Hamburg oder Berlin Die Bahn, die "Bild" und der Kampf der Lokalausgaben

Die Bahn-Zentrale soll von Berlin nach Hamburg umziehen. Die "Bild", Deutschlands größte Boulevardzeitung, ist in beiden Städten präsent - und hat ein Problem: Welche Stadt ist besser? Seit heute führt das Blatt eine amüsante Kampagne gegen sich selbst.

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Hamburg - Mit ihren vielen regionalen Ausgaben beweist die "Bild"-Zeitung größtmögliche Lokalkompetenz, das war schon immer eine der Stärken von Deutschlands meistgelesener Boulevardzeitung. Die Verankerung im Lokalen bringt aber auch Probleme mit sich: Im Fußball führt die "Bild" schon seit Ewigkeiten Krieg gegen sich selbst. Wenn der HSV gegen Hertha verliert, wird in der Alster-"Bild" gejault, während die Spree-Ausgabe jubelt.

"Bild"-Hamburg von heute: "22 Gründe, warum Berlin gegen Hamburg schon verloren hat"

"Bild"-Hamburg von heute: "22 Gründe, warum Berlin gegen Hamburg schon verloren hat"

Seit Hartmut Mehdorn nun seinen Plan öffentlich machte, die Bahn-Zentrale von Berlin nach Hamburg zu verlegen, liegt der ohnehin seit Jahren in den Kneipen auf dem Schulterblatt oder am Prenzlberg schwelende Wettstreit der Städte plötzlich ganz offen: Welche Stadt ist cooler, besser, schicker - Hamburg oder Berlin? Alsterwasser oder Berliner Weiße? Wowi oder Ole? Wenn es um die Bahn geht, muss endlich eine Entscheidung her. Aber wie verhält man sich als Meinungsmacher-Medium Nummer eins bei so einem heiklen Thema?

Die "Bild" reagiert auf dieses blattmacherische Dilemma ganz pragmatisch: Jedem seine eigene Meinung. Die Hamburg-Ausgabe nennt heute auf Seite drei gleich 22 Gründe, warum die Hansestadt am besten geeignet ist, die Bahn zu beherbergen; die Berliner führen an gleicher Stelle ebenfalls Argumente auf, warum die Hauptstadt kein bisschen piefiger ist als Hamburg - allerdings kommen von der Spree nur 20 Gründe, und der ganze Artikel ist weniger pompös aufgemacht als in der Hamburger Ausgabe.

"Bild"-Berlin von heute: "20 Gründe, warum Berlin besser ist als Hamburg"

"Bild"-Berlin von heute: "20 Gründe, warum Berlin besser ist als Hamburg"

Lässt das tief blicken? Eigentlich nicht, denn eine Tendenz lässt sich beim besten Willen nicht erkennen: Da kämpft zum Beispiel Rathaus gegen Rathaus: "Unser Rathausturm ist stolze 112 Meter hoch, das Rote Rathaus in Berlin gerade mal 74 Meter", tönt es von der Elbe. Berlin hält der Reeperbahn-Metropole hämisch entgegen: Man habe schließlich "Artemis, Europas größtes Bordell (4000 Quadratmeter)", Hamburg hingegen die "größte Gräberanlage (Olsdorfer Friedhof, 4 Quadratkilometer)". Außerdem müsse man in Berlin "kein Labskaus essen".

Dafür aber Currywurst! Mit stolzgeschwellter Brust heißt es in der Hauptstadt-"Bild": "Die Currywurst ist ein Berliner". Stimmt nicht, meinen die Hamburger Redakteure und halten dagegen, dass die scharfe Wurst im Jahre 1947 erstmals am Großneumarkt in der Hansestadt verkauft wurde. Ein Punkt für Hamburg.

Aber natürlich wird auch unter die Gürtellinie gezielt: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit sehe nun einmal besser aus als sein Hamburger Kollege Ole von Beust und der Hamburger Bahnhof stehe "ja eh schon in Berlin". Auf so viel Unverfrorenheit reagieren die Hamburger mit einem Hieb an die empfindlichste Stelle: Die Hanseaten führten nur 36.000 Hunde Gassi, die Berliner aber 107.804, "das ergibt 15 Tonnen Hundekot in Hamburg, 55 Tonnen in Berlin".

So geht die absurde Kampagne "Bild" gegen "Bild" weiter, Schlag um Schlag. Es wird mit Bundesliga-Tabellenplätzen, Binnengewässern, Sterneköchen und Niederschlagsmengen pro Jahr gefochten, bis am Ende tatsächlich ein klares Unentschieden steht. Bravo, "Bild", für so viel Basisdemokratie.



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