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Hamburger HafenCity: Viele Ahs für ein O

Von Dirk Meyhöfer

Die HafenCity wird zum Architekturmuseum der Zukunft. Erst kam die Elbphilharmonie, jetzt begeistert Rem Koolhaas, Lichtgestalt des modernen Urbanismus - mit dem Plan für ein Science Center in Form eines gigantischen O.

Ein Schaufenster der Forschung solle es sein, schwelgte Hamburgs parteilose Kultursenatorin Karin von Welck. Und Oberbaudirektor Jörn Walter zeigte sich einfach nur überrascht. Bei der gestrigen Präsentationspremiere für das spektakuläre Science Center in der HafenCity hieß ein begeistertes Publikum den wohl begabtesten und wichtigsten Städtebauer dieser Zeit willkommen: Rem Koolhaas. Und der niederländische Architektenstar hatte tatsächlich eine Überraschung im Gepäck: Eine dichte Packung aus Aquarium, Wissenschaftstheater, Laboratorien und Büros soll direkt an der Wasserkante der Hafencity entstehen; mit 275.000 Quadratmetern Fläche das architektonische Herzstück des Überseequartiers. Weil schwierige Aufgaben geniale Lösungen erfordern, hat Koolhaas eine sinnige Variante der guten alten Quadratur des Kreises gefunden. Der seit 1980 in Rotterdam ansässige Koolhaas liebt die Härte und Klarheit von Containern. In seinem neuen Entwurf für das Science Center stapelt er sie nun asymmetrisch auf und gelangt so zur Form eines Kreises: Ein riesiges, kantiges O am Norderelbestrand, 70 Meter hoch und hohl. Das Ruppige dieses Klötzchen-Kreises ist eine Hommage an den Hafen Hamburgs auf der anderen Elbseite, wo ganze Landschaften aus aufgetürmten Hafenkisten Touristen, Eventkünstler und Fotografen anziehen.

Das Konzept ist bereits der zweite Anlauf von Koolhaas und seinem Team. Zunächst hatte er für das Science Center und das geplante neue Kreuzfahrtterminal mit Hotel zwei bauliche Alter Egos vorgeschlagen, die einem stehenden und einem liegenden Käsestück ähnelten - nicht sonderlich originell, aber spektakulär. Weil sich die liegende Hälfte aber als nicht groß und funktional genug erwies, entschloss sich Koolhaas einfach von vorn anzufangen: "Wir sind ja keine 'design beasts', sondern seriöse Architekten."

Nun erheben Koolhaas und sein Büro, das Office for Metropolitan Architecture, den Nachteil eines Multinutzungsmixes zum Konzept. Das Science Center mit einem Wissenschaftstheater, einem Aquarium, privaten Labors und Büros in einem Gebäude schafft zunächst ein Nutzungsprofil mit vielen Reibungen. Das Büro begriff daher das Science Center als "Weltbaukasten" und stapelte kurzerhand die zehn containerartigen Gebäudeelemente aufeinander, die wie Bühnen die sehr unterschiedlichen Nutzungskonzepte auffangen sollen.

Keine Design-Niedlichkeiten

Alles weitere ist Koolhaas'sche Logik. Die ringförmig gestapelten Gebäudeteile, die maritime Kraft und Masse seiner Bauteile entsprächen dem Charakter der historisch gewachsenen Uferbebauung: "Das Gebäude ist Symbol der wirtschaftlichen Vitalität der Hansestadt und Bühne für seine technisch-naturwissenschaftlichen Interessen." Die Hansestadt soll sich also mit dem großen O eine Art Rettungsring für seine Ambitionen als Wissenschaftsstandort bauen - und die HafenCity so ein Wahrzeichen mehr bekommen.

Die Idee, die Ruppigkeit eines Containers als Vorbild zu nehmen, ergibt an dieser Stelle durchaus Sinn, denn der raue Hafenwind und die Ferne zum historischen Hamburg benötigen keine Design-Niedlichkeiten. Drei Terrassen sollen das Bauwerk überdies mit der Stadt und dem restlichen Hafen verknüpfen. Die Planer wollen den Ort als vitale städtische Bühne und die HafenCity damit beleben - was sie bitter nötig hat.

Ob das aber wirklich so gut funktioniert? Schließlich will Koolhaas einen wenig praktischen Vertikalbau mit vielen Rolltreppen bauen. Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck, die HafenCity GmbH und die Projektentwickler jedenfalls gehen mit ihrer öffentlich erklärten Liebe zu Koolhaas' Projekt gewaltig in Vorleistung. Denn noch müssen Architektur und Nutzungskonzept im Detail abgestimmt, das Gebäude durchgeplant und vor allem die Gesamtkosten ermittelt werden. Baubeginn könnte dann frühestens die zweite Jahreshälfte 2009 sein, wenn eine darunter liegende U-Bahn-Trasse im Rohbau fertig gestellt ist.

Das Science Center liegt an einem besonderen Standort, unmittelbar am 10. Längengrad. Daher der Projektname: "10hoch". Das klingt sehr ambitioniert - wie die Hamburger Ziele.

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Science Center Hamburg: Weltbaukasten an der Elbe

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