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Rassismusvorwurf

H&M braucht keine Hobbyanwälte

Ist eine H&M-Kampagne rassistisch oder nicht? Viele fühlen sich berufen, über diese Frage zu streiten. Dabei ist es ganz einfach, schreibt der Rapper Megaloh in einem Gastkommentar: Die Betroffenen entscheiden selbst.

DPA

H&M-Logo

Freitag, 12.01.2018   14:52 Uhr

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Wer hätte gedacht, dass die H&M-Debatte zu solch einem Thema wird? Es geht um das Bild aus der Kinderkollektion von H&M, in dem ein kleiner schwarzer Junge einen grünen Pullover trägt mit der Aufschrift "Coolest Monkey in the Jungle" (zu Deutsch "Der coolste Affe im Dschungel"). So ziemlich überall war darüber zu lesen, und jeder scheint zu dem Thema öffentlich seine Meinung abgeben zu wollen.

Es haben sich zwei Lager gebildet. Die einen finden es absolut daneben, ein solches Bild zu veröffentlichen, weil es aus ihrer Sicht eine rassistische Diffamierung schwarzer Menschen ist - hervorgerufen durch Assoziationen, die bis in die Kolonialzeit zurückgehen. Aus diesem Grund haben unter anderem prominente schwarze Menschen schon dagegen protestiert, der Popstar "The Weekend" sogar seine Zusammenarbeit mit H&M beendet.

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Das andere Lager sieht großenteils nichts Rassistisches an dem Bild. Der Rassismus würde nur durch den Rassismusvorwurf selbst entstehen. Die Eltern hätten ja zugestimmt, ihren Jungen so ablichten zu lassen, also stünde es niemand anderem zu, damit ein Problem zu haben. Ein so großer und erfolgreicher Konzern würde außerdem ja wohl wissen, was er da tut, und sicherlich nie etwas Rassistisches verbreiten. Eine gängige Argumentationsweise stellt die Frage: Was wäre denn, wenn ein Weißer den Pullover tragen würde?

In derselben Kollektion gibt es auch ein Bild eines weißen Jungen. Auf seinem orangefarbenen Pullover steht: "Mangrove Jungle Survival Expert" (zu Deutsch "Mangroven Dschungel Überlebensexperte").

Stereotype aus dem Kolonialismus

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Die beiden Bilder passen in ein jahrhundertelang propagiertes Bild: Auf der eine Seite die "weiße Rasse", die sich durch ihre vermeintlich natürliche Überlegenheit zum Herrn über den Dschungel aufschwingt, auf der anderen Seite die "primitiven und wilden Schwarzen", die nur mit Tieren, am ehesten mit Affen, verglichen werden.

Wenn man sich mit der Geschichte von Rassismus gegenüber dunkelhäutigen Menschen auseinandersetzt (was man tun sollte, um bei diesem Thema und der eigenen Meinungsbildung ausreichend informiert zu sein), wird das schnell klar. Dieses Bild wurde immer wieder reproduziert, von der Literatur (zum Beispiel "Tarzan") bis zu pseudowissenschaftlichen Abhandlungen sogenannter "Rassentheoretiker", die zum Teil bis heute in Gesellschaft und Politik fortwirken - wie Äußerungen rechtspopulistischer Politiker und ihrer Anhänger immer öfter zeigen.

Twitter/ @NerdAboutTown

H&M Werbung/ Rassismus

Solche Bilder und Abhandlungen dienten früher zur Rechtfertigung grausamster Handlungen im Zuge der kolonialen Ausbeutung Afrikas. Über Jahrhunderte wurden die Menschen Afrikas beraubt, misshandelt, versklavt, gefoltert, verstümmelt und getötet. Und die Bevölkerung Europas hat sich nicht daran gestört. Es waren ja schließlich "nur" Angehörige einer unterlegenen "Rasse", was ja "wissenschaftlich" bewiesen worden war. Deshalb konnten schwarze Menschen vielerorts in Europa in Zoo und Zirkus zur Schau gestellt werden. Diese "Völkerschauen" waren bis in die Mitte des 20. Jahrhundert in Deutschland noch gängige Praxis.

Die Nachwirkungen davon sind heute noch spürbar, wenn zum Beispiel in Fußballstadien dunkelhäutige Fußballspieler wie Boateng mit Affenlauten vom Publikum begrüßt oder mit Bananenschalen beworfen werden.

Das (nicht nur subjektive) Gefühl der Betroffenen

Was bedeutet dieses koloniale Erbe vor dem Hintergrund der H&M-Kampagne? Es spielt keine Rolle, ob das Unternehmen rassistische Intentionen hatte oder ob bloß die erforderliche kulturelle Aufgeklärtheit und das Feingefühl fehlten. Gefühl und praktische Erfahrungen mit rassistischer Diffamierung betreffen nämlich nicht nur den Jungen und seine Familie, sondern alle Schwarzen.

H&M braucht auch keine Hobbyanwälte aus der breiten Bevölkerung. Bei dem Thema zählen allein die Betroffenen - also die dunkelhäutigen Menschen, die sich durch das Bild und die bei ihnen hervorgerufene Assoziation herabgewürdigt fühlen. Es gibt also keinen Grund, betroffenen Menschen ihre (auf Erfahrungen beruhende) Betroffenheit abzusprechen.

Nur indem man die Deutungshoheit der Ereignisse den Betroffenen selbst überlässt und ihre Sicht akzeptiert, kann vergangenes Unrecht anerkannt und in der Folge aufgearbeitet werden. Ein Aberkennen und Leugnen dieser Sicht führt nur zu Reproduktion und Fortbestand von Diskriminierung.

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