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Haltestellen-Architektur: Hoffentlich kommt der Bus zu spät

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Schöner Warten: Ein Dorf in Österreich hat internationale Architekten darum gebeten, neue Bushaltestellen-Häuschen zu bauen - und das Ergebnis ist speziell. In dem einen "Wartehüsle" stehen Holzsessel wie vom Bauern nebenan, das andere wird ein echter Turm, das nächste eine Bretterbude.

Auf der Reiseliste für Architekturbegeisterte wird demnächst ein Ort namens Krumbach stehen. Krumbach ist eine Gemeinde im österreichischem Bundesland Vorarlberg mit knapp tausend Einwohnern, in der gerade sieben internationale Architekturbüros sieben "Wartehüsle" bauen - ein Projekt, das offiziell "Bus:Stop" heißt. Und das erste der sieben Haltestellenhäuschen steht nun.

Man könnte sagen, dass Krumbach damit so etwas wie ein Gegenentwurf zur grassierenden Großmannssucht-Architektur vorführt: Bushaltestelle versus Flughafen/Bahnhof also. Das Projekt widmet sich mit viel Enthusiasmus den scheinbar simplen Alltagsnutzbauten, mit deren meist phantasieloser Gestaltung wir uns längst abgefunden haben.

Die Idee dazu kam vom Verein "Kultur Krumbach", der Dietmar Steiner, den Leiter des Architekturzentrums Wien, um Kontakte zu sogenannten Stararchitekten bat: Wartehäuser am gut ausgebauten Landbus-System, das täglich bis Mitternacht die Dörfer untereinander und mit der Stadt Bregenz verbindet, sollten errichtet werden.

Nach langem Zögern stellte Steiner seine Bedingung: "Keine Stararchitekten, sondern kleine Büros mit skulpturalem Interesse." Festgelegt wurde außerdem: für die Architekten kein Honorar, sondern eine Woche Urlaub in der Gegend. Das Projekt sollte ehrenamtlich betreut, Arbeit und Material gespendet, den Architekten lokale Handwerker und regionale Architekten als Partner zur Seite gestellt werden.

Mit bäuerlichen Holzsesseln

Unter diesen Bedingungen lud Steiner sieben internationale Büros ein: Smiljan Radic aus Chile; dvvt - Architecten aus Belgien; Rintala Eggertsson Architects aus Norwegen; Alexander Brodsky aus Russland; Amateur Architecture Studio mit Wang Shu und Lu Wenyu aus China; Ensamble Studio aus Spanien und Sou Fujimoto aus Japan, der den diesjährigen Serpentine Pavillon in London gebaut hat.

"Es war ein Wunder", sagt Steiner, "nach vier Wochen hatten alle Büros zugesagt." Im Frühjahr reisten die Eingeladenen an, um ihre eineinhalb bis zweieinhalb Quadratmeter großen Bauplätze selbst anzusehen. Alle seien "von den traditionellen Handwerksbetrieben, den heimischen Materialien wie Holz und der detailreichen Baukultur" sofort begeistert gewesen, sagt Steiner. Das zeigte sich, als im Juni die Entwürfe eintrafen und viele davon mit Holz und traditionellen Bauweisen des Vorarlbergs zu tun hatten. Im Bregenzer Kunsthaus waren die Entwürfe als große Modelle zu sehen, nun sollen sie bis zum Frühjahr umgesetzt werden.

Fertig und eingeweiht ist bereits der Pavillon des Chilenen Smiljan Radic. Der war schon bei der Einladung von der "verrückten Idee" begeistert gewesen und nahm viele Bücher über die lokale Kultur mit zurück nach Hause. Der erweist er jetzt Reverenz mit seinem "Bus:Stop", indem er die typische niedrige Raumhöhe der Bregenzerwälder Stube und deren Holzkassettendecke in eine Stahl-Glas-Konstruktion mit dunkler Betondecke umsetzt - und in die durchsichtige, ins Freie ausgesetzte Stube zwei bäuerliche Holzsessel stellt. Zur Ablenkung für die Wartenden klebt draußen am Dach ein großes Vogelhaus aus Eiche.

Ganz ohne Holz-Zutat kommt die Wartestation der Belgier dvvt aus. Drei Straßen kommen an ihrem Bauplatz zusammen, und der Wartende muss den ankommenden Bus sehen, um ihm zum Halten zu winken. Die drei Belgier ließen sich von ihrer Reise durch die Alpenpässe und deren geometrischen Gesteinsformationen anregen - so seien die dreidimensionalen Faltungen zu einem "pyramidalen Berg" aus dreieckigen lackierten Stahlflächen entstanden.

Auch Alexander Brodsky, Russe mit internationalem Ruf für seine unkonventionellen Entwürfe zwischen Trash und Tradition, hat sich an der Umgebung seines Bauplatzes orientiert - ein schmuckes, simples Einfamilienhaus, auf das Brodsky mit einem radikal einfachen Turmbau reagiert. Die Öffnungen im unteren Teil des Turmes sind dreiseitig verglast, und wohnlich mit Tisch und Bank möbliert.

Wang Shu aus China, Pritzker-Preisträger 2012, entwarf einen konischen Raum, eine Art Trichter aus Holz, der an eine Camera obscura erinnert und freie Sicht auf Straße und Landschaft gewährt. Und das Madrider Ensamble Studio, das sich immer mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzt, war von den geschichteten Eichenbrettern in ihren Trockenlagern so fasziniert, dass ihr Pavillon nun ausschließlich aus solchen aufgestapelten unbehandelten Brettern entstehen und gleichzeitig ein geschützter als auch offener Raum sein soll.

Aussicht statt Regenschutz

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt der Japaner Sou Fujimoto, dessen Bauten keine Schutzfunktion mehr haben. Ihre Aufgabe sei "der offene Dialog mit der Natur". Das heißt, "dass ihm tradierte Architekturvorstellungen und Witterungsschutz wurscht sind", sagt Steiner. Und das genau zeige sein Entwurf aus "wilden dünnen Stahl- und Holzstangen", in deren offener Struktur Fujimoto eine gewendelte Treppe gepflanzt hat, die eine wunderbare Aussicht bietet. Einen Schutz gewährt dieser "Bus:Stop" nicht, dafür aber "eine neue Dimension der Wahrnehmung von Ort, Raum und Natur", die dem Ort eine "besondere Wertigkeit und Bedeutung" gebe, so Steiner.

Und wie sehen das die Krumbacher? Neugierig und pragmatisch, niemand habe "Das geht nicht!" gesagt. "Innovative Ideen entstehen im Austausch und der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen", hat der Bürgermeister gesagt, man suche "nach Inspirationen und neuen Sichtweisen". Die Krumbacher Kinder haben die schon: "Wir fahren mit dem Landbus in die weite Welt", sangen sie zur Einweihung des ersten Pavillons. Als er das hörte, sagt Kurator Steiner, da seien ihm direkt die Tränen gekommen.


"Bus:Stop" Krumbach.

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1.
niska 14.10.2013
Zitat von sysopEnsamble Studio/ BUS:STOP Krumbach 2013Schöner Warten: Ein Dorf in Österreich hat internationale Architekten darum gebeten, neue Bushaltestellen-Häuschen zu bauen - und das Ergebnis ist speziell. In dem einen "Wartehüsle" stehen Holzsessel wie vom Bauern nebenan, das andere wird ein echter Turm, das nächste eine Bretterbude. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/haltestellen-architektur-in-krumbach-oesterreich-a-927761.html
Ein schönes Projekt und einige interessante Entwürfe.
2.
suedseefrachter 14.10.2013
Zitat von niskaEin schönes Projekt und einige interessante Entwürfe.
Die Wartehäuschen die ich in Österreich kenne sind mit Brandflecken übersät und vollgekritzelt mit obszönitäten von Jugendlichen. Ursprünglich schön geplant, aber daran gescheitert das wohl so einige Österreicher ihre Kinder nicht ordentlich erziehen können. Ansonsten stimme ich dem zu, schönes Projekt. Man kann nur hoffen das es auch gepflegt wird und nicht oben genanntem Beispiel zum Opfer fällt.
3. Crux
feuercaro1 14.10.2013
Leider geben Städte und Gemeinden üblicherweise ein besonderes, inhumanes Kriterium für Wartehäuschen vor: sie dürfen auf keinen Fall Obdachlose dazu einladen, dort zu schlafen. Das Ergebnis sind z.B. in Hamburg Wartehäuschen mit extrem schmalen Sitzbänken, bzw. drei geformten Sitzschalen - damit sich auf keinen Fall dort jemand hinlegen kann. Um nioch einen draufzusetzen, schließen in Hamburg die Seiten- und Hinterwände der Häuschen nicht mit dem Dach ab, sondern sind mit mehreren Zentimetern Abstand eingehängt. Der Erfolg ist bei RFegen und Wind zu besichtigen: Selbst wenn Sie im Wartehäuschen stehen, werden sie noch durchgeweht und im Zweifelfall auch nass. Soviel Kreativität, nur um ein paar arme Menschen vom Schlafen abzuhalten. Dafür müssen dann Hundertausende Buskunden frieren. Dieses Beispiel zeigt, WIE notwendig ein humanes Design ist. Eines, welches den Augen wohl tut, dem Rücken auch (ausreichend große Sitzfläche) und Schutz vor widrigem Wetter bietet. Auch und gerade jemandem, der keine andere Zuflucht mehr hat.
4. Interessantes Projekt
Rickie 14.10.2013
Schön sind sie ja, die Designer-Häuschen. Allerdings, als real existierende ÖPNV-Nutzerin würde ich ausreichende Sitzgelegenheiten, Eignung für ältere Menschen (die Jungen stehen schlimmstenfalls) und Wetterschutz höher bewerten als Design. Da fliegt der eine oder andere Entwurf dann wieder raus. Wie feuercaro1 schreibt, ist das Hauptkriterium der Städte und Gemeinden hingegen meistens Abschreckung von Obdachlosen. Mit den beschriebenen Auswirkungen
5. das warten
flaig.andreas 14.10.2013
fantastische Idee. Das da niemand vorher daran gedacht hat....es hebt das warten, in den aktuell bestehenden Wartehäuschen, in ein ganz anderes Licht. "Hoffentlich kommt der Bus zu spät" besser konnte mans nicht betiteln!
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