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Fotoschau "gute aussichten": Die Tristesse der Götterspeise

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Die Schau "gute aussichten" in Hamburg besticht mit großer Themenvielfalt - und einem Basar ungewöhnlicher Objekte zwischen Wunderkerzen, verkohlten Früchten und Energydrinks.

Erst das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Dann das Zweifeln. Das Hoffen. Und danach die große Enttäuschung. Wenn Versprechen nicht gehalten, wenn Träume nicht erfüllt werden, dann vereinigen sich Apathie und Missmut, um Körper und Gedanken zu beherrschen. Wie schaut ein Mensch dann? Wie fühlt er sich? Was macht er?

Eine Antwort darauf gibt die Ausstellung "gute aussichten - junge deutsche fotografie", die ab diesem Donnerstag in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen ist. Zum zehnten Mal zeigt das Haus der Photographie ausgewählte Abschlussarbeiten junger Menschen, die Fotografie, Kunst, Design oder Visuelle Kommunikation studiert haben.

Installationen sind hier zu sehen, Objekte und Zitate hinter Glas, eine schwarzgrauweiße Plane und eine Espressomaschine, die in ihrem eigenen Kaffee ersäuft. Außerdem dokumentarische Fotografien, inszenierte Bilder, elektronische Geräusche, verschwindende Körper, angeblitzte Zäune, Perlenketten, Wunderkerzen, eine verkohlte Ananas und Energydrinks. Ein Basar ungewöhnlicher Objekte von unbekannten Orten - sogar ein paar Häufchen grüner Götterspeise sind im Angebot.

"Die Ausstellung gibt einen großen Überblick über Stile, Themen und das, was gerade so in Hochschulen passiert", sagt Josefine Raab, Jurymitglied und Gründerin von "gute aussichen". Aus 100 Einsendungen hat die Jury neun Preisträger ausgewählt. Es sei nicht einfach gewesen, ein Überthema zu finden; das ergebe sich erst, wenn man die prämierten Arbeiten vor sich habe. Viele Werke hätten nun eben das Nicht-Erfüllen von Erwartungen und das Nicht-Einlösen von Versprechen gemein.

Das Mädchen wirkt, als wäre es tot

Die Künstler kommen aus Leipzig, Bielefeld, Berlin, Dortmund, Köln und Kassel. Besonders still sind die Fotoarbeiten Stephanie Steinkopfs. Sie zeigt den Alltag von brandenburgischen Plattenbau-Bewohnern, die in verlebten Wohnungen hausen, umgeben von alten Möbeln und schmutzigen Fenstern; Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, Hartz IV und leere Tage.

Daniel Stubenvoll aus Kassel hat ein anderes Thema: Er präsentiert in Hamburg seine Serie "Saubere Arbeit". Stubenvoll beginnt mit dem Grundstein seiner Hochschule, den er im Keller des Gebäudes gefunden hat. Das sei der Beginn, das Fundament seiner Abschlussarbeit gewesen, sagt er. Das Werk zeigt die Genese von Kunst - von der ersten Idee (Grundstein) über die Arbeit damit (Stubenvoll bat seine Kommilitonen, sich selbst künstlerisch mit dem Grundstein auseinanderzusetzen), das weitere Ausprobieren (die Ergebnisse seiner Kommilitonen stellte er aus und fotografierte die Ausstellung) und das eigene Ergebnis (Ausstellungskatalog, Collagen, Bild, Druck).

Provokativer tritt Marian Luft auf. Er trägt ein schwarzes T-Shirt der Neunziger-Jahre-Boygroup Caught in the Act. Und er ist der mit der Götterspeise. Luft will Unruhe stiften - so auch mit seinem Werk "The aesthetic of the political spring break". Ein Digitalprint hinter Acrylglas, am Computer konstruiert aus Kritzeleien, Farbfetzen und Wortschnipseln. Die hatten mal eine politische Botschaft, deren Inhalt nun hinter die Optik zurücktritt: Das Werk soll für die politische Unkultur stehen. Ein explosionsartiges Wirrwarr von Pixeln, das den Betrachter durchaus aggressiv macht.

Wie Steinkopf tastete sich dagegen auch Birte Kaufmann langsam an ihre Protagonisten heran. Besuchte sie immer wieder, um irgendwann zu fragen, ob sie fotografieren dürfe. Sie hat die Traveller Clans besucht - die größte Minderheitsgruppierung Irlands, von den Inselbewohnern oft kritisch beäugt. Eine geschlossene Gesellschaft. "Haltingsites" - öffentliche Stellplätzen - sollen die Traveller dazu bewegen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sesshaft zu werden. Ein Foto aus der Serie zeigt ein junges Mädchen in einem Wohnwagen, Kaufmann hat es durch das Fenster fotografiert. Es schaut nach oben, der Blick apathisch. Das Bild macht Angst. Das Mädchen sieht aus, als wäre es tot.

Abgelichtet hat Kaufmann auch rauchende Alte, ein totes Kaninchen auf einem Wäscheständer, boxende Kinder. Ihre Bilder zeigen mehr als nur die Verbrüderung von Apathie und Missgunst oder ein Leben voll enttäuschter Hoffnungen - ein lebloses Leben.

gute aussichten - junge deutsche fotografie 2013/2014. 7. Februar - 23. März 2014; Haus der Photographie, Deichtorhallen, Hamburg.

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pfzt 06.02.2014
Zitat von sysopStephanie SteinkopfDie Schau "gute aussichten" in Hamburg besticht mit großer Themenvielfalt - und einem Basar ungewöhnlicher Objekte zwischen Wunderkerzen, verkohlten Früchten und Energydrinks. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gute-aussichten-fotoausstellung-deichtorhallen-hamburg-a-951816.html
"Das soll Kunst sein?" "Das kann meine dreijährige Tochter auch!" "Cartier-Bresson war Künstler aber das hier doch nicht!" Kanns kaum erwarten bis der übliche Mob hier reinschaut. Sehr schade weil die Fotos wirklich alle toll sind, von interessant abstrakt bis hin zu packenden Sozialstudien und natürlich der übliche Kunststudentenspielkram scheint alles dabei zu sein. Die Ausstellung schaue ich mir auf jeden Fall an.
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