Hamburger Elbphilharmonie Kosten für Prestigebau explodieren

Alle guten Dinge sind billig, alle schlechten teuer. Wer dieses Bonmot des US-Autors Henry David Thoreau glaubt, muss folgern: Hamburgs neuer Prestigebau wird sehr schlecht. Denn der Bau der Elbphilharmonie wird fast doppelt soviel kosten wie geplant.


Hamburg - Wer hoch hinaus will, muss tief in die Tasche greifen. Dieses Motto gilt spätestens seit diesem Mittwoch für eines der ambitioniertesten Architekturprojekte Deutschlands: die Elbphilharmonie im neuen Hamburger Stadtteil Hafencity.

Nachdem in den Sommermonaten verschiedene Medien wiederholt über eine mögliche Kostenexplosion bei dem Prestigebau spekuliert hatten, ist das Debakel nunmehr amtlich: Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck teilte mit, dass der bis dato veranschlagte Preis nicht mehr gilt.

Nach Verhandlungen mit dem zuständigen Generalunternehmer, dem Baukonzern Hochtief, und den Schweizer Architektenstars Jacques Herzog und Pierre de Meuron, geht die parteilose Politikerin jetzt von stolzen 137 Millionen Euro Nettomehrkosten für den Bau aus. Hochtief hatte den Angaben zufolge sogar 270 Millionen Euro zusätzlich verlangt.

Die erste Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2005 hatte für das Prestigeprojekt an der Elbe insgesamt nur 186 Millionen Euro eingeplant - die derzeit erwarteten Baukosten sind also fast doppelt so hoch.

Mit gestiegenen Baukosten allein ist es aber nicht getan, wie die Senatorin einräumen musste: Höhere Baunebenkosten schlagen nunmehr mit 30 Millionen Euro zu Buche, auf die jetzt erzielte Einigung wird eine Umsatzsteuer von 22 Millionen Euro fällig. Zudem ist ein "Budget für Unvorhergesehenes" in Höhe von 20 Millionen Euro vorgesehen.

Die Veränderungen im Bau und die Verlängerung der Finanzierung führten nach den Angaben bereits jetzt zu absehbaren Mehrkosten im Unterhalt von durchschnittlich 1,7 Millionen Euro jährlich über die nächsten 20 Jahre.

All das beläuft sich auf eine mehr als stattliche Summe: Allein die öffentliche Hand wird insgesamt 323 Millionen Euro für die Elbphilharmonie zahlen müssen.

Der bisher immer mit ausgewiesene Gesamtpreis des Gebäudes - zu dem Konzerthaus kommen ein privat finanziertes Luxushotel und Wohnungen - wurde gar nicht mehr genannt. "Da müssen sie Hochtief fragen, aber die werden ihnen auch nichts sagen", sagte der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Elbphilharmonie Hamburg Bau KG, Johann Lindenberg. "Es gab nicht so viel Harmonie bei der Elbphilharmonie. Dies galt es zu lösen."

Und wer darf's bezahlen? Da weiß Senatorin von Welck Rat: Die zusätzlichen Kosten sollen aus Steuermehreinnahmen des Jahres 2008 beglichen werden - zumindest zum Teil.

Die Elbphilharmonie, das wurden die Verantwortlichen bisher nicht müde zu betonen, sollte ein Leuchtturm für die Hafencity sein, derzeit Europas größtes innerstädtisches Bauprojekt.

Bisher wirft der Leuchtturm Elbphilharmonie allerdings eher dunkle Schatten, als dass er die Gemüter erhellen würde. Anders formuliert: Vor allem dieses Jahr eskalierte der Streit zwischen den Beteiligten um Zeitpläne - und ums Geld.

So hatte von Welck schon im Juni verkünden müssen, dass das schmucke Konzerthaus wohl erst im Herbst 2011 seine Türen für die Besucher öffnen wird, rund ein Jahr später als ursprünglich geplant. Diesen Termin präzisierte sie nun. Jetzt gilt: Im Mai 2012 soll der Spielbetrieb starten.

Mitte September reagierte dann Ole von Beust (CDU) auf die zu erwartenden Mehrkosten und Verzögerungen beim Bau: Der Bürgermeister der Hansestadt bat den Geschäftsführer der für die Elbphilharmonie zuständigen Realisierungsgesellschaft ReGe, Hartmut Wegener, seinen Posten zu räumen. Wegener wolle der Bitte nachkommen, teilte die Senatskanzlei damals mit - und umschrieb so freundlich einen Rausschmiss.

Von Beust dagegen wollte in dem Abgang Wegeners lieber einen Neuanfang sehen, der, so konstatierte er immerhin, sinnvoll sei - denn das Vorhaben Elbphilharmonie befinde sich in einer "nicht einfachen Lage".

Das war durchaus euphemistisch formuliert, wie das aktuelle Eingeständnis seiner Senatorin zeigt. Selbst wenn die Geschichte des Elbphilharmonie-Projektes kaum Anlass dazu gibt, mimte von Welck bei der Verkündung der schlechten Botschaft die Optimistin: "Nun haben wir die größtmögliche Kosten- und Terminsicherheit erreicht."

tdo/dpa



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