Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Guttenbergs Abgang: Narziss und Volksmund

 Von

Der Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs wird in Trauerworte gehüllt, als sei der Verteidigungsminister von seinen Kritikern in den Suizid getrieben worden. Es ist der vorläufig letzte Höhepunkt einer abgeschmackten Soap-Opera. Und die zweite Staffel ist bereits in Arbeit.

DPA

Wo waren Sie, als Sie vom Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs erfuhren? Bei der Arbeit? Im Auto? Unter der Dusche? Werden Sie Ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Sie seine Stimme ein letztes Mal in Amt und Würden vernommen haben, live übertragen per Mobiltelefon eines n-tv-Reporters, wie den letzten Funkspruch eines Kriegshelden im Einsatz, dessen Abschiedsworte in auswegloser Lage verrauscht über den Volksempfänger an die Ohren seiner Getreuen klingen?

In diesen Tagen wird eine Legende gestrickt: Die Legende des zu Unrecht zu Fall gebrachten Lieblings aller Deutschen, hinterrücks gemeuchelt von einer Meute aus linken Journalisten und ehrpusseligen Intellektuellen. Man hat ihn gejagt, ja gehetzt. Man hat ihm keine Ruhe mehr gelassen für sein wichtiges Amt. Man hat den Einzigen vertrieben, der in der Politik für Werte stand, Werte wie Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Anstand. Die Meute hat gesiegt, gegen den Willen des Volkes. Aber wartet nur! Einer wie er lässt sich nicht so einfach vertreiben. Jetzt liegt er, aber der Doktor der Herzen wird wieder aufstehen. Karl-Theodor zu Guttenberg wird wieder zurückkommen.

Das eitle Spiel mit dem Tod

Eine erstaunliche Rhetorik begleitet den Rücktritt des Verteidigungsministers. Denn Karl-Theodor zu Guttenberg erfreut sich, nichts anderes ist bekannt, nach wie vor bester Gesundheit. Und doch wird über ihn gesprochen und berichtet, als sei er verstorben. In den Suizid getrieben von seinen geifernden Kritikern. Und die, das ist die Botschaft, sollen sich was schämen.

Mit brüchiger Stimme etwa bedauert Horst Seehofer den Rückzug seines erfolgreichen Parteifreundes: "Ich bin, wie die ganze CSU, sehr betroffen und erschüttert." Und Kanzlerin Angela Merkel lässt in ihrem Statement zum Rücktritt keinen Zweifel daran, dass die Frage nach der Nachfolge im Amt des Verteidigungsministers zutiefst pietätlos wäre: "Heute ist nicht die Stunde, über einen Nachfolger zu reden." Nein, denn zunächst muss der allzu früh von ihr Gegangene betrauert werden. Die ganzseitige Aufmachung der Guttenberg-freundlichen "Bild" mit seinen letzten Worten schließlich wirkt, als sei ein jugendlicher US-Präsident ermordet worden.

Es ist das vorerst letzte Kapitel einer abgeschmackten Inszenierung.

Die Vorlage dazu hat Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Abschiedsrede gegeben. Darin spricht er von "höchsten Ansprüchen", die er selbst an seine "Verantwortung" anlege, und denen er nun nicht mehr nachkommen kann - und meint damit nicht etwa seine Verfehlungen, sondern den Umstand, dass die fortgesetzte Kritik an seiner Person ihn so störend von seinen Aufgaben ablenkt - Aufgaben, die ihm "engstens ans Herz gewachsen" seien. Ganz so, als habe er das Ministeramt nicht verliehen bekommen, sondern sei mit ihm natürlich verbunden, als sei mit seiner Trennung vom Amt ein körperlicher Schaden verbunden. So redet ein Narziss, einer, der nichts eingesehen hat, der gekränkt ist, beleidigt, weil man ihn zum "schmerzlichsten Schritt" seines Lebens gedrängt hat - die anderen werden schon sehen, wie schmerzlich es dann für sie sein wird, wenn er nicht mehr da ist.

Er kritisiert die Medien, die sich ja nur noch um ihn gekümmert hätten, und nicht um die toten und verwundeten Soldaten in Afghanistan - als ob die Medien seine Doktorarbeit gefälscht hätten und nicht er selbst. Als ob ihn die Medien zu seinen PR-Auftritten im Kriegsgebiet gezwungen hätten, mit Sonnenbrille, mit Gattin, ganz gegen seinen Willen. Als ob nicht jeder Versuch, sich hinter toten und verletzten Soldaten zu verschanzen, um von den eigenen Fehltritten abzulenken, schlicht abstoßend gewesen wäre.

Am Ende der Höhepunkt - doch Fortsetzung folgt

Warum hat zu Guttenberg so lange gebraucht, sich zum Rücktritt durchzuringen? Weil er sich für unersetzlich hielt. Nur er konnte die toten Soldaten in Würde zu Grabe tragen. Nur er konnte "das Haus bestellen", damit die Bundeswehrreform gelingt. Ob das stimmt, wird sich noch zeigen.

Dann spricht der Minister seinen Abschiedssatz, den er, typisch für ihn, schon vorher als "ungewöhnlich für einen Politiker" bewertet: "Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht." Dann wendet er sich schnell ab, geht eine Treppe hinauf. Der Höhepunkt der Dramatik ist erreicht. Die "Bild"-Sonderberichterstattung direkt vom Ort des Rücktritts lässt das Schlimmste befürchten: "Viele haben Tränen in den Augen. Dann hören die Journalisten oben eine Tür ins Schloss fallen." Er wird sich doch nichts antun?

Angestrengt wird gelauscht. Zum Glück fällt kein Schuss.

Damit ist das Ende einer Schmierenkomödie erreicht, wie sie selten auf der politischen Bühne dieses Landes aufgeführt wurde. Doch zu schön ist der Cliffhanger: Wie geht es jetzt weiter mit dem gefallenen Helden? Das Publikum ist gespannt. Auf Facebook fordern Hunderttausende eine Fortsetzung, sie wollen am Samstag sogar dafür auf die Straße gehen. Sein Bundestagsmandat hat zu Guttenberg entgegen seiner Ankündigung bisher nicht zurück gegeben. Vielleicht überlegt er es sich doch noch einmal anders. Seine Parteifreunde drängen ihn, in der Politik zu bleiben. Die zweite Staffel der Guttenberg-Saga wird nicht lange auf sich warten lassen.

Es wird schon eifrig daran geschrieben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 676 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Eine Zukunft mit Guttenberg.......
fredibey 02.03.2011
Die Lösung: Guttenberg wird Nachfolger von Gottschalk bei "Wetten das". Seine reizende Gattin ersetzt die Hunzinger. Damit wäre doch allen gedient.
2. Bravo
phboerker 02.03.2011
Erstklassiger Kommentar!
3. Wird
harrold, 02.03.2011
Zitat von fredibeyDie Lösung: Guttenberg wird Nachfolger von Gottschalk bei "Wetten das". Seine reizende Gattin ersetzt die Hunzinger. Damit wäre doch allen gedient.
Er könnte viel tun. Er könnte auch eine Stiftung gründen und Stiftungspräsident werden. Er könnte auch eine private, transatlantische Denkfabrik gründen und Stipendien an Studenten vergeben. Im 19. Jahrhundert gab es viele, die irgendetwas gemacht haben (v. Bodelschwingh, Schweitzer, Zeppelin, Carl Benz).
4. gegner
lebenslang 02.03.2011
ich glaube niemand kann über die tatsache hinwegsehen, dass die opposition ein politisches interesse daran hatte, den mit abstand beliebtesten deutschen politiker, zumal regierungsmitglied, kalt zu stellen. fachlich war da nichts zu machen, ernst zu nehmende fehler als verteidungsminister waren ihm nicht nachzuweisen. die plagiatsvorwürfe waren ein gefundenes fressen für die opposition, man hat sich, politisch durchaus richtig kalkuliert, als bannerträger von anstand und moral inszeniert, hat den robespierre der spd, herrn lauterbach eine unverschämte rede im bundestag halten lassen (jeder auf frischer tat ertappte mörder wird bis zu seiner verurteilung mit einem respektvollen "mutmaßlich" bedacht) und genussvoll die öffentliche hinrichtung betrieben. um keine missverständnisse aufkommen zu lassen, das ist normales politisches geschäft einen hoffnungträger der gegenpartei politisch erledigen zu wollen, in diesem falle mit einem sehr respektablem ergebnis, der verteidigungsminister ist über etwas gefallen das vor seiner amtszeit lag, das gelingt nicht häufig. allerdings soll man sich jetzt nicht weiter in der rolle der bannerträger von anstand und moral suhlen, das ist unwürdig und pure heuchelei. man hat den politischen gegner erfolgreich kaltgestellt, das sollte genügen.
5. Bitte nicht...
gurkensalat32 02.03.2011
Das Szenario das Ulrich Deppendorf gestern in der Tagesschau entwickelte, KTzG könne in Bälde wieder mit einer neu gegründeten rechtspopulistischen Partei auf der Bildfläche erscheinen (Bild und Kerner natürlich im Gepäck)und sein Rattenfängertum vollenden, jagt mir wirklich sehr sehr ungemütliche Schauer übers Rückgrat
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Plagiat-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...

"Eine Riesenblamage für die Kanzlerin"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: