Guttenbergs Halbwissen Das politische Zootier

Da isser wieder, seelisch gestärkt, frisch frisiert - und dennoch ganz der Alte: In einem Interview mit der "Zeit" gibt sich der überführte Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg geläutert. Trotzdem kann er es sich nicht verkneifen, mit seinem Halbwissen zu blenden. Mal wieder.

dapd

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Fast könnte er einem leidtun, der Herr zu Guttenberg, nach der Lektüre seines Interviews mit Giovanni di Lorenzo in der "Zeit": Einen "ungeheuerlichen Fehler" habe er mit den Abschreibereien in seiner Doktorarbeit begangen, und als er sich vor dem Bundestag erklären musste, da sei das "einer der erniedrigendsten und bittersten Momente" seines Lebens gewesen. "Schwer gezeichnet" sei er von den heftigen Auseinandersetzungen um seine Person.

Fast ist man schon ein wenig versöhnt mit dem ehemaligen Verteidigungsminister, wenn er von seinen Seelenqualen und durchaus selbstironisch auch von der eigenen Eitelkeit und Selbstüberschätzung spricht. Und dann, im letzten Teil des Gesprächs - es geht um Guttenbergs Ambitionen, vielleicht irgendwann in die Politik zurückzukehren - fallen diese Sätze: "Ob eine Rückkehr mit einem politischen Engagement welcher Art auch immer verbunden sein wird, ist heute gänzlich offen. Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage."

Und da ist es wieder, das alte Guttenberg-Gefühl, sofort weiß man, was einen stets gestört hat an diesem Politiker, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten: Zunächst dieses manierierte "gänzlich", diese gestelzte Ausdrucksweise, diese Guttenberg eigene Art, Banalitäten mit großer Geste auszusprechen. Und dann, man kann es einfach nicht übersehen, die Erwähnung des "Zoon politikon", dieses demonstrative Ausstellen der eigenen Belesenheit und Bildung. Und weil man es selbst nicht genau weiß, aber ahnt, dass da etwas faul sein könnte, schaut man nach. Und muss feststellen: Guttenberg ist sich treu geblieben. Er blendet mal wieder mit Kenntnissen, die er offenbar nicht besitzt.

Denn, so lehrt uns ein schneller Klick auf Wikipedia: Der Begriff "Zoon politikon, (griech. 'Lebewesen in der Polisgemeinschaft'; die geläufige Übersetzung 'politisches Lebewesen' trifft nicht den Sinn) ist eine auf den antiken griechischen Philosophen Aristoteles zurückgehende Wesensbestimmung des Menschen." Der Mensch, steht hier weiter, sei nach Aristoteles "ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen". So sind wir demnach alle ein "Zoon politikon", Sie, ich, Hape Kerkeling, Justin Bieber und Cindy aus Marzahn, ganz unabhängig von politischem Engagement, Parteizugehörigkeit oder Griechischkenntnissen. Und zwar gänzlich.

Da stimmt doch was nicht. Schon wieder.

Man muss das nicht wissen. Aber wenn man es nicht weiß, sollte man vielleicht nicht so tun, als wüsste man's, jedenfalls nicht als einer, der gerade jeden Verdacht zerstreuen will, er sei nicht mehr als ein selbstverliebter Poser.

Und weil dieses Gefühl wieder da ist, und von Guttenberg auch noch erneut genährt wurde, springt man doch noch mal zurück in diesem Interview, zu der Stelle, an der di Lorenzo Guttenberg auf seine wundersam verschwundene Brille anspricht, und dieser die großartige Geschichte von der "reizenden indischen Ärztin in den USA" erzählt, die ihm vollkommen überraschend attestiert habe, er brauche eigentlich gar keine Brille.

Wann, sagt Guttenberg gleich, habe er begonnen, eine Brille zu tragen? "Erst seit sieben oder acht Jahren". Und wann ist der junge Herr zu Guttenberg in die Politik gegangen? Etwa 2002.

Könnte es sein, dass Guttenberg, damals in Vorbereitung auf seine große Rolle als politisches Zootier, sich selbst eine Brille verpasst hat, die er allein aus dem Grund gebraucht hat, seriöser wahrgenommen zu werden, als er war und ist?

Ein ungeheuerlicher Verdacht. Und zum Glück völlig irrelevant. Jedenfalls bis sich Guttenberg entschließt, doch in die Politik zurückzukehren. Und dieser Zeitpunkt wird kommen, das ist gewiss: Die nötige Gravitas hat er ja jetzt.

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insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
Pepito_Sbazzagutti 24.11.2011
1. Verzeihung
"Fast ist man schon ein wenig versöhnt mit dem ehemaligen Verteidigungsminister...." Ich ziehe meine Progose von gestern zurück: Es wird nicht mal bis zur nächsten Wahl dauern, bis wir den "Hoffnungsträger" (O-Ton RTL heute Mittag) wieder am Hacken haben.
favela lynch 24.11.2011
2. Für Unheilbare gibt es keine Rehab
Nicht einmal die Rehab klappt. Und eigentlich müsste der Interviewer genau das tun, was in diesem Artikel geling: entlarven. Aber Herr di Lorenzo ist selbst nichts anderes. An holländischer Holzschuhtanz ist verglichen mit dieser Posse ein unerreichtes Beispiel an Eleganz und Eloquenz. Plumper geht es wahrlich nicht mehr - als so. Und dies alimentiert von einer durchaus angesehen Wochenzeitschrift. Für Unheilbare gibt es offensichtlich keine Rehab.
KarlKäfer, 24.11.2011
3. ....
Hervorragender Artikel !
nahal, 24.11.2011
4. Toll
Zitat von sysopDa isser wieder, seelisch gestärkt, frisch frisiert - und dennoch ganz der Alte: In einem*Interview mit der "Zeit" gibt sich der überführte Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg geläutert. Trotzdem kann er es sich nicht verkneifen, mit seinem Halbwissen zu blenden. Mal wieder. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,799706,00.html
Toll. Innerhlab 2-3 Tagen den X-ten Artikel und Forumsstrang über Guttenberg. Besser hätte es kein Medienmanager einfädeln können.
Zwergnase, 24.11.2011
5. -
Ich finde, Guttenberg passt zu unserem Volk.
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