Hamburger Ibsen-Premieren Wo die Träume schwarz verrieseln

Doppelter Henrik in Hamburg: Nach der Premierenserie im Thalia Theater eröffnet auch das Deutsche Schauspielhaus die Saison mit einem Stück von Ibsen. Der Gewinner dieser kleinen Theater-Fehde? Das Publikum.

A.T. Schaefer

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Als der schwarze Todesschnee langsam über die Bühne rieselt, ist endgültig klar: Dieser "Baumeister Solness" zum Saisonstart im Deutschen Schauspielhaus bohrt tief. Die Geschichte vom erfolgreichen Architekten, der mit Lebensangst, Ehefrust und Schuldgefühlen nicht mehr klarkommt, nimmt erst langsam Fahrt auf - bevor sie sich in einem hypnotischen Wirbel zum Höhepunkt emporzwirbelt.

Starregisseur Martin Kušej entwickelte in Hamburg aus der Psychologie der Figuren eine strenge Dramaturgie, die zwingend zur Katastrophe führte. Textnah, spannend, einfallsreich, obendrein ein Spielfest fürs Ensemble. Gleich zu Beginn schwebte Werner Wölbern als Titelheld Solness halsbrecherisch hoch über der Szenerie, ein Vorgriff auf seinen Tod - ein stiller, doch kraftvoller Paukenschlag zu Beginn des Abends. Der Hammer hing hoch, bevor er in den folgenden zwei Stunden konzentriert, aber gnadenlos niedersauste.

Henrik Ibsens Spätwerk (1892) fordert eine verdichtende Regie - es geht um ungelebtes Leben, Sex, Tod und Angst; das alles in der Zwangsjacke einer zerstörten Kleinstadtehe. Da könnten manche der von Ibsen eher sparsam und pointiert geschriebenen Konfrontationen zu exaltierten Regie-Kapriolen führen. Etwa, wenn nach zehn Jahren die inzwischen 22-jährige Hilde Wangel bei Solness auftaucht und an ein heikles Erlebnis erinnert - der Baumeister hatte ihre kindliche Bewunderung seinerzeit schamlos sexuell ausgenutzt.

Für die quälende Pein dieser Schlüsselszenen wählte Kušej als Akteurin die junge Katharina Schmidt, die im Geschlechterkampf mit dem nervösen Solness (der ehemalige Thalia-Mann Werner Wölbern) die besseren Karten hat. Ihr entfesseltes Girlie-Gehabe treibt den zwischen Lust und Angst pendelnden Mann zum selbstzerstörerischen Akt: Der Baumeister erklimmt als Liebesbeweis sein höchstes Gebäude und stürzt ab - er ist nicht schwindelfrei.

Schwerer, schwarzer Schnee

Dazwischen kämpft er einen zähen Kampf gegen seine Frau, seine Geliebte Kaja, seinen jungen Konkurrenten Ragnar. Er reitet seinen Vorgänger Brovik in Tod und Verzweiflung. Kein netter Kerl, dieser Solness. Zudem quält ihn seine vermeintliche Schuld am Tod seiner kleinen Kinder: Das von ihm erbaute Haus brannte ab und tötete sie. Seine Erinnerung rieselt mit schwerem, schwarzen Schnee hernieder - kraftvoll und doch federleicht presst das Schicksal die Solness-Seele. Wölbern spielt seinen Baumeister gehetzt, verschwitzt und voller Todesahnung: die perfekte Besetzung für die analytisch klare Inszenierung, die mit knalligen, schwarz-weißen Lichteffekten die Szenenfolge durchpeitscht.

Ebenfalls Ibsen, aber was für ein Kontrast: Im Thalia-Theater hatte tags zuvor "Peer Gynt" Premiere. Regie führte Jan Bosse, dessen "Faust I" (mit Edgar Selge) am Schauspielhaus immer noch der Abräumer schlechthin ist. Sein "Gynt" arbeitet sich solide bis exaltiert am Vers-Text in der Morgenstern-Übersetzung ab (mit ein paar aktuellen Einwürfen) und bietet dem neuen Thalia-Star Jens Harzer eine Rampe für seine Spielwut. Von Beginn an wühlt sich Harzer bissig und mit prononcierter Sprache bis zum Kern der Sätze und knetet sich seinen Peer Gynt, bis er nach dreieinhalb leidenschaftlichen Stunden endlich Frieden findet.

Verkaspertes Gezerre

Dazwischen entfalten sich auf der schlicht aber effizient gebauten Bühne (Stéphane Laimé) die Hirnströme und Bewusstseinskapriolen des Sinnsuchers und Phantasten Gynt: Ein Riesengebäude aus Pappkartons dient als Abenteuerspielplatz, als Projektionsfläche für Träume und Schauplätze, als ewige Baustelle und Falle - Land und Meer, Himmel und Abgrund, Grenze und Weite. Die Außenwelt als Peer Gynts Innenwelt: Die Stringenz der Bühnen-Erscheinung sorgt für stete Augenhöhe des Publikums mit dem Geschehen. Etwas lehrbuchhaft, aber eloquent und plakativ.

So tobte ein prototypisch modellierter "Peer Gynt" als Metapher für ständige Bewegung und dauernden Laborversuch am lebenden Subjekt über die Bühne. Flankiert von der großartigen Karin Neuhäuser in der Rolle der Ase durchlebt der nervös hechelnde und ständig zerfahren an sich herumzupfende Harzer-Gynt sein kräftezehrendes Leben: als nordisch-spröder Knäckebrot-Faust, eine ebenso rührende wie quälende Nervensäge, optisch treffend zwischen Stromberg und Liam Gallagher angesiedelt.

Allerdings überzeugen nicht alle Szene-Einfälle der Bosse-Regie: Die Troll-Sequenz ist verkaspertes Gezerre, und Kameraeinsatz allein erzeugt noch keinen dramaturgischen Druck. Dennoch auch hier: Beifall für die Schauspieler und das Regieteam.

Keine Frage: Das Schauspielhaus hat dem neuen Thalia-Team den künstlerischen Fehdehandschuh mit großer Geste zugeworfen - für die Hamburger Theaterlandschaft kann das nur von Vorteil sein.



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