Sprachkritik "Gutmensch" ist Unwort des Jahres

Sprachwissenschaftler haben "Gutmensch" zum Unwort des Jahres gekürt. Ebenfalls gerügt wurden "Hausaufgaben" im Zusammenhang mit Griechenland und der Begriff "Verschwulung".

"Gutmensch": Unwort des Jahres 2015
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"Gutmensch": Unwort des Jahres 2015


Gutmensch ist das Unwort des Jahres 2015. Das gaben Sprachwissenschaftler in Darmstadt bekannt. Wie es in der Begründung der Jury hieß, sei das Wort zwar schon seit langem in Gebrauch, doch im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema besonders prominent geworden.

"Als 'Gutmenschen' wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen", hieß es weiter. "Mit dem Vorwurf 'Gutmensch', 'Gutbürger' oder 'Gutmenschentum' werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert."

Zudem gerügt wurden die Ausdrücke "Hausaufgaben" und "Verschwulung": Die Jury begründete die Wahl von "Hausaufgaben" damit, dass das Wort in den Diskussionen um den Umgang mit Griechenland in der EU "als breiter politischer Konsensausdruck" genutzt worden sei, um Unzufriedenheit darüber auszudrücken, dass die griechische Regierung Reformen nicht umsetze. "Verschwulung" zitiert einen Buchtitel von Akif Pirinçci, mit dem der umstrittene Autor eine "Verweichlichung der Männer" gemeint habe - auf diffamierende Weise gegenüber Homosexuellen.

Flüchtlinge sind das bestimmende Thema des Jahres

Mit der Wahl des Unwortes des Jahres wollen die Wissenschaftler das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern, wie es auf der Webseite der Aktion heißt. Das Unwort des Jahres solle "den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch" lenken. Mehr als 1600 Einsendungen mit über 600 Vorschlägen waren eingegangen. Das Wort "Gutmensch" wurde am dritthäufigsten eingesendet.

Die Unwort-Jury setzt sich aus vier Sprachforschern und einem Journalisten zusammen. Zudem beruft sie im jährlichen Wechsel ein weiteres Mitglied aus dem Kultur- und Medienbetrieb. In diesem Jahr stimmte der Kabarettist Georg Schramm mit ab.

Im vergangenen Jahr hatte die Jury "Lügenpresse" zum Unwort des Jahres gekürt; einen Begriff, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstand und in jüngster Vergangenheit vor allem von "Pegida"-Anhängern skandiert wurde. 2013 entschieden sich die Sprachkritiker für "Sozialtourismus", 2012 für "Opfer-Abo". Die Unwort-Aktion gibt es seit 1991.

Neben dem Unwort des Jahres gibt es auch das Wort des Jahres: Dieser Begriff wird unabhängig von der sprachkritischen Jury in Darmstadt von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden gewählt. 2015 entschied diese sich für den Begriff "Flüchtlinge". Diese Bezeichnung sei im deutschen Wortschatz stark verankert, hieß es in der Begründung.

skr/dpa/afp



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sagichned 12.01.2016
1.
Schade, ich habe auf "moderat" gesetzt.
jujo 12.01.2016
2. ...
Da kann sich der "Schlechtmensch" bestätigt fühlen.
fh6991 12.01.2016
3.
Herzlichen Glückwunsch!
Kinkerlitzchen 12.01.2016
4. Danke
Das wurde auch Zeit. Wobei's natürlich auch ein guter Idioten-Indikator ist.
lynx2 12.01.2016
5. 'Wissenschaftler' sollen das sein?
Das sind Medien-Fuzzies und Wichtigmacher. Die meisten Unwörter sind uralt, auch Gutmensch. Fast alle sind ausgeleierte Worthülsen, oft dem Politiker-, Manager- und Medien-Sprech entnommen, wie z.B. nachhaltig, zeitnah, umsetzen, Willkommenskultur. Das größte Unwort des Jahres ist das Unwort selbst.
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