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Städte der Zukunft: Grün ist die Hoffnung

Von Rainer Müller

Immer mehr Menschen quetschen sich auf immer weniger Raum, in den Großstädten regieren grauer Beton und kaltes Glas. Jetzt arbeiten weltweit Stadtplaner daran, unseren Metropolen einen Hauch von Natur zu verleihen.

Jeder New York-Besucher kennt ihn, in jedem zweiten Kino-Film ist er zu sehen: der Central Park, grüne Lunge inmitten der Hochhäuser von Manhattan. Ein krasser Kontrast von Stadt und Natur und ein perfektes Fotomotiv. Aber sonst ist es inmitten der Wolkenkratzer-Metropole nicht wirklich grün. Schlicht kein Platz. Doch die New Yorker sind kreativ; was nicht passt, wird passend gemacht.

Im vergangen Herbst eröffnete der High Line Park, eine ehemalige Hochbahntrasse, die für Fußgänger umgebaut und begrünt wurde - ein Park auf Stelzen. Jetzt soll die nächste Vision Wirklichkeit werden: zehn grüne Inseln rund um Manhattan.

Der Vorschlag des New Yorker Büros Present Architecture soll mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Neben dem grauen Stadtbild fallen in New York rund vier Millionen Tonnen organischer Biomüll jährlich an. Bislang wird er zusammen mit dem restlichen Müll auf Deponien an den Stadtrand gekarrt. Das Büro präsentierte folgende Idee: multifunktionale Kompostier-Inseln. Auf jeder Insel soll eine unterirdische Anlage errichtet werden, auf dem Dach wäre Platz für Parks und Nachbarschaftsgärten.

Gleisanlagen zu Grünflächen!

Das spektakulär - oder auch spinnert - anmutende Projekt vereint Ideen, die andernorts schon Realität sind. Einige davon stellt die Ausstellung "Stadtgrün 3.0 - Ideen, Projekte und Visionen zur Begrünung von Metropolen" vor, die jetzt im Hamburg Museum zu sehen ist.

Nur wenige Kilometer vom Museum entfernt gibt es dazu bereits realisierte Beispiele. "In Hamburg-Wilhelmsburg haben wir vor zwei Jahren eine Mülldeponie in einen Energieberg verwandelt, der grüne Energie liefert und gleichzeitig als Grünfläche der Naherholung dient", erklärte Hamburgs Umweltsenatorin Jutta Blankau bei der Ausstellungseröffnung. "In der Hafencity", so Blankau weiter, "wird zurzeit eine künstliche Halbinsel aufgeschüttet" - als Park und Spielplatz für das bis 2020 entstehende Wohnquartier am Baakenhafen.

Hamburg wächst jährlich um 10.000 Einwohner - und parallel dazu wächst der Unmut vieler Bewohner darüber, dass immer mehr Grünflächen bebaut werden, die Mieten steigen und Verkehrsbelastungen zunehmen. Wachstumsschmerzen, die auch andere Metropolen kennen und sich in Interessenskonflikten spiegeln. Wo bleibt in der wachsenden Stadt das Grün? "Die großen Flächen wie vor 100 Jahren stehen heute nicht mehr zur Verfügung", verweist Kurator Nils Jockel auf die historischen Stadtparks. Alternativen müssen her, bevor der Dichtestress zu groß wird.

Die Konversion stillgelegter Bahnflächen, wie der Park am Gleisdreieck in Berlin, von Flughäfen und Industriebrachen, bietet Potenziale für Parks. Im kleineren Maßstab gilt dies auch für begrünte Flachdächer oder hängende Gärten an Hausfassaden und Lärmschutzwänden.

Garten über der Themse

Für große Aufmerksamkeit sorgt aktuell eine Projektidee in Hamburg, wo nach dem Willen der Stadtteilinitiative Hilldegarden ein "Stadtgarten" auf dem Dach eines gewaltigen Flakbunkers in St. Pauli entstehen soll. Der Bunker wird seit Jahren von einem bekannten Musikclub und verschiedenen Unternehmen genutzt. Nun soll er mit einem Aufbau für weitere Veranstaltungsräume versehen und begrünt werden. Drinnen Tanzen, draußen Gärtnern, so die Idee. Auch in Hamburg ist wie in vielen Großstädten Urban Gardening schon fast Teil der Populärkultur - auch dies ein Ausdruck der Sehnsucht der Großstädter nach Grün. Das Projekt ist umstritten, manche Bewohner befürchten eine weitere Kommerzialisierung und Gentrifizierung des Stadtteils.

"In wachsenden Städten steigen die Interessensgegensätze, die Verhandlungsprozesse um den städtischen Raum ändern sich", so Lisa Kosok, Direktorin des Hamburg Museums. "Wir bewerten die Projekte nicht, wir stellen dar. Die Ausstellung will Ideengeber sein und zeigen, welche Ideen es in Deutschland und im Ausland gibt" (eine Übersicht finden Sie hier).

Ähnlich wie in New York gibt es in Paris bereits die ältere Promenade Plantée, eine ehemalige Hochbahntrasse. Vergleichbare Projekte sind in Rotterdam, Mexiko Stadt und San Francisco geplant. In London könnte 2018 eine Garden Bridge für Fußgänger über die Themse führen. Andernorts wurden Schnellstraßen nachträglich in Tunnelröhren verlegt oder "überdeckelt". In Madrid haben die Bewohner so seit 2007 wieder Zugang zum parkartig umgestalteten Ufer des Flusses Manzanares. In Hamburg haben die Bauarbeiten an einem Gartendeckel über die A7 begonnen.

Die Schau stellt viele dieser Projekte - wortwörtlich - gegenüber. Beleuchtete Pflanzkästen enthalten Abbildungen und Texttafeln zu den jeweiligen Vorhaben. Die gleichen Pflanzkästen, die bei Urban Gardenern so beliebt sind.


Stadtgrün 3.0, Hamburg Museum, Öffnungszeiten: 23.01. - 19.04.2015: Di-Sa 10-17 Uhr, So 10-18 Uhr

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Die Idee ist super
tao chatai 22.01.2015
aber das erste Foto wirkt ueberladen
2. Alles Bullshit
rockwater 22.01.2015
Man kann diese Monsterstädte nur einebnen und zukünfig das Modell der selbsterversorgend-nachhaltigen klein-bis mittlereren Lebens-, Arbeits-u. Wohnstrukturen präferieren. Alles Große ist Müll.
3. Hihi
sanook 22.01.2015
Wovon manche hier träumen ist wirklich zu niedlich :)
4. Der Autor hat keine Ahnung, wovon er schreibt
hdudeck 22.01.2015
1) Der High Line Park wurde nicht letztes Jahr eroeffnet, sondern der dritte Abschnitt vollendet. (Im vergangen Herbst eröffnete der High Line Park, eine ehemalige Hochbahntrasse, die für Fußgänger umgebaut und begrünt wurde - ein Park auf Stelzen). 2) NYC Muell wird nicht am Stadtrand gelagert, sondern bis nach Pennsylvana und sogar Wisconsin gekart. (Bislang wir er zusammen mit dem restlichen Müll auf Deponien an den Stadtrand gekarrt. ) 3) Es gibt vielmehr Parks, als der Autor vermutet. Die sind zwar nicht ganz so gross wie der Central Park, aber vorhanden. Zudem wurden in den letzten Jahren ueber 100.000 Baeume gepflanzt. Die Nordwestspitze von Manhattan ist ein grosses Waldgebiet. Vielleicht haette der Autor besser mal nachgesehen. (Aber sonst ist es inmitten der Wolkenkratzer-Metropole nicht wirklich grün) Und zudem sind auf vielen Balkonen und Dachterrassen Baeume geplanzt, die Teilweise hoeher als drei Meter sind. Manhattan ist gruener, als der Autor vermutet. Vielleicht mal vorbeischauen und mit offenen Augen ansehen.
5. Für Gärtnereien zweifellos ein gutes Geschäft, das auch Arbeitsplätze schaffen dürfte
neanderspezi 22.01.2015
Man muss nur erlebt haben, wie eine Stadtverwaltung den Wünschen einzelner Bürger nachzukommen sich bemühte, um die Pappelallee auf einer Straßenseite, die den Anwohnern den Anblick von Industriegebäuden dahinter von Frühling bis Herbst verhüllte, wegen des störenden Laubs im Spätherbst in aller Frühe flott umsägen zu lassen, ohne die Wünsche der Anwohner, die dies absolut nicht wollten zu hören oder gar zu berücksichtigen. Eine Art Kübelkultur zur Belebung eines Beton- und Glasdschungels ist zwar besser als den nackten Architektursünden permanent ausgesetzt zu sein, aber ein natürliches Biotop zur Erholung von Geist und Seele in nicht zu bescheidener Dimension ist zweifellos bedeutend erholsamer und für Mensch und Tier zusätzlich noch viel wertvoller.
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