Haltung bewahren! Plädoyer für die Empörung

Was beschert uns das neue Jahr? Vernunft, Pragmatismus, Sachzwänge. Wer das nicht einsehen will, hat Pech. Oder genügend Mut, ein paar in Verruf geratene Begriffe hoch zu halten. Wie Reinhard Mohr, der heute unsere kleine Essay-Reihe eröffnet - mit echter Empörung!


Berlin - Der Zustand dauert schon eine ganze Weile an. Vielen, vor allem den heute 30-Jährigen, wird er allerdings gar nicht besonders aufgefallen sein. Kein Wunder, gehören sie doch selbst, als Protagonisten der Globalisierungsära, zum Phänomen der Zeit. Und die sagt: Empörung ist out, Attac hin, Antifa-Demo her.

Altbundeskanzler Kohl im Eierhagel (Mai 1991, Halle): Empörende Szene - allerdings schon lange her
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Altbundeskanzler Kohl im Eierhagel (Mai 1991, Halle): Empörende Szene - allerdings schon lange her

Organisierter Protest, gar "kollektiver Widerstand" ist uncool geworden, Gesellschaftskritik schon als Begriff verpönt, ein beinah peinliches Fremdwort aus antiker Vorzeit. Nur noch kleine Zirkel beschäftigen sich damit. Hin und wieder, meist zur Weihnachtszeit oder nach besonders verabscheuungswürdigen Verbrechen an Kindern, wogt für kurze Zeit eine emotionale Debatte über die "Grundwerte unserer Gesellschaft", und das war es dann. Bis zur nächsten Silvesteransprache.

Die berüchtigten 68er, mit dem Ende von Rot-Grün auch offiziell abgetreten, gelten als die Prontosaurier jener Epoche, in der alles noch grundsätzlich in Frage gestellt und "durchdiskutiert" wurde, sei es der "Spätkapitalismus", die Solidarität mit Nicaragua, die "Funktion der bürgerlichen Presse" oder der Putzplan in der Wohngemeinschaft.

Längst zum klischeehaften Comicstrip erstarrt erinnert diese ferne Zeit Mitte der siebziger Jahre gleichwohl daran, wie selbstverständlich die Dinge heutzutage hingenommen werden. Bei allem Streit im Einzelnen, trotz Kritik und Missmut allenthalben - man fügt sich und bemüht sich. Bloß nicht den Anschluss verlieren. Wer den Zug der Zeit verpasst, muss schauen, wo er bleibt. Ganz allein, ob angestellt oder arbeitslos, als Ich-AG oder mit heimlichem Masterplan in der coolen Sakkotasche.

Rage und Gage

Aber Mensch bleibt er eben doch. Und der regt sich auf, solange er lebt. Wenn er Deutscher ist, jammert und klagt er schon von Berufs wegen ausdauernd und inbrünstig. Ein Anlass findet sich jeden Tag im Kleinen wie im Großen, und die fortgeschrittene Mediengesellschaft perfektioniert die Jammer-, Klage- und Empörungskultur in bewundernswerter Weise. Ob Gammelfleisch oder Schröders neuer Russenjob, ob Hartz IV oder "Benzinwut", Feinstaubalarm, Visa-Skandal oder die Sexabenteuer von VW-Managern - die Erregungsmaschine der Massenmedien funktioniert.

Kurze Zeit später ist dann alles wieder vergessen. Wut und Empörung fallen in sich zusammen wie ein angestochenes Soufflé, auch wenn die Metapher beim Gammelfleisch-Skandal problematisch ist. Doch gerade hier zeigten sich deutliche Abstumpfungserscheinungen schon während der allgemeinen Aufregung: Die passionierten Fleischesser ließen sich auch von tonnenweise sichergestelltem "Ekelfleisch" mit Gefrierbrand nicht den Appetit verderben.

Womöglich ahnten sie, dass es nur eine Frage von Tagen sein konnte, bis Greenpeace (oder "Ökotest") herausfinden würde, dass selbst Obst und Gemüse keineswegs unbedenklich, sondern, ganz im Gegenteil, mit jeder Menge Pflanzenschutzmittelrückständen belastet sind. Das wenigstens kann man einer gestandenen Currywurst oder einem zünftigen bayerischen Fleischpfanzerl nicht vorhalten. Aber auch Lebkuchen, Gummibärchen, Shrimps, Tee und Glühwein bieten immer wieder Anlass zur Sorge. So jagt eine Empörung die nächste, ein Skandal den anderen.

In den Nachrichten, Talkshows und Sonder-, Spezial-, Brennpunktsendungen des Fernsehens äußern sich dazu passend die Empörungsbeauftragten und Experten aller Sparten in routinierter Ernsthaftigkeit. Sie sind Delegierte der Volkswut und artikulieren den populären Zorn in professionell dosierter Weise. Manchmal haben sie sogar Vorschläge zur Abhilfe. Meistens werden Kommissionen gebildet und Gutachten vergeben. Dann hört man eine Weile nichts mehr, bis irgendwann neue Vorschriften, Ausführungsverordnungen, Grenzwerte oder Gesetze erlassen werden.

In der Zwischenzeit ist man allerdings schon längst bei Desirée Nicks Zickenalarm im Dschungelcamp oder wichtigen Anzugträgern, die mit Privatflugzeugen, Champagner und Großpackungen Viagra durch die Welt jetten, um sich von Prostituierten verwöhnen zu lassen, während die Arbeitskollegen am Band das Geld fürs Vergnügen der Topmanager beischaffen.

In Skandalgewittern

Empörung ist eine verderbliche Ware geworden, ebenso inszenierbar wie konsumierbar. Sie kennt keine Metaphysik mehr, weder Theorie noch Telos, weder Bewegung noch Ziel. Sie hat buchstäblich keinen Sinn. Denn sind wir ehrlich: Eigentlich regt man sich über nichts mehr wirklich auf. Wir sind längst post-post-postmodern geworden. Wir sind Papst. Wir sind Deutschland. Wir schlucken alles. Wir nehmen es mit Ironie. Der Rest sind Verpuffungen, die aus den Überdruckventilen strömen, Ressentiments, Schuldzuweisungen, Verschwörungstheorien. Da ist man sozusagen reflexiv gefedert und total abgeklärt, zynisch abgehangen und skandalgehärtet wie keine Generation zuvor.

Selbst die dramatischsten und absurdesten Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung nimmt man überwiegend spielerisch und sportiv. Hier und da ein Kopfschütteln, das war's. Echte Empörung dagegen setzt Maßstäbe voraus und stört schon mal die laufenden Geschäfte. Doch das deutsche Dauergejammer über alles und jedes, die preiswerte Gefühlsaufwallung für zwischendurch, aber auch die diffus lastende Dauertaubheit gegenüber den nervenden Zeitläuften - all das ist wahrscheinlich nur die Kehrseite einer unendlichen Toleranz, die an Gleichgültigkeit heranreicht.

Der jederzeit abrufbaren, zuweilen nur gespielten Kurzzeit-Empörung mangelt die Perspektive, die Transzendenz, der Horizont einer Alternative. Die Empörung verweist orientierungslos nur auf sich selber. Ein wegweisendes Engagement fehlt, die revolutionäre Essenz der Empörung, der Wille zur Veränderung. Es ist offensichtlich: Wir leiden an einem gesellschaftlichen Permafrost, an einer resignativen Dauerunterkühlung.

Sie wird durch die hitzige Pseudoeruptionen nur kontrastiert und hervorgehoben. So hat auch die Lust am Streit der Argumente nachgelassen. In den Talkshows dominiert die Ich-Darstellung. Egomanie statt Diskurs. Selbst die Wirtschaftsseiten der großen Tageszeitungen sind inzwischen interessanter als die Feuilletons, in denen allenfalls noch folgenlose Heuschreckendebatten toben.

Wer sich empört, stört

Alles in allem sind durchaus Symptome einer Depression erkennbar. Diese Depression fußt freilich auf einem materiellen Reichtum der Gesellschaft, der anderswo in der Welt zu ekstatischen Glücksbekundungen führen würde. Aber das ist es ja: Wir sind eben auch gekauft und gehemmt, korrupt, faul und feige. Denkfaulheit und Opportunismus tarnen sich zu oft als scheinbar alternativloser Pragmatismus. Schon beim Denken und Meinungsäußern geht man lieber kein Risiko ein. Man hat ja etwas zu verlieren.

Was aber zu gewinnen wäre, liegt im Nebel der Ungewissheit, im Dunst einer diffusen Ängstlichkeit. Genau an dieser Stelle befand sich früher einmal das Reich der Imagination, das Universum der Möglichkeiten: Unter dem Pflaster der Strand ...

Bei aller Kritik am untergegangenen Brontosaurus achtundsechzigiensis: Inzwischen haben wir fast vergessen, dass in glücklichen Augenblicken der Geschichte die Empörung über ungerechte und unhaltbare Zustände der Vernunft auf die Beine helfen kann, jener Vernunft, die die Freiheit des Denkens braucht wie die Luft zum Atmen.



insgesamt 42 Beiträge
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Mischa Dreesbach, 27.12.2005
1.
Ich bewahre - hoffentlich - stets empört Haltung. :)
Andreasdoser, 27.12.2005
2. Empörung braucht das Land! Und mündige BürgerInnen
Ich persönich halte mich an maßlose Empörung; die Hoffnung auf eine neue gesellschaftliche "Empörungsbewegung" scheint aber utopisch; sind wir doch alle zugemüllt von den Medien und der Propanda der bürgerlichen Presse, die durch und durch neoliberale Tendenzen vertritt (wie war das mit den Kirchhof-Zahlen Herr Aust, musste nicht erst attac nachrechnen, dass es falsche Zahlen sind, mit denen die Union spielt und hat der spiegel, diese nicht einfach ungeprüft veröffentlicht?). Medienmanipulation lähmt die allgemeine Empörung, die nur zyklisch aufkocht. Wobei auch bei den Linken eine gewisse Litargie eingerissen ist: werden doch Montagsdemos zum Klassenkampf erklärt...Traurige Zeiten, wenn das schon der Ausdruck von Klassenkampf ist. Generell sind wir in ein System des Passivs gedrängt. Alleine der Ausdruck "die da Oben", wenn die Politik oder die Wirtschaft gemeint ist, zeigt doch wie sehr die Menschen ihre Selbstbestimmung verloren haben und wie sehr sie sich selbst in einem Kastenwesen hineindenken, das von der Gesellschaft so ohne Weiteres akzeptiert wird. Aus diesem Grund empört euch, geht auf die Straße, seid laut und macht euch Gedanken, an Stelle einer Manipulation durch Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft!
Rainer Helmbrecht 27.12.2005
3.
---Zitat von sysop--- Wie sehen Sie es: Stets Flagge zeigen und sich empören oder kühl bleiben? ---Zitatende--- Kinder sind so nette Menschen, wo kommem eigentlich diese besch... Erwachsenen her?;O). Wenn man nicht aus Stein ist, verändert man sich eben. Schließlich gehört es zum Leben alles auf zu nehmen und in den Schatz seiner Erfahrungen ein zu ordnen. Wenn man ein ganz junger Welpe ist, reagiert man sehr aus dem Handgelenk. Man geht nach dem Gefühl und handelt nach dem "Wissen", alle sagen die Wahrheit. Nach einiger Zeit weiß man um diese Fehler und schafft sich Richtungspfeile an, gesteuert von den Mißerfolgen spontanen Handelns. Danach merkt man, dass nicht alle aus Gemeinheit lügen. Es gibt die Lüge und es gibt die persönliche Meinung, die nicht als Lüge gemeint ist, nur es ist nicht die Wahrheit. Vielleicht stellt sie sich später, nach dem man weiß was wahr ist, sogar als richtig heraus. Daraus ergibt sich, dass man mit Verzögerung auch noch eine gute Meinung vertreten kann. Aber dieses Gefühl, wenn man jemanden geglaubt hat, nur weil man ihm vertraute, kann man nur spontan erreichen. So habe ich mich entschieden, alles für möglich zu halten, das mit meinem Gefühl zu mischen und hoffen mich weder zu irren, noch meine Freunde zu enttäuschen und vor allem, verlässlich zu bleiben. Dieser Erfolg stellt sich allerdings nur mit (viel) Glück ein.
Zyme, 27.12.2005
4. Ist schon in Ordnung so
In Zeiten erhöhter Reformbedürftigkeit kann nichts mehr hindern, als empörte Hitzewallungen vonseiten materialistischer Besitzstandswahrer. Wir sind eben nach der 68iger Generation wieder auf dem Weg zurück zum deutschen Urtypus: Biedermeierlich auf das eigene Glück und das der Familie sowie der engen Freunde fixiert, zeigen wir für die große Politik allein ein beobachtendes (aber eben kein mitgestaltendes) Interesse. -> "Die werden es schon richten!" Eine aufwieglerische Generation war genau eine zuviel, nun kann die Politik dem Volke gegenüber endlich wieder an einem Strang ziehen. Niemand wird behaupten, dass die Hinnahme-Mentalität und Ergebenheit einer Bevölkerung immer für die rechten Zwecke eingespannt wird - allein für unsere Mitwirkungsbereitschaft kann uns ja niemand einen Vorwurf machen :)
Stuzerl 27.12.2005
5. Die Moral - was ist das?
---Zitat von sysop--- Wie sehen Sie es: Stets Flagge zeigen und sich empören oder kühl bleiben? ---Zitatende--- WOW, ich finde Ihren Beitrag sehr klasse und treffend auf die Umgebung Deutschland formuliert. Seit dem wir am Halsband der Globalisierung hängen, verändert sich die Moral der Deutschen. Die Oben - geschult und trainiert im Führungssessel von amerikanischer Unternehmensdenken - bekommen ihren Hals nicht voll und die Unten - immer brav kopfnickend nach oben und bloß nicht den Job verlieren - nagen am Exisitenzminimum. Früher, wenn man am Stammtisch saß oder sich in gesellschaftlicher Runde aufhielt, waren Gesprächsthemen wie Sankastenliebe und Urlaubshighlight, normal und bestimmend. Im Inneren loderte nicht die Angst vor der Zukunft, man war ausgelichen und konnte noch herzhaft lachen. Heute wird nur noch gejammert. Ob nun ein VW-Vorstand mit leichten Frauen Betriebsräte besticht (nebenbei noch etwas Politik aufzwängt), oder die Krankenversicherungsbeiträge zum xten Male ansteigen, egal, nur noch Futter zum Jammern. Die Schere zwischen egoistisch und solidarisch klafft immer mehr auseinander. Ellbogendenken und kompromisslose Selbstverwirklichung stehen auf der Agenda der Deutschen. Was kümmert mich danach, heute zählt. Und wenn 260.000 Menschen den Bach runter gehen, na und, spenden wir halt 30 Euro, Hauptsache mein Urlaub ist gesichert. Ich muß schauen wo ich bleibe. Dem Deutschen geht die Luft aus ... und leider auch Moral und Menschlickeit.
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