Hamburger Gängeviertel: Konflikt zwischen Besetzern und Investor spitzt sich zu

Von Christoph Twickel

Es sah gut aus für die Besetzer des Hamburger Gängeviertels: Der Investor, der das historische Ensemble durch lukrative Neubauten ersetzen will, hatte Geldprobleme. Jetzt zahlte er eine fällige Rate - droht das Aus für die traditionsreiche Kulisse?

Hamburger Gängeviertel: "Das ist keine Kulturpolitik" Fotos
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Seit fast zwei Monaten halten rund 200 Künstler und Kreative das Hamburger Gängeviertel besetzt - jetzt gehen die Auseinandersetzungen um den historischen Gebäudekomplex in die nächste Runde. Denn der holländische Investor, der vor drei Jahren die sanierungsbedürftigen Backsteinhäuser gekauft hatte, ist aus der Versenkung aufgetaucht.

"Der Investor Hanzevast hat die für den Verkauf des Gängeviertels fällige Rate fristgemäß gezahlt" heißt es in einer knappen Pressemitteilung der Hamburger Kulturbehörde. "Und damit hat er signalisiert, dass er an seinen Entwicklungsplänen für das Gängeviertel festhalten und den Vertrag auch weiterhin erfüllen will."

Noch im Sommer sah es so aus, als habe die Wirtschaftskrise den Immobilienfonds kalt erwischt. Man werde das Projekt nicht ohne einen Partner umsetzen können, ließen die Holländer verlauten. Und so zeigte sich Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck denn auch überrascht: "Alle Anzeichen wiesen erstmal in eine andere Richtung", erklärte von Welck am Dienstagvormittag.

Senat in der Kritik

In der Hansestadt ist das Gängeviertel mittlerweile ein Politikum: Der Investor will ein Neubauensemble mit Eigentumswohnungen und Büros bauen, von der denkmalgeschützten Substanz blieben dann nur ein paar dekorative Fassadenelemente übrig.

Im Zuge der Besetzung durch die Initiative "Komm in die Gänge" war der Senat stark in die Kritik geraten: "Wegen des schnellen Geldes" habe Hamburg das letzte Überbleibsel der historischen Viertel geopfert, die sich einst vom Hafenrand bis in die Innenstadt zogen, kritisierte etwa Regisseur Fatih Akin.

Malerstar Daniel Richter engagierte sich als Schirmherr der Besetzung: In Hamburg sei "jede ästhetische oder soziale Überlegung sofort hinfällig", wenn es um Geld ginge, so der Künstler. Selbst das konservative "Hamburger Abendblatt" forderte, die Stadt müsse "endlich umdenken", wenn es um den Verkauf öffentlicher Grundstücke ginge.

Goldener Handschlag hinter den Kulissen?

Bis gestern sah es so aus, als ginge der Streit ums Gängeviertel gut aus. Die Kulturbehörde hatte durchblicken lassen: Falls der Investor seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkomme, könne man das Ensemble gemeinsam mit der Künstlerinitiative entwickeln.

Ist das jetzt hinfällig? Rückt demnächst ein polizeiliches Räumkommando an, um die Besetzung zu beenden? Von Welck wies solche Spekulationen zurück und verwies darauf, dass bis Montag noch eine dritte Rate zu bezahlen sei. Hanzevast war für einen Kommentar nicht zu erreichen; die Besetzer lassen verlauten: "Wir wollen bleiben. Es geht uns um dieses Viertel, mit einem Alternativangebot lassen wir uns nicht abspeisen."

Die Senatorin wollte nicht ausschließen, dass es auch Alternativen zum Neubau geben könnte - was darauf hindeutet, dass man hinter den Kulissen über einen goldenen Handschlag verhandelt.

Für den angeschlagenen Investor ist es jedenfalls sinnvoll, den Zahlungsverpflichtungen auch dann nachzukommen, wenn man nicht vorhat zu bauen: Dann müsste Hamburg nämlich eine saftige Konventionalstrafe zahlen, um aus dem Vertrag aussteigen zu können.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. .
lemming51 20.10.2009
Möchte wetten, dass der holländische Investor da ein Zockerspielchen treibt. Im übrigen sollte das Viertel erhalten bleiben.
2. Ich wundere mich, dass der Hamburger Senat...
LadyWanda, 20.10.2009
... so bekloppt ist und dieses miese Spielchen mitmacht. Dabei ist Hamburg ja weiß Gott nicht eben reich an historischer Bausubstanz - und das Gängeviertel ist noch ein letzter Rest wo ein Minimum an Atmosphäre zu finden ist. Aber für Geld ist anscheinend alles möglich - und wer mit ausreichend großen Scheinen wedelt, legt offensichtlich bei gewissen Entscheidungsträgern sämtliche Hirnfunktionen lahm. Ich wünsche den Hausbesetzern einen langen Atem, einen dicken Packen Zivilcourage, viel Unterstützung von Hamburger Normalbürgern und vor allem gute Anwälte...
3. Avanti Dilettanti!
Don Lucio 20.10.2009
Die jetzige Situation im Gängeviertel ist ein weiteres trauriges Beispiel für das unglaublich dilettantische Projektmanagement der Hamburger Schwarz-Grün-Koalition. Der holländische Investor hatte bereits detaillierte Pläne in trockenen Tüchern. Ob man die gut oder schlecht findet, hätte man (die Künstler-Szene oder andere Betroffene) diskutieren müssen, *bevor* die Verträge unterschrieben waren. Das geschah aber nicht, der Investor bekam gültige Verträge. Gemäß dieser Verträge hatte der Investor bis 19.Oktober Zeit, eine Rate zu überweisen. Was in aller Herrgott's Namen veranlaßte die Hamburger Behörden, schon drei Wochen vor Ablauf dieser Frist mit der Nichteinhaltung der Frist zu spekulieren und so zu tun, als wären damit die Investor-Pläne schon so gut wie hinfällig? Und der Besetzer-Szene ein Signal zu geben, unberechtigte Hoffnungen entstehen zu lassen? Hoffnungen, die inzwischen ein politisches Eigenleben entwickelt haben mit der Folge, dass Hamburg nun zwischen Baum und Borke steht: Entweder die Besetzer wieder zurückzudrängen (und mit einer Vielzahl Hamburger Sympathisanten Streit anzufangen) oder dem Investor mit viel Geld ("Goldener Handschlag") seine Vertragsunterschrift wieder abzukaufen. Hamburg hat sich vollkommen ohne Not in diese Situation manövriert, in der die Stadt jetzt nur noch verlieren kann. Es ist noch nicht lange her, dass das Prestige-Projekt "Elbphilharmonie" beinahe gescheitert wäre; damals hatte man den Projektleiter wg. erwiesener Inkompetenz entlassen. Beim Thema "Gängeviertel" sind es aber hochrangige Senats-Mitglieder, die verantworlich sind, leider kann man die nicht so einfach abschießen. Leider ist auch eine Abstrafung mit dem Wahlzettel keine Lösung, denn gegenwärtig ist das Maß an Unprofessionalität bei der CDU kaum geringer als bei der GAL. Mein armes Hamburg!
4. Gaengeviertel
marypastor 20.10.2009
Zitat von LadyWanda... so bekloppt ist und dieses miese Spielchen mitmacht. Dabei ist Hamburg ja weiß Gott nicht eben reich an historischer Bausubstanz - und das Gängeviertel ist noch ein letzter Rest wo ein Minimum an Atmosphäre zu finden ist. Aber für Geld ist anscheinend alles möglich - und wer mit ausreichend großen Scheinen wedelt, legt offensichtlich bei gewissen Entscheidungsträgern sämtliche Hirnfunktionen lahm. Ich wünsche den Hausbesetzern einen langen Atem, einen dicken Packen Zivilcourage, viel Unterstützung von Hamburger Normalbürgern und vor allem gute Anwälte...
Sage ich auch. Die da im Senat muessen nicht ganz dicht sein. Meine Grossmutter ist 1878 noch im Gaengeviertel geboren worden. Ich kenne die Strassen auswendig. Ein Abriss zu Gunsten von Bueros ? Ueberhaupt: hollaendischer Investor ! Den sollte man mal fragen, was die Leute in Amsterdam sagen wuerden, wenn alten Grachten bloeden Bueros weichen muessten.
5. HH ist ein Schatten seiner selbst
a.weishaupt 21.10.2009
In gewisser Weise gilt dies für alle deutschen Großstädte, aber wer Vorkriegsbilder von Hamburg sieht, kann selbst bei Bemühen um nüchterne Betrachtungsweise nur staunen, was hier untergegangen ist - und einfach in der Versenkung gelassen wurde. Da waren im Osten der Stadt kilometerlange, prächtige Magistralen mit einem dichten Straßenbahnnetz, wo jetzt nur noch 50er-Jahre-Backsteintrümmer und 6-spurige Ausfallstraßen das Stadtbild bestimmen. Da war am Hafen streckenweise noch ein dichtes Gewirr an historischen Häusern, das erst in den 1970ern abgerissen wurde. Die Bezeichnung Geburtsstadt als "schöne Stadt" kann man angesichts dieser katastrophalen Veränderung nur als unfreiwillig komisch bezeichnen. Nun ist die Katastrophe ohnehin schon geschehen, aber man schickt sich an, auch noch den letzten Rest des Tafelsilbers einzuschmelzen. Begreift der Senat denn nicht, was Hamburg ohne die letzten verbliebenen Altbaugebiete (Sternschanze, Eimsbüttel, nördliches St. Georg usw) noch wert wäre? Da aus ideologischen Gründen leider heute nicht mehr so gebaut wird, sind Bauten wie die hier zur Disposition stehenden von unschätzbarem Wert! Kein Investor kann den Preis zahlen, der fairerweise dafür gezahlt werden müsste.
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