturstaatsministerium in Berlin und das Bundesland Bayern stellten vor knapp zwei Jahren ein internationales Expertenteam zusammen, das man "Taskforce Schwabinger Kunstfund" nannte. Nun wird die Eingreiftruppe abgesetzt, noch bevor sie wirklich viel herausgefunden hat. Dabei sollten ihre Gutachten Grundlage sein für mögliche Restitutionen an jüdische Familien oder Organisationen.

Der NS-Kunsthändler-Sohn Gurlitt besaß 1500 Werke, für viele davon lässt sich nicht ausräumen, dass sie einst jüdischen Familien entzogen wurden. Für etwa 500 Bilder hat man nach einer ersten Prüfung sogar diese Sprachregelung gefunden: "NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausschließbar". Schon das ist eine hohe Zahl. Für mehrere Hundert weitere Werke hat man die Herkunftsgeschichte noch gar nicht eingehender beleuchtet.

Solche Provenienzforschung kostet Zeit. In diesem Falle gehört zur historischen Verantwortung aber, sich zu beeilen. Wenn alles doch zu lange dauert, dann muss man eben mehr Leute und Mittel zur Verfügung stellen. Stattdessen: zähe Langsamkeit.

Anlass zur historischen Scham

Nur zwei Bilder wurden bisher restituiert. Eines - ein Gemälde von Max Liebermann - ging an das 90 Jahre alte Holocaustopfer David Toren, der das Ölbild in Breslau zuletzt als Kind gesehen hat. Sein Bruder starb einige Monate vor der Rückgabe. Das andere, ein Gemälde von Henri Matisse, wurde den Nachfahren des französischen Kunsthändlers Paul Rosenberg ausgehändigt.

Das Kulturstaatsministerium in Berlin versichert nun, dass in Zukunft eine noch neue Koordinierungsstelle in Magdeburg die Recherchen vorantreibe, aber versprochen wurde schon viel. Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sagte dem SPIEGEL, dass er sich längst mehr erhofft und erwartet hatte. So gibt der Fall Gurlitt eher Anlass zur historischen Scham. Von Anfang an hat sich das offizielle Deutschland, das Deutschland der Behörden, Staatsanwaltschaften, Ministerien, merkwürdig verhalten, und aus den Merkwürdigkeiten ergaben sich Folgefehler.

Bereits im Februar 2012, also vor dreieinhalb Jahren, war ja ein Großteil von Gurlitts Sammlung in München beschlagnahmt worden. Es ging da um angebliche Steuerdelikte, aber dann wurden viele Eingeweihte nervös, weil die Werke eben noch von Gurlitts Vater stammten und man Raubkunst im Bestand vermutete. Doch gibt es kein Gesetz, das Privatleute heute noch zur Rückgabe zwingen könnte.

Probleme können schnell auftauchen

Man hätte versuchen müssen, eine Lösung mit Gurlitt zu finden. Man hätte damals an die Öffentlichkeit gehen sollen. Doch man behielt die Bilder ein und verheimlichte alles. Im Oktober 2013 kam alles auf Umwegen heraus. Weltweit wurde über dieses Land berichtet, in dem erst ein einzelner Mann, dann die Behörden mögliche Raubkunst wegschlossen.

Erst Ende des Jahres 2013 übernahm Monika Grütters in Berlin das Amt der Kulturstaatsministerin. Sie kann nichts für die anfänglichen Fehler, auch die Gründung der Taskforce war schon beschlossene Sache, als sie begann. Sie hat dann sogar eine Vereinbarung mit Gurlitt getroffen und die Arbeit der Forscher nachträglich noch legitimiert. Aber seither ist trotzdem viel Zeit vergangen.

Neue Probleme könnten dagegen schnell auftauchen, vielleicht sogar Katastrophen. Das Oberlandesgericht in München muss noch darüber entscheiden, ob Gurlitt in den Monaten vor seinem Tod im Mai 2014 überhaupt testierfähig war. War er es nach Ermessen des Gerichts nicht, würde der Umgang mit dem Fall Gurlitt noch merkwürdiger wirken. Dann wäre sein Testament hinfällig, das ein Museum in Bern begünstigt. Und es wäre auch alles wirkungslos, was die Regierung erst mit Gurlitt und dann mit Bern vereinbarte - und ebenso all die Versprechungen, die man in dieser Sache dem In- und Ausland machte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1.
mailo 10.10.2015
Ab ins Museum mit dem Zeug! Wenn die angeblich freundschaftlich Beziehungen zu Israel nicht durch Geld erkauft sind, sollte das so in Ordnung gehen. Zumal Bern ja nicht in Deutschland liegt. Wie nen Schiedsrichterball im Fußball halt.
2.
pterodactylus 10.10.2015
"Wenn alles doch zu lange dauert, dann muss man eben mehr Leute und Mittel zur Verfügung stellen." Ich finde solche generalisierten Aussagen immer relativ dürftig, zeugen sie von massivem Unverständnis. Als ob es immer nur daran liegt, mehr Geld und Personen in ein Feld zu drücken. Dass dafür aber vielleicht nur wenige Personen mit den notwendigen Fachkenntnissen zur Verfügung stehen und noch so viele Mittel dann ggf. nicht helfen, wird gerne ausgeblendet. Zumal doppelt so viele Personen auch nicht dazu führen, dass doppelt so viel Arbeit erledigt wird, sondern nur ein Bruchteil davon. Gerade was die Besitztümer angeht, ist Sorgfalt daher eine viel höhere Verpflichtung als ein Übereilen der Situation mit noch mehr faktischen Fehlern, als die, die durch die vorläufige Beachtung des Testaments bereits gemacht wurden. Die Situation wird ohnehin schon viel zu sehr von politischem Wunsch und Meinungsmache und zu wenig von aktuellem Recht bestimmt - wie man an dem Artikel/Kommentar hier mal wieder sieht.
3. Widersprüchlich?
noalk 10.10.2015
Einerseits fordert Frau Knöfel: "Man hätte versuchen müssen, eine Lösung mit Gurlitt zu finden." Was wäre jedoch diese Lösung wert, wenn das OLG München Gurlitts Testierfähigkeit rückwirkend verneint?
4. Es geht ja nicht nur um Raubkunst, Immobilien, Vermögen anderer Art
criticalsitizen 10.10.2015
sind meist in den Staatsbesitz oder leitende Beamten übergegangen, nachdem genau der Staat die Besitzer unter voller Zustimmung der Bevölkerung ermordet hat.
5. eigentlich...
practicus 10.10.2015
...bestehen Restitutionsansprüche nicht gegen Privatpersonen, sondern nur gegen "öffentliche" Eigentümer. Eingriffe in Privateigentum - wie bei Gurlitt - hängen erheblich höher. Zivilrechtliche Ansprüche der Erben sind längst verjährt, der Weg der Bilder ist nicht mehr nachvollziehbar, die Verjährungsfrist aus "deliktischer Bereicherung" beträgt 30 Jahre, endete also spätestens 1975. Die ganze "Taskforce" war juristisch gesehen Kasperletheater, da kein verfolgbares Delikt vorlag. Die Bilder befanden sich ganz legal in Gurlitts Privatbesitz, die Justiz hat keinerlei Zugriffsrecht darauf. Da muss halt für die Rechtssicherheit auch Ungerechtigkeit in Kauf genommen werden - wie im Falle des zu spät überführten Mörders, der auch zivilrechtlich nicht mehr belangt werden kann.
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