Guter Vorsatz für 2018 Erkennen, wie unwichtig man ist

Warum machen wir uns unsere kurze Zeit auf dieser Erde eigentlich so schwer? Lassen Sie uns in diesem neuen Jahr gemeinsam unsere Endlichkeit und Irrelevanz akzeptieren - es könnte für Frieden sorgen.

REUTERS

Eine Kolumne von


Und
Hinter Hecken lümmeln Nazis -
Das Wetter gibt es auch nicht mehr.
Die Tiere sind zu Gott gegangen.
Das Meer ist Plastik. Und bald leer.
Das nächste Jahr wird wie das letzte -
Ein bisschen mieser - hier und da
Das gute ist:
Wir werden älter
Und sind demnächst dann nicht mehr da.

In diesem vollendeten Gedicht findet sich, in meisterlicher Syntax gedrechselt, das Elend des Daseins. In einer, für die universale Zeitrechnung lächerlichen Absehbarkeit, werden alle, die einen umgeben, nicht mehr hier sein. Nun. Man selber leider auch nicht. Was für eine Kränkung. Was für eine unglaubliche Gemeinheit. Kaum da, schon wieder weg. Und die da oben werden ohne einen weitermachen. Die Häuser werden neue Mieter bekommen, die Bäume grün und gelb im Herbst und alles ohne die eigene Anwesenheit. Die Wege, die nur durch den eigenen Schritt zu etwas Besonderem geworden sind, werden von anderen Trotteln beschritten.

Das ist sie, die Frustration durch die eigene Überbewertung. Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass die Welt ohne sie weiter existiert, glauben auch, dass ihnen eine besondere Aufmerksamkeit zustünde. Da wurde der westliche Verbraucher durch die harte Schule der Individual-Erhöhung gepeitscht, mit dieser angeblichen Aufmerksamkeit, die man sich entgegenbringen sollte, die doch nur meint: Geh' trainieren, Depp, damit du keine Zeit zum Nachdenken hast, kauf' die Produkte, du Volltrottel, bis die Märkte wackeln, stähl dich, mach' dich zur Maschine, du bist es dir wert, diese absolut billige Misthaarfarbe auf deinen Kopf zu schmieren, wie sieben Millionen andere Volldeppen. Und dann soll das alles nicht ernstgemeint gewesen sein?

Harte Übung

Wir gammeln vor uns hin, verrotten, verwesen, verenden, und keinen interessiert's. Die schreckliche Wahrheit ist doch - die meisten Menschen auf der Welt können auf einen verzichten. Sie brauchen einen nicht. Falls man nicht aus Versehen irgendeine Sache zur Weltrettung erfunden hat, eine Revolutionärin ist, Harry Potter geschrieben hat oder HP Baxxter ist. Damit muss man erst mal klar kommen. Und das ist eine harte Übung.

Für Menschen, die ein langes Leben voller Privilegien genossen haben, ist es verdammt schwer, sich einzugestehen, dass es bald vorbei ist. Und es noch nicht mal ein Staatsbegräbnis geben wird. Das erklärt ein wenig die unfassbare Wut, die uns umgibt. Und ich respektiere sie. He du, ich nehme deine Wut an. Dieses Leben kann sehr anstrengend sein. Für jeden Mist muss man sich anstrengen. Nicht in dieser unangenehmen der-Fitteste-wird-überleben-Art, sondern mit der Erkenntnis, unwichtig zu sein. Keinen Orden zu erhalten für die Anwesenheit auf dem Planeten. Es auf jedem Level nicht zu schaffen. Die Weltherrschaft wird man nicht bekommen, und wenn doch - was macht man damit? Wer will dieses anstrengende Gebilde von acht Milliarden, die nicht sterben wollen, schon leiten, und wenn doch, auch dann ist irgendwann Schicht.

Die Herausforderung, der ich mich ständig stellen muss, ist, die Ratlosigkeit zu besiegen, mit der ich betrachte, wie schwer wir uns die kurze Zeit hier machen. Mit irren Kriegen, Brutalität, Boshaftigkeit, Geschrei und Hass. Das wird nicht zählen. Das wird es nicht verlängern das Dasein. Sag' ich nur mal so. Und damit: ein fröhliches neues Jahr!

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
meinung3000 06.01.2018
1. Der schönste Artikel im SPON
Niemals habe ich einen derart guten Artikel im Spon gelesen, der alles Relevante auf den Punkt bringt. Dabei super geschrieben, dezent und deutlich ironisch, zynisch, frustriert, realistisch ..... Danke dafür.
trackingerror 06.01.2018
2.
Frau Berg, der Mensch ist ein referenzabhängiges Entscheidungssubjektes. Kahnmann/Tversky zeigten bereits, dass Subjekte dazu neigen, Verluste kognitiv stärker zu bewerten als betragsmäßig gleich hohe Gewinne. Das erklärt auch, wieso man im Allgemeinen dazu neigt, seine Ängste zu übertreiben. Die Referenz wird zunächst in Bezug auf unmittelbar wahrnehmbare Aspekte bezogen. Folglich wird die eigene Endlichkeit gar nicht wahrgenommen, da der eigene Tod so weit weg erscheint. Das erklärt m.E. vielleicht auch, wieso alte Menschen erst im hohen Alter vernünftiger werden bzw. erst dann die eigene Irrelevanz einem erst klar wird. Ergo, bedarf es im jungen Altet eines sehr hohen Maßes an geistiger Reife, um sich der eigenen Emdlichkeit und Irrelevanz bewußt zu werden. Jedoch besitzen allenfalls 1 % der Menschen im jungen Alter diese geistige Reife.
marthaimschnee 06.01.2018
3. richtig und doch falsch
denn Sie machen einen verhängnisvollen Fehler, Frau Berg: Sie pauschalisieren! Korrekt ist, daß sich einige zu wichtig nehmen, vor allem von denen an der Spitze. Diese überschätzen nicht nur ihre Wichtigkeit, sie sind auch arrogant und ignorant genug um auszuschließen, daß sie auf dem falschen Weg wandeln könnten. Umgekehrt geht es jedoch der namenlosen Masse, diese unterschätzt ihre Wichtigkeit. Das bedeutsamste Beispiel ist wohl die Umweltverschmutzung, diese wird sich nur in den Griff bekommen lassen, wenn die Masse sich bewegt. Dazu muß jeder Einzelne erkennen, daß er relevant für das Ergebnis ist, jeder einzelne bekommt damit eine Bedeutung.
arnesaknussem 06.01.2018
4. sehr schön
das haben Sie jetzt aber mal richtig Klasse auf den Punkt gebracht, Frau Berg. Auch wenn ich viele Ihrer Beiträge manchmal richtig doof finde (besonders, wenn's um Mann/Frau geht). Dieser hier ist gelungen. Sollte man auch gerne mal dem einen oder anderen Vollpfosten in der Politik unters Kopfkissen legen - und auch dem einen oder anderen "besorgen" Wutbürger. Mann, Mann - als ob einem die Flüchtlinge etwas wegnehmen können, was man eh nicht mitnehmen kann...
MaikFreier 06.01.2018
5. Jepp
Sehe ich genauso. Zeit ist eine stärkere Kraft als wir. Und sich selbst nicht zu ernst nehmen führt zu innerer Ausgeglichenheit. Zitat aus einem Buch, dass ich gerade lese und sehr interessant fand: ? Wünschen bedeutet, dass der Nektar der Gegenwart nicht ausgekostet wird, weil wir zu viel Energie aufbringen damit, die Zukunft herbeizusehnen?.
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